Wir sind die Neuen

Wenn Studenten von früher auf Studenten von heute treffen, Lebensträume von einst auf Lebensentwürfe von jetzt…
Mit “Shoppen” legte Regisseur und Drebhbuchautor Ralf Westhoff ein ausgesprochen innovatives Debüt vor, mit “Der letzte schöne Herbsttag” legte er liebevoll-charmant nach – mit  “Wir sind die Neuen” übertrifft er sich jetzt selbst. Seine Generationen-Geschichte ist eine absolut überzeugende, vor scharfzüngigem Dialogwitz nur so funkelnde WG-Komödie der besonderen Art. Er erzählt von drei alten Freunden, die einstmals in einer Studenten-WG lebten, ihre Träume von damals zu wiederholen versuchen und dabei auf die studentische Wirklichkeit von heute treffen. Ein wunderbarer, warmherzig-witziger Film für Jungstudenten und alle schon etwas älteren Semester.

Webseite: www.x-verleih.de

Deutschland 2014
Regie und Buch: Ralf Westhoff
Darsteller: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg
Verleih: X Verleih, Vertrieb: Warner
Kinostart: 17.7.2014
Verleihinfos hier…

FILMKRITIK:

Mit 50, 60 ist das Leben nicht mehr ganz so aufregend wie vielleicht mit 20. Zumal wenn man keine Karriere, nicht das große Geld gemacht hat, die Ehe vielleicht geschieden ist, und die Wohnungen in München viel zu teuer geworden sind. So ergeht es Anne (wunderbar frech und direkt: Gisela Schneeberger), die aus ihrer Wohnung raus muss und sich überlegt, wie es weitergehen soll. Könnte man nicht vielleicht einfach wieder von vorne anfangen, sich eine Wohnung teilen und wieder mit der WG von einst aus alten Studententagen zusammen ziehen? Gesagt getan, klappert sie ihre einstigen Mitbewohner ab. Und tatsächlich, auch Johannes (Michael Wittenborn) und Eddi (Heiner Lauterbach) sind nicht abgeneigt, endlich nicht mehr allein zu leben. So passiert es, dass sie (wieder) gemeinsam eine Wohnung beziehen und fröhlich-erwartungsvoll ihren Nachbarn zurufen: Wir sind die Neuen! Aber der Studenten-WG, die über ihnen wohnt, sind diese neuen viel zu alt. Sie verstehen keinen Spaß, denn sie büffeln für Klausuren und Examen und können alles gebrauchen, bloß keine lustigen und lauten Nachbarn, die sich nicht an die Hausregeln halten. Sie sind die selbstbewusste Generation Laptop von heute und verkünden genervt den Alten: Wir haben unsere Zukunft noch vor uns, was ihr dagegen in 30 Jahren macht… So sitzen die drei nach 35 Jahren wieder beisammen in ihrer WG-Küche, auf einmal nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war mit dem Aufkochen der alten Zeiten. Obwohl: diskutieren, sich fetzen, das können sie noch genauso gut wie damals…
 
Aus diesem Aufeinandertreffen der Generationen hat Ralf Westhoff eine höchst intelligente Komödie über Lebensträume, Lebenswege und Lebenswirklichkeiten gemacht. Gekonnt läßt er seine überzeugend aufspielenden Protagonisten über die Bedeutung von Freiheit und Freundschaft streiten, über den Sinn von Karriere und Geld und die Wichtigkeit von Sicherheit im Leben – kurz darüber, was denn überhaupt ein Leben ausmacht. Seine scharfzüngigen Dialoge haben Witz und Pfeffer. Herrlich frech und zuweilen böse läßt er die Generationen aufeinander treffen – und die jeweiligen Vorstellungen und Gewohnheiten gehörig durcheinanderwirbeln. Die Alten müssen sich fragen lassen, ob man wirklich die Zeit zurückdrehen kann ins Paradies der Jugend, das vielleicht doch nur in der Erinnerung so paradiesisch war. Und die Jungen erleben, das Karriereplanung noch lange keine Lebensplanung ist.
 
Inszeniert ist das recht gesellschaftskritisch, aber so unterhaltsam ohne philosophisches Lamentieren, ohne kammerspielartige Beengtheit, so genau ist alles exakt auf den satirischen Punkt gebracht, dass man immer wieder herzhaft lacht. Flott und flüssig von lockerer Hand erzählt, weiß Regisseur und Drehbuchautor Ralf Westhoff seine Pointen über das Jungsein und das Älterwerden genau zu setzen. Und wie nebenbei streut er unzählige herrliche Gags ein, von Fotos auf Schuhkartons etwa, die in der Garderobe für Ordnung sorgen, von Handy-Kameras, mit denen man nie wieder vergisst, ob der Herd auch wirklich aus ist, und vieles dergleichen mehr.
 
Grandios sind seine wie auch in den bisherigen Filmen perfekt zusammengestellten Figuren – die von Gisela Schneeberger, Michael Wittenborn und Heiner Lauterbach als Alt-WGler und von Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg als Jung-Studenten mit großer Spielfreude zu Leben erfüllt werden. Sie repräsentieren unterschiedliche Typen und sind doch lebensechte Menschen mit Herz und Charakter. Am Ende haben sie tatsächlich zueinander gefunden und alle ein bißchen auch zu sich selbst. Oder wie Gisela Schneeberger es am Ende sagt: Manchmal gibt es Tage, da ist man dem Sinn des Lebens weit entfernt, aber manchmal gibt es Tage, da kann man ihm ein klein wenig näher rücken. Dieser Kinofilm beschert einem eindeutig einen sehr guten Tag.
 
Hermann Thieken