Wim Wenders, Desperado

Am 14. August feiert Ernst Wilhelm Wenders seinen 75sten Geburtstag. Zum Jubiläum verneigt sich diese Doku vor dem grandiosen Kino-Poeten. Eine illustre Schar von Weggefährten von Coppola über Dafoe bis Hanns Zischler kommen zu Wort, reichlich Filmausschnitte werden eingespielt. Ein bisschen zu huldvoll fällt dieser Hofknicks bisweilen aus. Vom menschlichen Faktor, etwa dem herrlichen Humor der Regie-Ikone, ist zu wenig zu spüren. Der Plausch zwischen Werner Herzog (mit Sonnenbrille!) und Wenders gerät immerhin zu einer Sternstunde – das muss man sehen! Von Herzog kommt zudem der beste Spruch: „Ich werde einem 18jährigen Filmstudenten sagen, wenn du Filme machen willst, schau dir Wims Filme an, du Depp!“.

Webseite: www.wim-wenders-desperado.com

D 2020
Regie: Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege
Darsteller: Francis Ford Coppola, Erika Pluhar, Willem Dafoe, Andie MacDowell, Hanns Zischler, Werner Herzog, Patti Smith.
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Studio Hamburg Enterprises
Vertrieb: 24Bilder
Kinostart: 16.Juli 2020

FILMKRITIK:

„Es ist kein Geheimnis, dass Wim Wenders zu den ganz wichtigen Regisseuren unserer Zeit gehört. Er hat ein halbes Jahrhundert lang Filme gemacht und es ist kein wirklich schlechter dabei.“ stellt Werner Herzog noch vor dem Vorspann fest. Zwei Stunden nimmt sich das Regie-Duo Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege Zeit, um der Regie-Ikone zu huldigen. Mit dem Frontmann der „Toten Hosen“ verbindet Wenders ein langjährige Freundschaft, entsprechend nahe lässt der dreifach für den Oscar nominierte Filmemacher die Dokumentaristen an sich heran. Solche Auftritte vor der Kamera mag der Künstler keineswegs, „Ich werde mir auch diesen Film nicht anschauen!“, gibt er einmal lachend zu Protokoll. Der Rummel um seine Person ist dem Maestro suspekt. „Wenn ich sagen soll, wer ist der Wim Wenders? Dann hüte ich mich vor der Frage. Ich will’s nicht wissen. Ich will’s wirklich nicht wissen. Ich seh’ den Typ schon jeden Morgen beim rasieren. Das reicht mir.“

Über die Arbeit redet der Regisseur hingegen gern. „Für mich ist Erzählen ein Wagnis. Weil man Erzählen nur ernsthaft darf, wenn man nicht weiß, wie es ausgeht.“ weiß Wenders. „Filmemachen ist nur zur Hälfte, das was man macht. Und zur anderen Hälfte, das was man bekommt.“ lautet eine andere Weisheit von Wim. Als cleverer Clou erweist sich die Idee, den Regisseur an Schauplätze seiner Werke zu schicken und Szenen nachzuspielen, die sich mit den Originalsequenzen abwechseln. Da läuft Wenders die alte „Paris Texas“-Strecke des Travis in der Wüste nochmals ab. Holt sich zitatsicher im verlassenen Diner lässig ein Bier aus der Kühltruhe. Wenig später wird er einsam über die Schienen balancieren mit einem Regenschirm in der Hand. Auch die Staatsbibliothek von „Der Himmel über Berlin“ besucht er nochmals, schwingt dort spielend den Bleistift wie einst Bruno Ganz. Mit Erika Pluhar plaudert er in der Wiener Straßenbahn, dem Schauplatz von „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“. Im Bus begibt er sich auf den Spuren vom „Himmel über Berlin“. Die coole Idee freilich ist von Wenders gemopst: Er begab sich schon anno 2012 für einen Computer-Werbspot mit seinem Samsung Galaxy an den Potsdamer Platz, zu eingestreuten Szenen aus „Der Himmel über Berlin“. Das von seinen rund 80 Werbespots in der Doku nichts zu sehen ist, erweist sich allemal als Manko. Als Mini-Ersatz gibt es den Schnipsel eines frühen 8-mm Films zu sehen, von den gezeigten Industrieanlagen im Ruhrpott-Abendrot sei sein Vater wenig beeindruckt gewesen, wie sich der Regisseur erinnert.

Mit solch persönlichen Momenten kann die Doku punkten, etwa wenn Ehefrau Donata über ihre Beziehung erzählt. Sie sehe sich als Elfe, die um Wim herumtanze. Oft sei sie überfordert gewesen, mit ihm Schritt zu halten. Wim sei wie ein Dampfer, der immer weiter fahre. Überraschend ihre Einblicke in die Innenwelt: „In den letzten Jahren hat er angefangen, sehr ungehalten zu sein. Und herumzubrüllen. Das tat mir in der Seele weh, weil es gar nicht Wim ist. Deswegen waren die Spielfilme nie eine Freunde. Das ist anders bei den Dokumentarfilmen. Deswegen sind die Dokus alle so toll.“ Der Regisseur selbst gibt sich bisweilen gleichfalls emotional. „Ich bin bekennender Workaholic. Das ist mein großes Problem“, sagt er dann. Dass er zu den stillen Menschen gehöre. Sehr geduldig, zugleich sehr hartnäckig sei. Oder welch schlechtes Verhältnis er zum Geld habe. Für 10.000 Dollar verkaufte er einst die spanischen Rechte von „Der amerikanische Freund“. Der machte dort eine Million Zuschauer machte und bescherte dem Verleiher ein neues Haus, wie Wenders beklagt. „Wir haben auf hohem Level immer von der Hand in den Mund gelebt“, bestätigt die Ehefrau.

Etwas zu huldvoll geraten die Meinungen der Weggefährten von Wenders. „Ein Künstler, durch und durch!“, schwärmt Willem Dafoe. „Seine Bilder sind wie Gemälde“, weiß Andie MacDowell. „Wim hatte eine der größten Rock’n Roll-Plattensammlungen, die ich kenne“ schwärmt Dennis Hopper. „Wahrhaftige Filmkunst“ gibt Coppola zu Protokoll. Dessen großer Streit als Produzent um „Hammett“ nimmt dann viel Raum ein. Das Fiasko von einst hat bis heute Nachwirkungen. Warum seine damalige Ehefrau Ronee Blakley in „Hammett“ nicht mehr zu sehen ist? „Darüber will ich nicht reden. Das ist zu privat“, hält sich Wenders verblüffend bedeckt. Coppola plaudert um so mehr: Aus dem vorgesehenen kleinen Gastauftritt hätte Wenders heimlich eine Hauptrolle gemacht, die nie abgesprochen gewesen war. „Wie sagt man ‚Cherchez la femme’ auf deutsch?“ stichelt der Hollywood-Tycoon vergnügt weiter gegen den Autorenfilmer.

Zur Sternstunde gerät das Wiedersehen von Wenders mit Werner Herzog, Ikonen unter sich in der Leder-Garnitur: „Bizarrerweise werden wir dem neuen deutschen Film zugerechnet. Wie empfindest du das?“, fragt der Werner. Und Wim antwortet: „Wir wollten nie auch nur im Entferntesten etwas sein wie eine Schule. Wir waren Einzelgänger hoch zehn. Das war das Tolle!“ – „Ich wollte mit diesem ganzen Sauhaufen nichts zu tun haben!“, bestätigt Herzog, der seine Sonnenbrille natürlich nie abnimmt.

Auch eine gemeinsame Szene aus „Raum 666“ lässt man Revue passieren. Im Luxushotel von Cannes befragte Wenders Kollegen wie Spielberg, Godard und Herzog nach der Zukunft des Kinos. Herzog zog damals spontan seine Schuhe aus. Wenders spielt jene Szene aktualisiert nach, beantwortet lakonisch die eigenen Fragen: „Haben Streamingdienste das Kino ersetzt?“ – „Ja!“. „Welche Überlebenschancen hat das Kino heute?“ – „Keine!“. Da wäre er wieder, der vielfach unterschätzte Humor des Maestros.

Gewohnt humorlos gibt sich die ARD. Die zeigt am Geburtstag die zweistündige Doku just zehn Minuten vor Mitternacht. Den absurden Sendetermin kann man sich sparen: Wenders wirkt ohnehin nur auf der großen Leinwand.

Dieter Oßwald