Wien vor der Nacht

Auf die Suche nach seinem Urgroßvater, dem er nie begegnet ist, der ihn aber doch unbewusst geprägt hat, begibt sich der jüdische Autor und Filmemacher Robert Bober in seinem neuen Essayfilm. Schauplatz ist in erster Linie „Wien vor der Nacht“, eine multikulturelle, offene Stadt voller Leben, auch und nicht zuletzt jüdischem Leben, in der mit der Machtergreifung der Nazis eine Ära zu Ende und eine Neue beginnen sollte.

Webseite: www.salzgeber.de/kino

Österreich/ Deutschland/ Frankreich 2016 – Essayfilm
Regie & Buch: Robert Bober
Länge: 73 Minuten
Verleih:  Edition Salzgeber
Kinostart: 9. März 2017

FILMKRITIK:

Mit einem Ausschnitt aus Max Ophüls „Der Reigen“ beginnt Robert Bobers Essayfilm „Wien vor der Nacht“ ganz unvermutet, doch bald erweist sich das mäandern des Filmklassikers auch als Rhythmus von Bobers Gedanken. Auf die Suche nach seinem Urgroßvater begibt sich der Autor und Filmemacher, der 1931 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde und dessen Familie bald nach Frankreich emigrierte, wo sie den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebte. Zwei Jahre zuvor war in Wien sein Urgroßvater Wolf Leib Fränkel gestorben, der ein bewegtes Leben hinter sich hatte.

In Polen aufgewachsen, versuchte er Anfang des Jahrhunderts nach Amerika auszuwandern, erkrankte jedoch auf der langen, beschwerlichen Schiffspassage und wurde auf Ellis Island, dem schmalen Tor der Hoffnung, zurückgewiesen. So kehrte er nach Europa zurück, fand in Wien eine neue Heimat, wo er den Rest seines Lebens als Blechschmied arbeitete. Wien war zu diesem Zeitpunkt eine Weltstadt, kulturelle Hochburg und beherbergte nicht zuletzt eine große jüdische Gemeinde.

Auch wenn sein Urgroßvater kein Intellektueller war, wohl nicht aktiv am Geistesleben der Hauptstadt des Habsburgerreichs teilgenommen hat, bedient sich Bober der Autoren der Zeit, um die Welt seines Urgroßvaters wiederaufleben zu lassen. Die Welt von Gestern ist dies, um den Titel von Stefan Zweigs berühmter Autobiographie zu zitieren, die der Autor kurz vor seinem Freitod im brasilianischen Exil fertigstellte. Eine ganz besondere, nun untergegangene Welt evoziert Zweig in seinem Text, eine blühende, kulturell reiche Gesellschaft, die in Wien ihr Zentrum hatte.

Und dort besonders in den Kaffeehäusern, die Zweig, aber auch andere von Bober zitierte Autoren wie Arthur Schnitzler oder Joseph Roth beschrieben, deren Texte teils mit Ausschnitten aus Verfilmungen oder Gemälden unterlegt sind. Einen Reigen aus Gedanken, eigenen und fremden Erinnerungen entfaltet Boder, lässt sich Treiben, flaniert quasi durch die Gedankenwelt des Wiens der 30er Jahre, spannt den Bogen dabei jedoch bis in die Gegenwart. Da sitzt er etwa im Cafe Bräunerhof, wo der heutige Besucher an den Wänden Fotos von Thomas Bernhard sehen kann, der hier viel Zeit verbrachte. Bernhard wiederum veröffentlichte als letztes Stück das Drama „Heldenplatz“, das auf eben jenen, nicht weit vom Kaffeehaus gelegenen Platz anspielt, auf dem einst hunderttausende Österreicher nach dem so genannten Anschluss ihrem Landsmann Adolf Hitler zujubelten.

Assoziativ funktioniert das Denken Boders, der es in seinem kurzen, kaum 70 Minuetn langen Essayfilm gelingt, auf berührende Weise eine untergegangene Epoche zu evozieren, die in seinen Worten und denen einiger der größten Autoren des 20. Jahrhunderts wieder auferstehen. Und zumindest in deren Texten lebt ach das Wien der späten Habsburgerzeit noch weiter, auch wenn es in der Realität durch den Lauf der Geschichte zerstört wurde.
 
Michael Meyns