Winter’s Bone

Selten herrschte so viel Einigkeit. Von allen Seiten prasselte in den amerikanischen Medien Lob auf „Winter’s Bone“ ein. Und das zu Recht. Debra Graniks wuchtiger Film über ein 17-jähriges Mädchen, das in einer elenden Berggegend Missouris verzweifelt für die Existenzgrundlagen ihrer Familie kämpft, ist ein Geniestreich. Und nach Auffassung von US-Experten zu gut, um bei den Oscar-Nominierungen ignoriert zu werden.

Webseite: www.wintersbone-derfilm.de

USA 2010
Regie: Debra Granik
Buch: Anne Rosellini, Debra Granik
Kamera: Michael McDonough
Darsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Dale Dickey, Garret Dillahunt
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Ascot Elite/ 24 Bilder
Kinostart: 31.3.2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Was „Winter’s Bone“ so weit herausragen lässt, ist nicht die Geschichte. Die ist so klassisch wie das Altertum. Nur dass hier keine furchtlosen griechischen Abenteurer auf Heldenreise in See stechen, sondern eine Jugendliche – halb Mädchen, halb Frau –, durch die Ozark Mountains stolpert auf der Suche nach ihrem Vater, einem Drogenlieferanten, der auf freien Fuß kommt, weil er das Haus seiner Familie hergibt als Sicherheitsleistung. Da er nicht vor Gericht erscheint, steht alsbald der Sheriff vor der Tür. Das Haus, sagt er, werde nun binnen einer Woche gepfändet. Die Familie wäre dann obdachlos und wohl auch nicht überlebensfähig in einer unwirtlichen Gegend, in der ein Dach über dem Kopf und ein warmer Herd unabdingbar sind. „Ich werde ihn finden“, sagt Ree Dolly, die 17-jährige Tochter des Verschwundenen, die mit ihrer vor sich hin dämmernden Mutter und zwei kleinen Geschwistern die Stellung hält. Dann macht sie sich auf den Weg.

Daraus könnte nun ein Stationendrama entstehen, eine David-gegen-Goliath-Geschichte, das Erwartbare. Debra Granik hat sich aber wie ihr verschwundener Drogen-Laborant in die Küche gestellt und eine feine Mixtur zusammengekocht, die allzu Bekanntem wenig ähnelt. Ihr Film lässt sich kaum auf ein Genre festlegen. Er ist letztlich ein Sozialdrama, aber er sieht nicht so aus. Kaum sind die ersten Bilder vorbeigezogen, stellt sich Verwirrung ein. Wird der Film mit seinen offensichtlich kaputten, gewalttätigen, verwahrlosten Figuren alsbald in ein Slasher-Movie kippen? Bekommt man es mit einem Krimi zu tun? Dreht sich alles zu einem Familien-Melodram? Diese Zutaten sind vorhanden, doch von Granik so fein dosiert, dass das Rezept schwer zu entschlüsseln ist. Ein Kritiker sprach von einem „film noir auf dem Land“, ein Unding, aber nicht verkehrt. Was man durchweg sieht, sind unspektakuläre, dokumentarisch angelegte Bildsequenzen. Ree, die Tochter, auf deren Schultern das Schicksal der Familie lastet, läuft durch den Wald zu Verwandten und Bekannten, um herauszufinden, wo ihr Vater ist. Sie ist keine Bittstellerin, sie kennt die Regeln. Schweigen ist Pflicht hier in den Bergen, wo alle von illegalen Geschäften leben und es besser ist, von nichts zu wissen. Granik nimmt eine Beobachterposition ein, die sich auf das konzentriert, was man sieht. Sie psychologisiert nicht, sie erklärt nichts, sie drückt nicht auf die Knöpfchen, die ein Drama gemeinhin Fahrt gewinnen lassen.

Trotzdem baut sich eine untergründige Spannung auf, die bis zur Entladung am Ende anhält, die vieles, aber nicht alles erklärt, doch ein bezeichnendes Licht wirft auf diese abweisenden und verhärmten Gestalten in den Ozark Mountains. Die Gemeinschaft wird plötzlich sichtbar wie ein Pilzgeflecht unter der Erde, das jeden Schritt der im Nebel stolpernden Ree registriert hat.

Volker Mazassek

Der Süden von Missouri. Eine verlassene, karge Gegend. Die Menschen scheinen sich der Region angepasst zu haben. Sie sind nicht nur ziemlich arm, sie geben sich auch verschlossen, misstrauisch. Das hängt damit zusammen, dass sie u. a. illegal Rauschmittel herstellen.

Ree lebt dort. Sie ist erst 17, hat muss aber die Sorge um ihre kleinen Geschwister übernehmen, denn die Mutter ist krank. Und Vater Jessup? Man weiß nur, dass er im Gefängnis war, aber jetzt ist er verschwunden.

Ree muss ihn aber finden, denn er hat, um auf Kaution freizukommen, das Haus verpfändet. Nunmehr ist es soweit. Wenn der Vater innerhalb von acht Tagen nicht gefunden wird, muss die Familie das Haus räumen.

Die Zeit drängt. Ree sucht bei Jessups Bruder Teardrop, kommt aber schlecht an, denn er ist süchtig. Bei ihrer Cousine Megan ebenfalls nichts. Nun muss sie es ganz „oben“ versuchen, bei Thump Milton, der die Drogenherstellung in der Gegend unter Kontrolle hat. Sie findet ihn schließlich bei einer Viehauktion, wird aber von den Frauen um Milton, unter ihnen Merab, gefangen und zusammengeschlagen.

Teardrop ist es schließlich, der sie befreien kann. Rees Vater scheint längst tot zu sein. Er war zum Verräter geworden. Und viele Verräter leben nicht lange.

Ree will sich sogar bei der Army verdingen, um mit den in Aussicht gestellten 40 000 Dollar aus der Misere zu kommen. Doch es klappt nicht. Der Verlust des Hauses scheint nicht mehr abzuwenden.

Plötzlich erhält Ree Besuch von Merab und ihren Schwestern. Sie bieten ihr an, ihr Problem zu lösen. Doch dafür wartet auf Ree noch eine sehr schwere Prüfung.

Das düstere jedoch vor allem stilistisch vortrefflich und durchgehend gelungene Bild einer öden Gegend und ihrer verhärmten, von Drogen angegriffenen Menschen. Im Mittelpunkt eine junge Frau, die gegen ihr tristes und gefährliches Milieu, um ihre Geschwister, um ihre Selbstbehauptung, ja sogar um ihr Leben kämpft. Ein gutes Beispiel positiven Seins.

Bereichert wird das alles durch das jede Überspitzung vermeidende, ruhige aber umso überzeugendere Spiel von Jennifer Lawrence als Ree. Eine sehenswerte Performance. Kein Wunder, dass sie für Preise nominiert wurde.

Thomas Engel