Wir Eltern

Die kleine schweizerische Komödie mit dem etwas spröden Titel behandelt ein typisches Zeitproblem: überforderte Eltern und ihre halbwüchsigen, Luxus verwöhnten Kinder, die als Nesthocker keine Anstalten machen, erwachsen werden zu wollen. Für ihre „autofiktionale Groteske“ haben die Filmemacher ihre eigenen Söhne vor die Kamera gebracht. Die turbulente Handlung wird dabei von Familienexperten begleitet, die sich aus der Kulisse heraus zu den gezeigten Problemen äußern, was dem Film neben einer gewissen Seriosität noch einen zusätzlichen Kick verleiht.

Website: http://wireltern.wfilm.de

Schweiz 2019
Buch und Regie: Eric Bergkraut, Ruth Schweikert
Darsteller: Elisabeth Niederer, Eric Bergkraut, Elia Bergkraut, Ruben Bergkraut, Orell Bergkraut, Beat Schlatter, Zohra Shetab
Länge: 94 Minuten
deutsche Synchronfassung und OmU (Schweizerdeutsch mit deutschen Untertiteln)
Verleih: W-film
Kinostart: 16.7.2020

FILMKRITIK:

Die Zwillingsbrüder Romeo und Anton sind um die 18 und denken gar nicht daran, selbständig oder womöglich erwachsen zu werden. Nur gelegentlich gehen sie in die Schule, viel lieber schlafen sie bis zum Mittag, kiffen sich zu und reißen dümmliche Witze. Die Eltern Vero und Michael hingegen versuchen verzweifelt, angesichts der pubertären Power ihrer ältesten Sohne die Fassung zu bewahren und sich irgendwie durchzusetzen, was ihre eigenen Vorstellungen von Hygiene, gesunder Ernährung und sozialem Verhalten betrifft. Kurz und schlecht: Es gibt jede Menge Anlässe für Eltern und Söhne, sich über die jeweils anderen aufzuregen. Schreiereien sind an der Tagesordnung und nerven sogar den kleinen Bruder Benji, der von sich selbst sagt, er würde in der schlimmsten Familie der Welt leben. Also was tun? Nicht einmal ein ausgeklügeltes Straf- und Belohnungssystem zeigt irgendwelche Erfolge, und als der Großvater den älteren Jungs auch noch ein mehr als großzügiges Geldgeschenk macht, ist der Einfluss der Eltern endgültig passé. In ihrer Not greifen die Eltern zu einer ungewöhnlichen Maßnahme …

Im Gegensatz zur Story scheint der Zusammenhalt der Filmfamilie Bergkraut/Schweikert ziemlich gut zu funktionieren. Ihre kleine Komödie nach dem Motto „Quick and Dirty“ entstand in wenigen Monaten, wobei die Schriftstellerin Ruth Schweikert und Eric Bergkraut, der auch den Vater spielt, das Drehbuch schrieben und selbst Regie führten. Die Zwillingsbrüder Eric jr. und Ruben Bergkraut spielen Anton und Romeo, Orell Bergkraut ist Benji. Ruth Schweikert spielt nicht selbst, die Rolle der Mutter hat Elisabeth Niederer übernommen und fügt sich absolut nahtlos in die Familie ein. Die durchgängige Handlung, die viel Raum für Improvisationen lässt und über weite Strecken wie ein Dokumentarfilm gefilmt und geschnitten ist, wird immer wieder von Szenen unterbrochen, in denen Familientherapeuten, Psychologen und andere Experten zu den gerade gesehenen Problemen Stellung nehmen und gleich einige Tipps geben. Dabei sitzen sie in der Filmkulisse – im Bad oder im Arbeitszimmer, als würden sie irgendwie zur Familie gehören. Das ist sowohl grotesk als auch witzig, ohne dass dabei die Seriosität der Experten und ihrer Vorschläge in Frage gestellt wird. Es wird aber auch klar, dass die besonderen Herausforderungen der Kindererziehung in der heutigen Wohlstandsgesellschaft nicht auf einfache Ursachen zurückzuführen sind. Entsprechend schwierig sind dann auch die jeweiligen Lösungen. Was die Eltern betrifft, so sind sie tatsächlich diejenigen, die am meisten unter der Situation leiden. Nicht nur unter dem Verhalten ihrer Kinder, von denen sie manchmal regelrecht gequält werden, sondern auch durch das Bewusstsein, versagt zu haben. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind da an der Tagesordnung, was die gestörte Atmosphäre noch zusätzlich verschlechtert. Ein Teufelskreis, an dem viele Beziehungen zugrunde gehen. In diesem Zusammenhang fällt aus berufendem Expertenmund das Wort „Ehezufriedenheit“, die am höchsten ist, bevor ein Paar Kinder hat. Ihren Tiefpunkt erreicht sie, wenn die Kinder in der Pubertät sind, um in die Höhe zu schnellen, sobald das Paar wieder allein ist. Aber was tun, wenn die Kinder gar keine Anstalten machen, das Elternhaus verlassen zu wollen oder auch nur ansatzweise etwas für ihre Zukunft zu tun? Wie können Eltern dagegenhalten? Das Autorenpaar treibt die turbulente Handlung auf die Spitze und sorgt zwischendurch mal für ein paar nachdenklichere Momente, doch der Gesamteindruck ist letztlich: eine schrecklich normale Familie.

Der Begriff der „autofiktionalen Groteske“ passt jedenfalls wie die Faust aufs Auge. Auf eine angenehm fiese und trotzdem liebenswerte Art, die mit Schadenfreude ebenso viel zu tun hat wie mit dem Wiedererkennungswert, serviert Familie Bergkraut/Schweikert ihre originelle Alltagskomödie, die am Ende von Outtakes und kurzen Stellungnahmen der Beteiligten gekrönt wird. Und wenn einer der Söhne zugibt, dass er das Drehbuch nicht komplett gelesen hat, dann ist das ebenso entlarvend wie komisch.

Gaby Sikorski