Wir – der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr

Acht Teenager, vier Mädchen und vier Jungs, ein Sommer im Niemandsland an der belgisch-niederländischen Grenze. Was sich wie der Beginn eines typischen Coming-of-Age-Films anhört, wird in René Ellers Verfilmung des Skandalromans von Elvis Peeters zu einem schnell eskalierenden Exzess aus Sex, Gewalt und einer Gesellschaft, die jeglichen moralischen Kompass längst verloren hat.

Webseite: www.der-filmverleih.de

Wij
Niederlande/ Belgien 2018
Regie: René Eller
Drehbuch: René Eller nach dem Roman von Elvis Peeters
Darsteller: Tijmen Govaerts, Aime Claeys, Salome van Grunsven, Laura Drosopoulos, Folkert Verdoorn, Pauline Casteleyn, Friso van der Werf, Lieselot Siddiki, Gaia Cozijn, Maxime Jacobs
Länge: 100 Minuten
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 16.5.2019

FILMKRITIK:

Als erster erzählt Simon (Tijmen Govaerts) von dem Sommer in Wachtebeke, einer kleinen Ortschaft an der belgisch-niederländischen Grenze. Zusammen mit den drei anderen Jungs Thomas (Aime Claeys), Jens (Friso van der Werf) und Karl (Folkert Verdoorn) und den vier Mädchen Ruth (Maxime Jacobs), Liesl (Pauline Casteleyn), Femke (Salome van Grunsven) und Ena (Laura Drosopoulos) bildet er eine Clique, die auf ihren Mofas und Fahrrädern durch die Landschaft fahren, im See baden, in einem verlassenen Wohnwagen trinken, rauchen, Sex haben. In Simons Schilderung war der Sommer bukolisch, von Freiheit und Abenteuer geprägt, doch irgendetwas scheint schief gegangen, irgendetwas scheint mit Femke passiert zu sein.
 
Als nächste erzählt Ruth, und aus ihrem Mund hört sich der Sommer schon weniger malerisch an. Sie beschreibt, wie die Clique Geld verdienen will, wie sie sich beim Sex filmen und die Aufnahmen ins Internet stellen, wie sich manche der Mädchen prostituieren und sich dabei fotografieren.
 
Schließlich berichten Liesl, die zu einem Psychologen spricht und Thomas, der vor Gericht, im Zeugenstand sitzt und geschworen hat, die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit. Doch spätestens jetzt erkennt man, dass die Wahrheit dieses Sommers nicht einfach zu fassen ist.
 
In seiner Struktur erinnert René Ellers Film an Akira Kurosawas legendären „Rashomon“, der ebenfalls unterschiedliche Versionen desselben Ereignisses schilderte und damit auf die Schwierigkeit verwies, der Wahrheit wirklich auf den Grund zu gehen. Basierend auf dem Skandalroman von Elvis Peeters, der in Holland und Belgien wegen seiner drastischen Sex- und Gewaltdarstellungen, vor allem aber wegen seines Verzichts auf jedes moralische Urteil, heftig diskutiert wurde, hat Weller seinen ersten Spielfilm gedreht. Dass er bislang als Musikvideo und Werbeclip-Regisseur gearbeitet hat, merkt man seinem Film an: Unwirkliche schöne Bilder inszeniert er, zeigt in weichem Licht die Unbeschwertheit der Jugend, deren Entdeckungsdrang sich bald auf Abgründe zubewegt. Die Art, wie er von einer Generation Jugendlicher erzählt, die eigentlich alles hat, aber gelangweilt von ihrer Existenz ist, erinnert an Filme wie Eva Hussons „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabu“ oder Sofia Coppolas „The Bling Ring.“ Stets sind es Grenzbereiche, in die Jugendliche abdriften, stets ist es das Ausloten von sexuellen Grenzen, das Überschreiten von moralischen Normen, dass diese Jugendlichen reizt und letztlich zerstört. Auch Weller bewegt sich auf den heiklen Grad zwischen Verklärung dieses ungezügelten Lebens, das gerade durch seine Inszenierung lange verführerisch wirkt und einer notwendigen moralischen Einordnung. Doch gerade durch die aufgesplittete Erzählweise gelingt es ihm, die Folgen der Transgressionen anzudeuten: Manche der Jugendlichen zweifeln früher an den Handlungen der Clique, machen aber dennoch, aus Angst, ausgestoßen zu werden, weiter mit, andere scheinen völlig ohne moralischen Kompass zu agieren. Doch auch diese Jugendlichen, so deutet es Weller an, sind das Produkt einer Gesellschaft, einer Erwachsenenwelt, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, als wahrzunehmen, was ihre Kinder treiben.
 
Michael Meyns