Wild Plants

Auch wenn Nicolas Humbert seinen ästhetisch anspruchsvollen Dokumentarfilm „Wild Plants“ genannt hat, so erzählt er darin nicht nur von wilden Gewächsen, die mitten im Urbanen Nischen zurückerobern, sondern auch von den Menschen in ihrer Nachbarschaft. Deren Geschichten sind so unterschiedlich wie inspirierend. Sie beschreiben eine Abkehr von Hektik und Konsum und die Hinwendung zu einem naturverbundenen Leben. Humbert trifft damit vermutlich den Nerv der Zeit.

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Wild Plants
D/CH 2016
Regie: Nicolas Humbert
Laufzeit: 108 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 12.1.2017

FILMKRITIK:

Urban Gardeners in den Fabrikruinen von Detroit, ein Schweizer, der nachts in Zürich Wildblumen aussät, junge Leute, die sich in einer Gärtnerei-Kommune zusammengeschlossen haben. Es sind auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Menschen, die Nicolas Humbert in seinem Dokumentarfilm „Wild Plants“ vorstellt, und dennoch eint sie alle eine Sehnsucht: Sie wünschen sich ein sinnstiftendes, naturverbundenes Leben. An die Stelle des ökonomischen Zeitgeistes rückt aus ihrer Perspektive die Beschäftigung mit ungleich schöneren Dingen. Wie schön die Welt da draußen tatsächlich sein kann, sogar rund um die Einfallstraßen einer Großstadt oder inmitten brachliegender Flächen auf einem verlassenen Fabrikgelände, versucht Humbert seinem Publikum in meditativen Aufnahmen dieser besonderen Lebensräume und Nischen nahe zu bringen. Immer wieder folgt seine Kamera aufreizend lange einem Vogelschwarm oder der Arbeit in der Garten-Kommune, welche vielleicht nicht zufällig in der Einflugschneise eines Flughafens liegt.
 
Vordergründig, das deutet auch der von Humbert gewählte Titel „Wild Plants“ an, folgt der Film jenen Gewächsen, die karge Lebensräume begrünen oder vom Menschen verlassene Orte zurückerobern. Letzteres geschieht in einem Tempo und mit einer Beharrlichkeit, die sich uns eigentlich nur im Zeitraffer offenbart. Dass sich der Rhythmus des Films dem seiner stummen, genügsamen Hauptdarsteller anpasst, ist letztlich nur konsequent. Natürlich interessiert sich Humbert noch viel mehr für uns Menschen, für die Urban Gardeners in Detroit oder den „Wildpflanzen-Rebellen“ Maurice Maggi. Die Gewächse sind eigentlich nur der Schlüssel zu ihren Geschichten. Humbert verzichtet in „Wild Plants“ sehr bewusst auf einen eigenen Kommentar, stattdessen erzählen seine Gesprächspartner von einer durchaus faszinierenden Sinnsuche. Offenbar besteht das echte Bedürfnis nach einem Ausweg aus Konsum und Alltagshektik. Es ist zugleich die Rückbesinnung auf die viel zitierten „einfachen Dinge“, auf eine Arbeit, deren Ergebnisse noch greifbar sind, und auf eine unmittelbare Verbindung zur Natur.
 
In den von einer stillen Poesie und Schönheit durchzogenen Bildern kommt man als Zuschauer dieser Idee schon recht nahe. Die Begeisterung und Freude von Humberts Gesprächspartner wirkt nicht nur sehr authentisch, sie ist auch verdammt ansteckend. Wenn sich beispielsweise Guerilla-Gärtner Maggi mit den wilden Pionierpflanzen vergleicht, die er auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch Zürich aussät, dann schwingt darin stets etwas Anarchisches mit. Es ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben und nach einem anderen gesellschaftlichen Konsens. „Wild Plants“ mag sich in den meisten Programmheften als Natur-Dokumentation wiederfinden, in Wahrheit beschreibt der Film aber eine gelebte Utopie, für die Humbert große Sympathie aufbringt. Der in den Kreislauf der Jahreszeiten verpackte Subtext zielt auf unser politisches Bewusstsein. Es ist ein subtiler und dennoch unmissverständlicher Appell.
 
Marcus Wessel