Winna – Weg der Seelen

Beim Schlagwort Seelenwanderung denkt der Mitteleuropäer eher an fernöstliche Traditionen, an den Buddhismus, den Dalai Lama oder ähnlich Fernes, Mysteriöses. Doch auch im Herzen Europas, in der an sich so bodenständigen Schweiz, besonders im Kanton Wallis, war einst der Glaube an Seelen, an ein Leben nach dem Tod weit verbreitet. Und ist es zum Teil auch heute noch, wie die Schweizer Regisseurin in ihrer Dokumentation „Winna – Weg der Seelen“ aufzeigt.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Schweiz 2016 – Dokumentation
Regie: Fabienne Mathier
Länge: 82 Minuten
Verleih: Mindjazz Pictures
Kinostart: 10. November 2016
 

FILMKRITIK:

Im Kino spielt das Fantastische, das Übernatürliche meist nur im Bereich des Genrekinos eine Rolle, und wenn sich doch einmal ein „ernsthafter“ Regisseur mit unerklärlichen Phänomenen beschäftigt – wie demnächst Olivier Assayas in seinem „Personal Shopper“ – wird er schnell verlacht. Doch auch in der Wirklichkeit, in der modernen, aufgeklärten, rationalen Welt, haben übernatürliche Phänomene kaum noch Platz, glauben selbst die meisten Menschen, die sich noch als religiös bezeichnen würden, nicht mehr an böse Geister oder Dämonen. Gleichzeitig erfreuen sich auch im Westen fernöstliche Religionen zunehmender Beliebtheit, die zwar im Kern ähnliches von Seelenwanderung und anderen übernatürlich Phänomenen erzählen wie westliche Religionen, aber durch den Mantel des exotischen wohl oft reizvoller wirken.

Hält man sich all das vor Augen, wirkt „Winna – Weg der Seelen“, die Dokumentation der Schweizer Regisseurin Fabienne Mathier, gar nicht mehr so ungewöhnlich und das, obgleich ihr Thema auf den ersten Blick alles andere als gewöhnlich anmutet: Es geht um den uralten Glauben der Menschen im Schweizer Kanton Wallis an Seelenwanderung, um Kommunikation mit Toten, um mysteriöse Zeichen Verstorbener an Hinterbliebene, um Sagen und Mythen.

Angesichts der majestätischen Kulisse der Alpen, deren schneebedeckte Gipfel im Hintergrund stets zu sehen sind, überrascht es nicht, das ausgerechnet hier der Glauben an das Übernatürliche so groß war – und noch ist. Man kann es sich bildlich vorstellen, wie Hirten und andere einsame Gestalten in den Bergen waren, abgeschnitten von der Welt und durch die  (über)mächtige Natur, den Wind und das Wetter auf andere Gedanken kamen. Oder wie in einsamen Berghütten, beimFlackern des Kaminfeuers Geschichten erzählt wurden, die den Geist der Verstorbenen lebendig hielten. Doch so verkitscht, wie sich das der großstädtische Filmkritiker vorstellt, ist die Realität im Wallis keineswegs.

Vielleicht der schönste Aspekt von Mathiers Film ist die Ernsthaftigkeit mit der die Regisseurin sich ihrem Sujet nähert. Vollkommen vorurteilsfrei, weder mit Skepsis, noch mit naiver Begeisterung lässt sie die Menschen zu Worte kommen, die glauben, Kontakt mit Verstorbenen gehabt zu haben, aber auch Sagenerzähler und -sammler, die sich darum bemühen, die alten Traditionen, den alten Glauben am Leben zu erhalten.

Um sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen hat Mathier die Schülerin Lina Heinzmann ins Zentrum ihres Films gestellt und beobachtet sie bei Gesprächen oder einfach beim Zuhören. Unglaublich hören sich manche der Geschichten von Kontakten Lebender mit Toten an, doch durch den neutralen, doch stets von Sympathie getragenen Blick der Regisseurin, bleibt auch dem Zuschauer nichts anderes übrig, als die Geschichten und ihre Erzähler ernst zu nehmen, statt sie als „Spinner“ oder „wunderlich“ abzutun. Ob man ihnen Erzählungen glauben schenkt bleibt ganz jedem Zuschauer selbst überlassen, einen Blick in eine spannende Welt, in eine erstaunlich lebendige Tradition liefert Fabienne Mathiers Film „Winna – Weg der Seelen“ in jedem Fall.
 
Michael Meyns