Wintergast

Stefan galt einst als eines der größten Schweizer Regiehoffnungen. Doch das ist langer her und aktuell befindet er sich in einer echten Sinn- und Lebenskrise. Da nimmt er notgedrungen einen Nebenjob als Jugendherberge-Tester an, um an Geld zu kommen. Auf seiner Reise trifft er außergewöhnliche Menschen und lernt sich selbst besser kennen. Der Schweizer Debütfilm „Wintergast“ ist gleichzeitig warmherziges Roadmovie und melancholische Selbstfindungs-Ballade in Schwarz-Weiß. Dabei ist es vor allem Hauptdarsteller und Co-Regisseur Andy Herzog, der mit seiner gefühlvollen Darstellung den Film empfehlenswert macht. Ein lakonisches und einfühlsames Werk.

Webseite: www.dejavu-film.de

Schweiz 2015
Regie: Matthias Günter, Andy Herzog
Drehbuch:  Matthias Günter, Andy Herzog
Darsteller: Andy Herzog, Susann Rüdlinger, Michael Kamp,
Katarina Schröter, Cihan Inan
Länge: 82 Minuten
Verleih: Deja Vu Filmverleih
Kinostart: 21. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

2007: Stefan Keller (Andy Herzog) wird für seinen Kurzfilm gefeiert und gilt als einer der talentiertesten Jungfilmer, dem eine große Regie-Zukunft bevorsteht. Fünf Jahre später sieht die Realität anders aus. Stefan ist drei Monate mit der Miete im Rückstand, seine Freundin will eine Auszeit und seinen ersten Film bekommt er einfach nicht realisiert. Aus Geldnot nimmt Stefan kurze Zeit später einen unkonventionellen Job an: als anonymer Jugendherberge-Tester reist er durch die verschneite Schweiz, auch um neue Ideen und Impulse für sein Drehbuch zu bekommen. Auf seiner Odyssee durch die unterschied-lichten Unterkünfte, durchlebt er die skurrilsten Ereignisse. 

Die sympathische Mischung aus Selbstfindungs-Ballade, leiser Komödie und Roadmovie stammt neben Matthias Günther aus Bern vom Züricher Andy Herzog, der nicht nur Co-Regie führte sondern auch gleich in die Hauptrolle schlüpfte. Herzog selbst sind ungewöhnliche, abseitige Nebenjobs nicht fremd, so jobbte er selbst u.a. als Werbefigur und Bankentester. Nach seinem Schauspielstudium an der Uni in Salzburg, absolvierte er ein Filmregie-Studium in Montreal. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Schauspieler. Günther arbeitete zuvor u.a. als Regisseur von Musikvideos und Kunstfilmen. „Wintergast“ ist ihr erster Langfilm.

Die Reise von Stefan durch die Schweizer Jugendherbergen kann man nicht nur als Sinnsuche sondern vor allem als Flucht begreifen. Als Flucht von Stefan vor den Erwartungen der Eltern, die in ihrem Sohn vielmehr einen Schreiner als einen Künstler sehen. Aber auch vor denen der Freundin, deren biologische Uhr gnadenlos tickt und endlich ein Kind mit Stefan will. Da kommt die Beziehungsauszeit vielleicht gerade zur rechten Zeit. Hauptdarsteller Herzog spielt diesen sinnsuchenden und vor den wichtigen Entscheidungen des Lebens fliehenden, ewigen Träumer mit viel Wärme und großer Wahrhaftigkeit.

Der gesamte Film kommt nahezu ohne Filmmusik aus, es ist auch deshalb aber nicht nur deswegen ein stiller, nachdenklicher Film. Viel Zeit verbringt die Hauptfigur im Zug auf dem Weg zu den unterschiedlichen Herbergen. Während dieser ausgiebigen Fahrten streift fährt Stefan vorbei an den epischen, imposanten Landschaften und schneebedeckten Hängen der Schweizer Berge. Bei diesen beeindruckenden Naturpanoramen stellt sich nicht selten Melancholie ein. Bei Protagonist Stefan und beim Zuschauer. Oft ist es draußen aber auch einfach nur nebelverhangen, düster und trüb, dies kann man als Spiegelbild des seelischen Gemütszustandes von Stefan sehen. An dieser Stelle beweisen die beiden Filmemacher ihr Talent für metaphorische Elemente und Bildsprache.

Aber auch Platz für diskret-zurückhaltenden Humor bleibt in diesem Film und die komödiantischen Anteile kommen nicht zu kurz. Herrlich komisch ist allein schon der immer gleiche Gesichtsausdruck von Stefan, wenn er – völlig lustlos und geistig abwesend – die Unterkünfte bzw. Zimmer z.B. auf Sauberkeit und Hygiene testet. Man merkt: er ist die ganze Zeit in Gedanken bei seiner Freundin oder seinem Film. Darüber erfährt er so manche – für den Zuschauer extrem heitere, für ihn selbst unangenehme – Situation. So schließt er sich eines Tages nach dem Duschen selbst aus seinem Zimmer aus und rennt fast nackt durch den Aufenthaltsraum der Herberge oder führt in einer Kneipe ein Gespräch mit einem merkwürdigen Mann, der es schafft, in seinem Leben komplett ohne Schlaf auszukommen.

Björn Schneider