Wie die Anderen

Immer wieder ist das Thema Fachärztemangel Gegenstand hitziger Debatten. Nicht zuletzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie existiert dieses Problem. Filmemacher Constantin Wulff macht in seiner neuesten filmischen Fallstudie, „Wie die anderen“, deutlich, dass gerade diese Fachkräfte besonders benötigt werden. Sein eindringliches aber nie auf die Tränendrüse drückendes Werk, holt ein gesellschaftlich wenig diskutiertes Thema aus der Tabuzone: psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Anderthalb Jahre lang beobachtete er den Alltag in einer Jugendpsychiatrie nahe Wien. Ruhig und abgeklärt erzählt der Film von tragischen Fällen, die aber nicht hoffnungslos sind.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Österreich 2015
Regie: Constantin Wulff
Drehbuch: Constantin Wulff
Länge: 127 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 09. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Es ist ein gesellschaftliches Reiz- und Tabuthema, dem Regisseur Constantin Wulff hier aus der Deckung hilft und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht: „Wie die anderen“ rückt psychisch kranke Kinder und Jugendliche ins Zentrum und wirbt für einen entspannten, klischeefreien Umgang mit dem Thema in der Bevölkerung. Nicht wenige Menschen sind der Ansicht, psychische Erkrankungen können in unserer von Konkurrenzkampf und Leistungsdruck geprägten Zeit nur Erwachsene betreffen. Dass dem mitnichten so ist, zeigt die verblüffend unsentimentale Doku, die hautnah das tägliche Treiben auf der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Klinik nahe Wien, verfolgt. Hier versuchen junge Patienten, die unter schweren psychischen Krankheiten wie Psychosen, Depressionen oder Autismus leiden, wieder zurück ins Leben und zu einem besseren Umgang mit ihrer Erkrankung zu finden.

Für Filmemacher Wulff war „Wie die anderen“ ein echtes Langzeitprojekt. Er  bereitete den Film etwa drei Jahre lang vor, die Drehzeit selber belief sich auf rund anderthalb Jahre. In dieser Zeit begleitete er das Team und die Patienten der Klinik in Tulln nahe der österreichischen Hauptstadt in ihrem Alltag. Besonders viel Zeit und Mühen kostete es das Filmteam, die Genehmigungen der Eltern aller im Film gezeigten minderjährigen Patienten zu bekommen, dass diese auch groß im Bild abgebildet werden dürfen.

Wulff wählte für die Umsetzung des schwierigen, klischeebehafteten Themas genau die richtige Inszenierungs- und filmische Umsetzungsart. Ganz der Tradition des "Direct Cinema“ verpflichtet, treten Kamera und Regisseur hier als neutrale, ausschließlich beobachtende Elemente auf. Es geht darum, objektiv und vorurteilsfrei das reale Leben mit der Kamera einzufangen und abzubilden. Auf einordende Kommentare und Statements aus dem Off oder Interviews verzichtet der Film daher komplett. Auf diese Art entsteht ein ehrlicher und ganz unmittelbarer Einblick in den Klinik-Alltag einer psychiatrischen Abteilung, mit allem was dazugehört: Eltern-Gespräche, Einblicke in therapeutische Angebote wie Ergo- und Psychotherapie, medizinische Untersuchungen, Besprechungen der Ärzte, Supervisionen.

Der Kinobesucher erhält einen Blick in diese für viele gesunde Menschen oft fremde, für die Kinder und Jugendlichen aber so wichtige Welt aus Gesprächen, Therapien und medikamentöser Unterstützung, um Rettung aus ihrem seelischen Tief zu erfahren. „Wie die anderen“ zeigt aber nicht nur, dass auch Kinder und Jugendliche nicht vor schweren psychischen Problemen gefeit sind. Er geht noch deutlich weiter, in dem er den Krankheiten ein Gesicht gibt und das umfangreiche Spektrum der psychischen Krankheiten an einigen Beispielen aufzeigt.

Im Film ist z.B. ein autistischer Junge zu sehen, an den die Therapeuten nur schwer herankommen und der sich aus Selbstschutz in seine kleine, abgeschottete Welt zurückgezogen hat. Oder ein Jugendlicher, der unter einer verzerrten Selbstwahrnehmung und einem sich selbst auferlegten, extremen Leistungsdruck leidet. Schwer zu verdauen ist auch der Fall eines stark Suizid-gefährdeten weiblichen Teenagers, deren Arme mit Narben übersät sind. Der Blick auf die tiefen, unzähligen Narben ist kaum zu ertragen. Wenn sich das Mädchen einen Tag mal nicht schneidet, betrinkt sie sich, um den alltäglichen seelischen Schmerz nicht spüren zu müssen. 

Auch diese besonders heftigen, schlimmen Fälle verdeutlichen, wie wichtig und mutig ein Film wie „Wie die anderen“ ist. Der Respekt ist Filmemacher Wulff sicher, aber nicht zuletzt auch den jungen Patienten selbst, die im Film auftreten und den Mut haben, öffentlich zu ihrer Krankheit zu stehen und zu zeigen: die Depression selektiert nicht nach Alter oder Beruf, sie kann jeden treffen.

Björn Schneider