Widows – Tödliche Witwen

Hochkarätig besetzt schickt Oscar®-Preisträger Steve McQueen drei couragierte Witwen im korrupten Großstadtdschungel Chicago auf Raubzug. Damit bricht der ehemalige Videokünstler in seinem packenden Thriller mit Geschlechterklischees. Denn meist legen Männer die Welt ohne weibliche Unterstützung in Schutt und Asche. Diesmal zeigt eine starke Riege aus Frauen, dass sie ihnen bei diesem Coup in nichts nachstehen. Mit Viola Davis oscarreifer Leistung in der Hauptrolle verweigert sich der Turner-Preisträger einmal mehr den rassistischen Strukturen des Hollywood-Filmbusiness. Dass seine afroamerikanische Leading Lady gleich zu Beginn mit dem irischen Schwergewicht Liam Neeson liebevoll das Bett teilt, ein weiterer Affront. Denn gemischte Beziehungen auf der Leinwand sind nach wie vor eher selten.

Webseite: www.widows-derfilm.de

USA, UK 2018
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Gillian Flynn
Darsteller: Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Jackie Weaver, Carry Coon, Liam Neeson, Colin Farrel, Robert Duvall, Daniel Kaluuya, Brian Tyree Henry
Musik: Hans Zimmer
Länge: 129 Minuten
Verleih: 20th Century Fox Filmverleih
Kinostart: 6. Dezember 2018

FILMKRITIK:

Frauen als Stichwortgeberinnen oder dekorative Ausstellungsstücke kommen in Steve McQueens („12 Years a Slave“) opulenten Thriller nicht vor. In kraftvoller Bildsprache verschafft der 53jährige Oscarpreisträger seiner starken Frauenriege Raum. In einer Welt aus Gewalt und Korruption macht er das repressive Geschlechterverhältnis zur Geheimwaffe des Coups. „Niemand glaubt, dass wir die Eier haben, um das hier durchzuziehen“, versichert die Witwe Veronica Rawlings (Viola Davis) ihren Mitstreiterinnen auf ihrem Raubzug.

Denn mit ihren kriminellen Machenschaften haben ihnen ihre erschossenen Ehemänner nur einen Berg Schulden hinterlassen. Und so gibt es für sie nur eine Chance. Sie versuchen sich das Geld aus dem großen Coup ihrer Männer zu beschaffen. Für Trauer bleibt da wenig Zeit. Vor allem die pragmatische Veronica, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, die von den zwielichtigen Geschäften lieber nichts wissen wollte, steht unter Druck. Denn die beiden afroamerikanischen Rivalen ihres Mannes Jamal Manning (Brian Tyree Henry) und sein Sohn Jatemme (Daniel Kaluuya) erpressen sie schamlos. Innerhalb von zwei Monaten will Manning, der damit seinen Wahlkampf finanzieren möchte, zwei Millionen.

Aber auch Linda Perelli (Michelle Rodriguez) hat nichts mehr zu verlieren. Hinter ihrem Rücken verscherbelte ihr geliebter Macho-Ganove (Manuel Garcia-Rulfo) den kleinen Laden der Mexikanerin. Vorbei ist es auch mit Alice Gunners (Elizabeth Debicki) goldenem Käfig, der sich für die blonde Bilderbuchschönheit längst in eine Hölle häuslicher Gewalt verwandelt hatte. Wie Alice sich auf einer Verkaufsshow eine Waffe für den geplanten Raubzug beschafft, ist ein ironischer Kommentar zum waffenverliebten amerikanischen Alptraum. Und als die alleinerziehende, taffe Friseuse Belle (Cynthia Erivo), die sich nur mit zwei Jobs gerade mal so über Wasser halten kann, noch an Bord kommt, ist das schlagkräftige Quartett komplett.

Immer wieder wartet die infernalische Tour de Force im korrupten Großstadtdschungel Chicago mit überraschenden Wendungen auf. Verstrickt in das Komplott sind nicht zuletzt gierige Politiker und ihre scheinheiligen Versprechen. Mit Viola Davis erneut oscarreifen Leistung in der Hauptrolle verweigert sich der Turner-Preisträger McQueen einmal mehr den rassistischen Strukturen des Hollywood-Filmbusiness. Dass seine afroamerikanische Leading Lady gleich in der ersten Szene mit dem irischen Schwergewicht Liam Neeson liebevoll das Bett teilt, ein weiterer Tabubruch. Denn gemischtrassige Beziehungen auf der Leinwand sind nach wie vor eher selten.

Spätestens seit Spike Lees „Jungle Fever“ sollte freilich bekannt sein, dass vor allem die blonde weiße Frau und der schwarze Mann an ihrer Seite bevorzugt als erotische Projektionsfläche dienen. Filme wie „One Night Stand“ mit Wesley Snipes und Nastassja Kinski, die solche Liebesbeziehungen unaufgeregt, ohne sexualisierten Blick zeigten, gab es lange nicht mehr. Damit sich der inzwischen zum „Sexiest Man 2018“ gekürte Schauspieler Idris Elba einer blonden Frau wie Kate Winslet nähern durfte, brauchte es das Survival-Drama „The Mountain between us“ samt Flugzeugabsturz. Streckenweise erinnert McQueens mutige Neuinszenierung der britischen TV-Serie „Widows“ auch an das coole Actiondrama „Set it off“. Mit einer fein ausbalancierten Mischung aus Humor und Tragik porträtierte Regisseur F. Gary Gray Ende der 1990er Jahre seine „Girlz 'N the Hood“.

Glaubwürdig beleuchtete er die schwierigen Lebensumstände und Beweggründe. Gefangen in miesen Jobs und der Alltagstristesse im Ghetto, zeigt er, wie sich das afroamerikanische Frauenquartett, ein großes Stück vom Kuchen abschneidet. Wenn Frauen auf der Leinwand freilich den Aufstand proben, bleiben sie, falls sie ihn überhaupt überleben, meist einsam zurück. Egal ob Pam Grier in „Jackie Brown“, Jada Pinkett-Smith in „Set it off“ oder Susan Sarandon und Geena Davis im radikalen Kultfilm „Thelma & Louise“. Kein Lover folgt ihnen, wenn sie den Finger am Abzug haben. Sie zahlen den Preis für ihre Rebellion. Bitten dagegen die Gentleman zur Kasse sieht das Ganze immer noch anders aus.

Luitgard Koch