Willkommen im Wunder Park

Die Nickelodeon-Produktion „Willkommen im Wunder Park“ ist ein schöner Animationsfilm, der die Phantasie anregt, aber auch ein ernsthaftes Thema behandelt, da die Hauptfigur – das kleine Mädchen June – mit Verlustängsten zurechtkommen muss und dafür einen geradezu einzigartigen Weg wählt. Indem sie die Dunkelheit, die sie umgibt, in dem Vergnügungspark bekämpft, der nur in ihrer Phantasie existiert.

Webseite: www.facebook.com/WunderParkFilm/

Wonder Park
USA 2019
Regie: Josh Applebaum, André Nemec, Robert Gordon
Buch: Josh Applebaum, André Nemec
Stimmen: Lena Meyer-Landrut u.a.
Länge: 85 Minuten
Verleih: Paramount
Kinostart: 11. April 2019

FILMKRITIK:

June liebt es, mit ihrer Mutter neue Attraktionen für das Wunderland zu ersinnen. Das ist der tollste Vergnügungspark, der Welt, in der Junes Stofftiere zum Leben erwachen und die Besucher unterhalten, während der Affe Peanut Tag für Tag neue Attraktionen ersinnt – die ihm Junes Mutter ins Ohr flüstert. Doch als Junes Mutter schwer krank wird und sich in stationäre Behandlung begeben muss, verdüstert sich das Gemüt des kleinen Mädchens. Das Wunderland, das ihr bisher so viel Freude bereitete, erinnert sie nun nur noch daran, allein zu sein. Sie gibt es auf, doch damit gibt sie das Wunderland auch der Vernichtung preis. Als es June dann per Zufall ins Wunderland verschlägt, muss sie erkennen, dass sie die Dunkelheit bekämpfen muss – und das nicht nur um des Wunderlands Willen, sondern auch für ihre Mutter, die es so sehr liebt.
 
Nickelodeon nutzt diesen Film auch als so etwas wie ein Pilotprojekt, denn unabhängig davon, wie er an der Kinokasse abschneiden wird, hat man auch schon eine Animationsserie in Auftrag gegeben, die Ende des Jahres ausgestrahlt werden soll. Wirklich Sorgen muss man sich wohl nicht machen, dass der Film sein Publikum nicht finden könnte, denn die phantasievolle Geschichte ist eine seltene Perle. Ein Film, der nicht nur die Kleinsten unterhält, sondern auch etwas für die Großen bietet. Fans der Sängerin Lena Meyer-Landrut werden sich hier auch angesprochen fühlen. Sie leiht June ihre Stimme und trifft genau die richtige, quirlige Note. Dazu sind auch zwei Songs zu hören. Für Lena dabei ungewöhnlich: Sie singt deutsch.
 
Denn „Willkommen im Wunder Park“ ist ein tatsächlich sehr vielschichtiger Film, der auf geradezu spielerische Art und Weise mit den Verlustängsten umgeht, die ein Kind hat, wenn seine heile Welt angegriffen wird. Hier ist es die plötzliche Krankheit der Mutter, die weder June noch dem Zuschauer wirklich erklärt wird. Man nimmt als Zuschauer die Position des Mädchens ein, da man Kindern in solchen Situationen selten die volle Wahrheit sagt. Als erwachsener Rezipient kann man aber schon an dem Aussehen der Mutter sehen, dass es um eine schwere, potenziell tödliche Krankheit geht. Dass es dennoch zum Happyend kommt, mag zwar unglaubwürdig und kitschig erscheinen, ist im Kontext des Films aber nur folgerichtig.
 
Beeindruckend ist die Geschichte ohnehin, denn die Dunkelheit, die sowohl das Mädchen ergreift als auch das Wunderland bedroht, ist im Grunde etwas gänzlich anderes. Metaphorisch ist es ein amorphes Monster, das die Welt zu verschlucken droht, in Wahrheit ist es eine Depression, die von der kleinen June Besitz ergreift. Sie zieht sich immer weiter zurück, sie wird verschlossen, sie ist in sich gekehrt und sie findet nicht zu ihrem Licht zurück. Zumindest anfangs, denn die eigentliche Geschichte ist natürlich, wie June diese Düsternis überwindet und wieder Hoffnung schöpft.
 
Das ist gerade für einen Animationsfilm ein schweres und ernstes Thema, vor dem die meisten Konkurrenzprodukte Reißaus nehmen würden. Aber „Willkommen im Wunder Park“ verpackt diese Geschichte in einer phantasievollen Umsetzung, die den Kindern etwas Profundes vermittelt, ohne dass es sie damit überfordern würde. Oberflächlich ist dies nur ein knallbuntes Abenteuer mit wundervollen Figuren, darunter kommt jedoch ein vielschichtiges Juwel zum Vorschein, das „Willkommen im Wunder Park“ schon jetzt zu einem der besten Animationsfilme des Jahres macht.
 
Peter Osteried

Der von Nickelodeon produzierte 3D-Animationsfilm „Willkommen im Wunder Park“ ist eine ebenso unterhaltsame wie tiefschürfende Achterbahnfahrt, bei der ein kleines Mädchen mit der Krankheit der Mutter fertig werden muss und zugleich ein Fantasy-Abenteuer im Wald erlebt. Temporeich inszenierte Action und aufrichtige Emotionen gehen bei der Hymne auf die kindliche Fantasie Hand in Hand. Die hübsche deutsche Synchronfassung wurde unter anderem von Lena Meyer-Landrut, Faisal Kawusi und dem Comedy-Duo Lo & Leduc eingesprochen.

Die kleine June (Stimme OV: Brianna Denski) ist ein lebensfrohes und technikaffines Mädchen mit einer extra Portion Fantasie. Gemeinsam mit ihrer Mutter (Jennifer Garner) werkelt June über Jahre hinweg an dem ausladenden Freizeitpark-Modell „Wunderland“, das sich bald durch ihr komplettes Elternhaus erstreckt. Darin sorgen der Schimpanse Peanut (Norbert Leo Butz), ein Stacheltier, ein Wildschwein, ein blauer Bär und zwei Biber dafür, dass die imaginierten Gäste Spaß haben.

Doch dann kommt Junes Mutter schwer krank ins Krankenhaus. Die zuvor abenteuerlustige June bedrückt das so sehr, dass sie den geliebten Vergnügungspark schließlich in Kisten verpackt und einen Sicherheitstick entwickelt. Junes Vater (Matthew Broderick) überredet die Tochter, sich bei einem Mathe-Camp abzulenken. Auf dem Weg dorthin nimmt das Mädchen Reißaus und entdeckt im Wald das lebensgroße Modell ihres Wunderlands. Der Park und seine tierischen Mitarbeiter werden von der „Dunkelheit“ bedroht, einer schwarzen Wolke, die eine Armee bunter Stoffäffchen dazu animiert, alles zu zerlegen. June, die Konstrukteurin, schreitet ein.

„Willkommen im Wunder Park“ hat eine hohe Erzählgeschwindigkeit, die nur im Mittelteil etwas auf die Bremse tritt. Symptomatisch dafür steht eine rasante Seifenkistenfahrt zu Beginn: Gerade als es vermeintlich nicht mehr schneller gehen kann, zündet June die Triebwerke… Doch trotz der rasanten Umsetzung erhalten die Figuren, insbesondere die Protagonistin, viel Persönlichkeit und Seele. Eine unabdingbares Fundament für den Plot, der ein im Kinderfilmkontext ungewöhnliches Thema aufgreift.

Einerseits verhandelt der Film herkömmliche Kinderthemen wie den Glauben an die eigenen Fähigkeiten: June soll ihre Fantasie behalten und tun, was sie wirklich will, empfiehlt die Mutter. Darüber hinaus bauen die Filmemacher Josh Appelbaum und André Nemec – zwei der vielen Kreativen, die im Verlauf der vertrackten Produktion an dem Projekt mitwirkten – mit Junes Niedergeschlagenheit, wenn nicht Depression einen tiefsinnigen Aspekt ein. Das Publikum kann mitfühlen, wie sich die Lebensfreude des Mädchens verfinstert und wieder aufhellt. An vielen Stellen funktioniert der Film auf mehreren Ebenen: „An Flüssigkeitsmangel ist überhaupt nichts lustig,“ meint Peanut. Ein Spruch für die Kleinen und zugleich einer, der das Thema Depression berührt: Immerhin gilt Dehydration als eine der körperlichen Ursachen für depressive Verstimmungen.

Vieles an dem zeitgemäß animierten 3D-Film erinnert an erfolgreiche Vorbilder: Der Affe Peanut führt magische Zaubertricks à la „Kubo“ vor, eine tragisch endende Familien-Montage gemahnt an „Oben“, das Eintauchen in die Spielzeugwelt aus „The LEGO Movie“, Junes unverhoffter Ausflug ins Fantastische an „Alice im Wunderland“. Und der Twist, dass es eine Tochter in ein von ihrer Mutter mit aufgebautes Fantasiereich verschlägt, kam fast analog im Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ vor. Die Parallelen und Referenzen sind dabei mehr als Zitate, sondern fügen sich elegant in die Geschichte ein. Das Schönste daran ist, dass der Film trotz des schweren Inhalts flott und unterhaltsam erzählt wird.

Übrigens: In der Berliner Pressevorführung der deutschen Synchronfassung saßen so viele mitgebrachte Kinder im Saal wie nie zuvor, ganze Schulklassen. Vor dem Filmstart klang das ähnlich wie das Hintergrundrauschen im Freibad, nur ohne das Plätschern des Wassers, weit weniger gedämpft. Als der Film begann, ebbte der Lärmpegel keineswegs ab. Ob der Mehrfachbeschallung von allen Seiten dachte ich schon, dass ich nun vielleicht das erste Mal im Leben Kopfschmerzen bekomme, doch dann passierte was: Nach den ersten drei, vier Minuten, als die kleine June erstmals allein auftritt, verstummte die Bande. Fortan waren die Kleinen verhältnismäßig still und verfolgten das Schicksal der Identifikationsfigur. Das spricht sehr für den Film.

Christian Horn