Wie der Wind sich hebt

Der angeblich letzte Film des Meisterregisseurs Hayao Miyazaki erzählt in erneut wunderbarer Animation die melancholische Lebensgeschichte des japanischen Flugzeugentwicklers und Träumers Jiro. Dessen genialen Visionen trugen zu Tod und Vernichtung im Zweiten Weltkrieg bei, seine große Liebe endet tragisch. Ein erwachsener Zeichentrick, in dem spielerisch immer wieder fantastische Ideen Miyazakis aufblitzen.

Webseite: www.universumfilm.de

Japan 2013
Regie: Hayao Miyazaki
Länge: 126 Min.
Verleih: Universum Film in Kooperation mit Wild Bunch Germany
Kinostart: 17. Juli 2014

PRESSESTIMMEN:

"'Wie der Wind sich hebt' soll sein letzter Film sein, so hat es Miyazaki 2013 auf den Filmfestspielen von Venedig angekündigt. Dass er sich mit einem imposanten, melancholischen Kunstwerk mit politischem Anspruch verabschiedet, unterstreicht einmal mehr, was für eine Leitfigur Miyazaki für den Animationsfilm ist – und es auch lange nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn bleiben wird."
Der Spiegel

FILMKRITIK:

„Wie der Wind sich hebt“ erzählt vom Leben und den Träumen des Flugzeug-Ingenieures Jiro Horikoshi: Der kurzsichtige Japaner träumt vom Fliegen und trifft in seinen fantastischen nächtlichen Visionen immer wieder den italienischen Ingenieur Caproni. Dieser rät ihm denn auch, nicht selber zu fliegen, sondern Flugzeuge zu entwerfen. So beginnt Jiro in den Zwanziger Jahren mit seiner Karriere bei einem großen japanischen Ingenieursbüro und begeistert schnell Chefs wie Mitarbeiter mit revolutionären Ideen und innovativen Designs. Von Reisen vor allem zur legendären Junkers-Fabrik nach Deutschland bringt er in den Dreißigern Einsichten mit, die Japans Luftfahrt vorantreiben.  Er ist ein Columbus des Flugzeugbaus mit seinem Rechenschieber, den er 1923 beim verheerenden Erdbeben von Kanto auch als Schiene für ein gebrochenes Bein nutzt. Dabei lernt er zufällig auch seine Liebe Nahoko kennen. Ein große, tragische Liebe, denn die meist ferne Geliebte leidet an Tuberkulose.
 
Hayao Miyazaki ist bereits zu Lebzeiten eine Legende: 1985 gründete er das japanische Zeichentrickstudio Ghibli, das eine Marke für hochwertige und sehenswerte Animation werden sollte. Miyazaki selbst erhielt viele Auszeichnungen für seine magischen aber auch für Frieden und eine heile Umwelt kämpfenden Filme: Unter anderem einen Oscar und den Goldenen Bären für „Chihiros Reise ins Zauberland“ sowie den Goldenen Löwen für „Das wandelnde Schloss“. Wie großartig und tief menschlich seine Filme sind, zeigte die Pressevorführung zu „Ponyo“ bei den Filmfestspielen von Venedig: Rund Mitternacht rührte der anscheinend nur süße Kleinkinderfilm die hartgesottensten und meist zynischen Kritiker. „Wie der Wind sich hebt“ soll nun der letzte Film des 1941 in Tokio geborenen Meisterregisseurs sein. Es ist auf jeden Fall sein „erwachsenster“. Und war der erfolgreichste Film 2013 in Japan.
 
Die an Persönlichkeit ebenso wie an historischen Details reiche Zeichentrick-Geschichte spielt in einer schon verlorenen Vorkriegszeit, denn Japan hat bereits die Mandschurei überfallen. Dass Jiros in euphorischen Höhenflügen gefeierte Entwicklungen nur dem Militär dienen, wird in einem Film von Hayao Miyazaki selbstverständlich pazifistisch gebrochen. Nur ein Freund Jiros vertritt die naive Ansicht, man wolle allein die besten Flugzeuge bauen, nicht Krieg führen.
 
Miyazaki melancholische Lebensgeschichte eines anderen großen Träumers platzt fast voller Leidenschaft für das Fliegen, die schon früher immer wieder in fantastischen Film-Objekten und -Wesen erschien („Das Schloss im Himmel“). Vor allem in den verrückten Flugzeugen von Jiros Träumen um den italienischen Flugpionier Caproni blitzen immer wieder Andeutungen von magisch belebten Wesen auf, welche die früheren, „unrealistischeren“ Filme bevölkerten. Und auch der deutsche Fremde in einer Zauberberg-Sequenz (mit herrlichem „Das gibt’s nur einmal“ in Original-Deutsch mit japanischem Akzent) könnte einer dieser Zauberer in Menschengestalt sein, so wie der Vorgesetzte Kurokawa ein kleiner, immer grimmig blickender Gnom.
 
So ist „Wie der Wind sich hebt“ sehr reif in der tragischen, vom großen und großartigen Score unterstützten Liebesgeschichte, dabei gleichzeitig immer wieder kindlich verspielt. Wobei die hohe Kunst Miyazakis auch hier auf allen Ebenen zu genießen ist: Selbstverständlich ist es auch der leitmotivische Wind, der die Flugobjekte vom Papierflieger über den Schirm und die komödiantisch fliegenden Hüte trägt, der Jiros seine Liebe zufliegen lässt.
 
Und im vermeintlichen Kinder-Genre Zeichentrick tut sich eine psychologisch abgründige Theweleit-Orpheus-Geschichte auf, wenn sich die Geliebte für die Schöpfung des Mannes opfert. Wobei Nahoko Tod wiederum vom wunderschönen Wolken-Tanz des neuesten Flugzeuges begleitet wird. Ab hier klingt der außerordentliche und sehr besondere Film melancholisch aus, anrührende Melodien begleiten noch eine apokalyptische Landschaft voller Flugzeugtrümmer. Wenn  „Wie der Wind sich hebt“ tatsächlich als letzter Film von Miyazaki eine Art Vermächtnis ist, lädt er zum Wiedersehen und neu Verstehen des ganzen Werkes einer der fantastischsten Zeichentrick-Künstler unserer Zeit ein.
 
Günter H. Jekubzik

Am Anfang steht ein großer Traum. Der kleine Junge Jiro träumt, angeregt von dem berühmten italienischen Flugzeugdesigner G.B. Caproni, vom Fliegen. Er will Flugzeuge bauen und mit Ihnen die ganze Welt erobern. Ausgehend von diesem Kindertraum erzählt Hayao Miyazaki in seinem letzten Film die Geschichte des japanischen Flugzeug-Ingenieurs Jiro Horikoshi, der angeblich nur etwas Schönes erschaffen wollte und doch so tragisch endete. In einem der aufwendigsten Filme der Ghibli-Studios erzählt Miyazaki nicht nur ein dramatisches Biopic, sondern auch von der wechselvollen Geschichte Japans zwischen 1920 und 1950.
 
Eigentlich ist das Format dieses Filmes in Deutschland gar nicht bekannt. Ein Zeichentrickfilm ist hierzulande fast immer ein Kinderfilm, doch die Filme Miyazakis haben sich dieser Einordnung schon immer entzogen. Dies zeigte er hierzulande schon mit „Chihiros Sommer“, der 2002 nicht nur den Goldenen Bären, sondern auch einen Oscar gewann und irgendwie zwischen den Kinostühlen für Kinder und Erwachsene saß. Der Begriff Graphic Novel beschreibt seine Filme viel besser und deutet an, dass Zeichentrickfilme auch für Erwachsenen sein können, wie es in den letzten Jahren Filme wie „Waltz with Bashir“ und „Persepolis“ gezeigt haben. Doch Miyazaki hat immer beide Zielgruppen im Kopf. So beginnt sein neuer Film mit einer Fantasy-Sequenz, die an seine Filme „Das wandelnde Schloss“ oder „Das Schloss im Himmel“ erinnern.

Angeregt durch die Zeichnungen des italienischen Flugzeugdesigners G.B. Caproni begeistert sich der kleine Junge Jiro fürs Fliegen, doch bald schon muss er erkennen, dass er wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht Pilot werden kann. So beschränkt er sich darauf Flugzeuge zu bauen und nimmt nach der Schule ein Ingenieursstudium auf, das bald seine außerordentliche Begabung offenbart. Er arbeitet für verschiedene japanische Firmen, wird sogar nach Deutschland geschickt um bei Junkers zu lernen. Neben dieser sich schnell entwickelnden Karriere erzählt Miyazaki von Jiros Liebe zu Nahoko, die er auf einer Zugfahrt kennenlernt und 1923 aus dem großen Erdbeben in Kanto rettet. Gemeinsam überstehen sie die Große Depression, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Nahoko wird Opfer der Tuberkulose-Epidemie und für den 2. Weltkrieg entwickelt Jiro einen Kampfflieger, von denen er ganze Geschwader bauen ließ, aber kaum eines der vielen Flugzeuge wird wieder zurückkommen.

Es ist immer wieder erstaunlich, mit wieviel Emotionen Miyazaki seine Trickfilme anfüllen kann. Was wie ein Kinderfilm beginnt, geht als Biopic weiter, erzählt von einer großen tragischen Liebe und ist am Ende ein Abriss der japanischen Geschichte zwischen 1920 und 1950. Zuviel für einen Film? Nicht bei Miyazaki, dem sein letzter Film – er geht in den Ruhestand und will zukünftige Filme seinem Sohn Goro („Der Mohnblumenberg“) überlassen – sicher sehr am Herzen gelegen hat, wurde er doch als Sohn eines Flugzeugunternehmers in Tokio geboren. In „Wie der Wind sich hebt“ schlägt er durchaus kritische Töne an, stellt das Engagement Japans im 2. Weltkrieg in Frage und erzählt ein Biopic, das nicht nur unterhält, sondern auch von einem Japan erzählt, in dem es schwer war, zwischen Naturkatastrophen und 2. Weltkrieg den rechten Weg zu finden.

Kalle Somnitz