Wiener Dog

Ein Dackel ist der rote Faden von „Wiener Dog“, dem neuen Film von Todd Solondz („Happiness“, „Willkommen im Tollhaus“), der in vier lose verbundenen Vignetten in seiner unverwechselbaren, zwischen Zynismus und Menschlichkeit changierenden Art, über die Abgründe Amerikas erzählt.

Webseite: www.wiener-dog.de

USA 2015
Regie & Buch: Todd Solondz
Darsteller: Keaton Nigel Cooke, Tracy Letts, Julie Delpy, Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny DeVito, Ellen Burstyn
Länge: 90 Minuten
Verleih: Prokino, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 28. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Remi (Keaton Nigel Cooke) ist neun Jahre und gerade vom Krebs geheilt. Zur Belohnung schenkt ihm seine Mutter Dina (Julie Delpy) einen Dackel, der allerdings bald eingeschläfert werden soll, da er an Durchfall leidet. Beim Tierarzt rettet die Ärztin Dawn Wiener (Greta Gerwig als erwachsene Version einer Figur aus Solondz Debütfilm „Willkommen im Tollhaus“) die Hündin. Mit ihrem ehemaligen Klassenkameraden Brandon (Kieran Culkin) fährt sie durch den amerikanischen Westen und überlässt den inzwischen sterilisierten Hund einem am Down-Syndrom leidenden Paar: Als Babyersatz, den das Paar ist ebenfalls sterilisiert.

Nach einem musikalischen Intermezzo befindet sich die Hündin im Besitz des erfolglosen Drehbuchautors Dave Schmerz (Danny DeVito), der seinen Studenten an der Filmhochschule, die Notwendigkeit von Motivation in Geschichten beizubringen versucht. Nach einer Verzweiflungstat landet Dave im Gefängnis und der Dackel bei Nana (Ellen Burstyn), einer greisen Großmutter, deren einziger menschlicher Kontakt ihre Pflegerin ist. Ihre Enkelin Zoe (Zosia Mamet) kommt nur zu Besuch, wenn sie Geld braucht. Nach solch einem Besuch sitzt Nana sinnierend im Garten und denkt über die vielen Möglichkeiten des Lebens nach, über das, was hätte sein können, wenn sie sich in diesem oder jenem Moment anders verhalten hätte.

Unweigerlich erinnert „Wiener Dog“ an einen der großen Klassiker des europäischen Kinos, Robert Bressons „Zum Beispiel Balthazar“, in dem ein Esel immer wieder den Besitzer wechselt und durch seine stoische Würde die Grausamkeit und Hinterhältigkeit der Menschen umso niederträchtiger erscheinen lässt. In mancherlei Hinsicht hat sich Todd Solondz im Laufe seiner Karriere als amerikanisches Gegenstück zu Bresson erwiesen, der auf ähnlich unerbittliche Weise die Abgründe der Menschen aufzeigt. Im Gegensatz zu Bresson sind Solondz Filme jedoch von einem Humor durchzogen, der mal boshaft bis zum Zynismus ist, dann aber von einer geradezu warmherzigen Menschlichkeit, die all die Abgründe erst erträglich machen.

Auf den ersten Blick lässt die episodische Struktur „Wiener Dog“ etwas zerfahren wirken, doch Solondz verknüpft die Vignetten geschickt durch Themen und Motive, vor allem eine immer wiederkehrende Diskussion über das Leben und den Tod, den Sinn
der Existenz. In den vier Episoden werden vier Lebensphasen gestreift, wobei selbst der junge Remi in Solondz skeptischer Weltsicht nicht von einer kindlichen Naivität geprägt ist. Je älter die Figuren schließlich werden, um so stärker sind sie vom Gefühl geprägt, ihr Leben vergeudet, nicht das erreicht zu haben, was sie sich einst erhofft hatten, den vielen verpassten Möglichkeiten nachzutrauern, die ein langes Leben prägen. Doch so böse und zynisch auch dieser Film von Todd Solondz oft scheint, so tief die Abgründe sind, die er schildert, am Ende durchzieht auch „Wiener Dog“ eine verblüffende Menschlichkeit, die, so könnte man sagen, wider besseren Wissens voller Sympathie für die oft so seltsame Spezies Mensch ist.
 
Michael Meyns