Wildes Herz

Mitreißend und voller Energie porträtiert „Wildes Herz“ die beliebtesten Punk-Rocker aus dem Norden, „Feine Sahne Fischfilet“. Doch Charlie Hübners Regie-Debüt ist sehr viel mehr als eine Musikdoku für die Fans – er zeigt den alarmierenden Rechtsruck der letzten Jahre in Mecklenburg-Vorpommern und wie sich die Band um den sympathischen Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow mit Neonazi-Gewalt, AfD-Wahlerfolgen und perspektivlosen Jugendlichen auseinandersetzt, indem sie nicht nur musikalisch Präsenz zeigt. Dass es immer noch politisierte Jugendkulturen gibt, die etwas bewegen können und linker Kampfgeist und Lokalpatriotismus kein Widerspruch sein müssen, macht Hübners Film dabei auf unterhaltsame Weise deutlich.

Webseite: www.facebook.com/wildesherzfilm/

Deutschland 2017
Buch und Regie: Charly Hübner & Sebastian Schultz
Mit Jan „Monchi“ Gorkow, Kai Irrgang, Olaf Ney, Christoph Sell, Max Bobzin, Jacobus North, Torsten Otto u.a.
Laufzeit: 90 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 12. April 2018

FILMKRITIK:

„Monchi“ ist unverkennbar ein Original – und mit seiner wuchtigen, charismatischen Statur wie prädestiniert für den Posten eines Leadsängers. Doch eine solche Karriere hätte der Dreißigjährige aus dem ostdeutschen 3.000-Seelen-Ort Jarmen sich nicht träumen lassen, sie war noch nicht mal eine gedankliche Option. Auch die Grundschullehrerin und der Dorfpfarrer können bestätigen, dass Musikalität und Taktgefühl nicht gerade die Stärken des kolossalen Energiebündels waren. Aber schon auf den frühen Home-Videos seiner Eltern sind dafür Monchis Untrüglichkeit und Eigensinn zu erkennen, die so viel von dem ausmachen, was „Feine Sahne Fischfilet“ heute vertritt. Dabei war gerade diese um die Wende herum geborene Generation vielen Verunsicherungen ausgesetzt. Landflucht, Arbeitslosigkeit und Entsolidarisierung bestimmen die Lebensumstände der Jungs, die schon früh mit rechtsextremen Tendenzen in ihrem nahen Umfeld konfrontiert wurden.
„Gehen oder Bleiben“ heißt nicht umsonst eine ihrer Platten und formuliert gleichzeitig auch eine Frage, die sich die meisten Jugendlichen in einer solchen Perspektivlosigkeit stellen, auch wenn die raue nordische Landschaft ihre ganz eigene Schönheit aufweist.

Seine Ausbruchstendenzen testete Monchi erst mal beim Herzensverein Hansa Rostock aus, wo er schon als 14jähriger mit den Ultras Erfahrungen hinter Schloss und Riegel machte. Die waren natürlich dankbar für einen so kräftigen und lauten Mitspieler – doch irgendwann ging die Sinnlosigkeit der Randalen dem Lokalpatrioten gegen den Strich, ebenso wie die Faschos, die zu den Konzerten seiner noch unbekannten Band kamen und bei den Gute-Laune-Liedern mitgröhlten. Ohne viele Worte zu verlieren, macht Monchi deutlich, dass er eine Position beziehen musste, und die war für ihn absolut klar: Kein Bock auf Nazis.

Denn Rostock war schließlich in den 90ern auch der Schauplatz der bislang schlimmsten rechtsradikalen Ausschreitungen der Nachkriegszeit und im benachbarten Demmin, dem sich vor kurzem noch ein anderer Dokumentarfilm widmete, marschieren noch immer jedes Jahr am 8. Mai die Unbelehrbaren mit einem Fackelzug durchs Dorf.

Charlie Hübner, der zuvor als Schauspieler das Publikum für sich gewinnen konnte (zuletzt auf der Berlinale mit „3 Tage in Quiberon“) wechselt gekonnt ins Regie-Fach und verfügt als Neustrelitzer selbst über genug Feingefühl und Kenntnis der mecklenburg-vorpommerischen Eigenheiten. Unterstützt wird er dabei von Co-Regisseur Sebastian Schulz, der mit Musikvideos für Rocko Schamoni, Tocotronic und Blumfeld Erfahrungen sammeln konnte, ebenso wie als Cutter und Co-Autor von „Dorfpunks“ bzw. „Fraktus“. Das Herz des Films gehört jedoch ganz und gar dem Frontmann von „Feine Sahne Fischfilet“ und seinem engagierten Feldzug gegen den Durchmarsch der AfD, parallel zum Landtagswahlkampf 2016. Das Besondere an Monschi und seiner Musik ist vielleicht seine bedingungslose Heimatverbundenheit, die ihn im Feuilleton schon mal etwas Misstrauen kostete. Doch es sind eben keine identitären Konzepte und Ausschließlichkeiten, die seinen Begriff von Heimat ausmachen, sondern eine Form von Solidarität, die sich auf Offenheit beruft.

Eine politische Botschaft, die Monschi, neben der Musik auf seinen Konzerten, auch als Diskurs neben der Bühne weiterführt. Vielleicht ist das nicht immer die Form der differenzierten Debatte, die sich das bürgerlich-intellektuelle Publikum unter Politik vorgestellt hat, wenn es die feiernden, halbnackten Jugendlichen sieht. Aber es macht gerade für diese einen echten Unterschied, ob jemand da ist, der sie abholt und gleichzeitig deutlich macht, dass es auch anders geht.

So gelingt Hübner ein Film, der so mitreißend ist, wie die Band, die er porträtiert: „Wildes Herz“ bewegt die Körper zum Tanzen und regt gleichzeitig zum Denken und Handeln an.

Silvia Bahl