Whitney – Can I be me

Whitney Houston definierte Pop-Musik neu und war dabei so erfolgreich wie kaum eine andere Künstlerin in den letzten 30 Jahren. Ihr tragischer Tod im Jahr 2012 wirft bis heute viele Fragen auf, die das Regie-Duo Nick Broomfield und Rudi Dolezal in dieser eindringlichen Dokumentation zu beantworten versucht. „Whitney – Can I be me“ interessiert sich nicht für die von der Musikindustrie erschaffene Kunstfigur oder das Etikett der „Popdiva“. Stattdessen rücken bislang unveröffentlichte Privataufnahmen den Menschen Whitney Houston in den Mittelpunkt. Und dieser – so die These – zerbrach letztlich an Fremdbestimmtheit, Rassismus und Homophobie.

Webseite: www.arsenalfilm.de

USA/UK 2017
Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal
Drehbuch: Nick Broomfield
Laufzeit: 105 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 8.6.2017

FILMKRITIK:

Es ist der 11. Februar 2012. Aus dem „Beverly Hilton“-Hotel in Beverly Hills geht ein Notruf ein. Hotelangestellte fanden kurz zuvor in der Badewanne einer Suite den leblosen Körper einer Frau. Später können die eintreffenden Rettungskräfte nur noch deren Tod feststellen. Bei der Toten handelte es sich um niemand anderen als Whitney Houston – das Ausnahmetalent der amerikanischen Popmusik. Nicht nur die Musikwelt steht fortan unter Schock. Wie konnte es nur dazu kommen? Was waren die Hintergründe für dieses Unglück? Spielten vielleicht Drogen eine Rolle? Das dramatische Ende von Houstons viel zu kurzem Leben – die Popdiva starb mit 48 Jahren – stellen die Regisseure Nick Broomfield und Rudi Dolezal ganz bewusst an den Beginn ihrer sehr privaten Spurensuche, bei dem der Mensch und weniger der Superstar im Mittelpunkt steht. „Sie starb an gebrochenem Herzen“ heißt es gleich zu Beginn. Das mag zunächst etwas pathetisch klingen, trifft aber vermutlich einen wahren Kern.
 
Natürlich zitieren auch Broomfield und Dolezal die musikalische Erfolge Houstons, ihre weltweit über 170 Millionen verkauften Alben und Singles, ihre Serie an Nummer-1-Hits und den Welterfolg „The Bodyguard“. Dabei sind diese Stationen hier lediglich Fixpunkte, die dem Publikum als Erinnerungsstützen dienen sollen. Tatsächlich nutzt „Whitney – Can I be me“ die Musikkarriere der vielleicht größten Popkünstlerin der letzten Jahrzehnte nur zur Rekapitulation eines aus den Medien bekannten Images. Es ist vielmehr der Blick dahinter, der diese Dokumentation so spannend und mitreißend macht. Das im Umgang mit großen Musikstars versierte Regie-Duo – Broomfield drehte die Dokumentation „Kurt & Courtney“ über den mysteriösen Tod Kurt Cobains, Dolezal inszenierte vor allem in den Neunzigern unzählige Musikvideos – sprach mit Whitneys Familie, vor allem mit ihrer Mutter Cissy, ihren musikalischen Entdeckern, den Managern ihrer Plattenfirma Arista Records und ihren engsten Vertrauten. Zu letzteren gehörte seit Kindertagen Robyn Crawford. Robyn und Whitney waren praktisch unzertrennlich. Daran änderte selbst Whitneys spätere Ehe mit Bobby Brown nichts. Immer wieder kam es zu lauten, mitunter handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Robyn und Bobby, bei denen am Ende meist Whitney schlichten musste.
 
Robyn war Whitneys größte emotionale Stütze und – so legt es der Film nahe – mehr als nur die beste Freundin. Erstmals thematisiert eine Dokumentation offen Whitneys Bisexualität, die von ihrem Umfeld bis zuletzt totgeschwiegen wurde. Auch deshalb haben Houstons Erben dem Film ihre Zustimmung verweigert. Die Gründe für Whitneys Absturz und die jahrelange Drogensucht mögen zahlreich gewesen sein. Dass sie von der schwarzen Community nie wirklich akzeptiert und bei den legendären Soul Train Awards sogar auf offener Bühne ausgebuht wurde, betrachten Broomfield und Dolezal jedoch als einen Schlüssel zum Verständnis von Whitneys Verunsicherung. Für „Whitney – Can I be me“ nutzte das Regie-Duo zudem bislang unveröffentlichtes Material von ihrer letzten großen Welttournee 1999. Private Aufnahmen und Backstage-Mitschnitte belegen, dass Whitney bereits damals an ihre körperlichen wie psychischen Grenzen stieß. Das Bild, das sich aus diesen vielen intimen Momenten und den Interviews ergibt, wirft kein gutes Licht auf die amerikanische Gesellschaft, den Houston-Clan und das Popbusiness. Hier zerbricht ein Mensch – vor unseren Augen. Was bleibt, ist seine Stimme.
 
Marcus Wessel