Wir sind jung. Wir sind stark.

Im August 1992 brannte in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim. Diese schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik beschreibt Burhan Qurbani in seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ und bemüht sich dabei, allen Seiten gerecht zu werden. Das Ergebnis ist ein stilistisch überzeugender, inhaltlich vorsichtiger Film, der vor allem aber von kraftvoller Intensität ist!

Webseite: www.jungundstark.de

Deutschland 2014
Regie: Burhan Qurbani
Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani
Darsteller: Jonas Nay, Joel Bamsn, Devid Striesow, Saskia Rosendahl, Paul Gäbler, David Schütter, Jakob Bieber
Länge: 128 Minuten
Verleih: Zorro-Film, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 22. Januar 2014
 

Pressestimmen:

"Ein schwarz-weißes Jugenddrama, das eben nicht schwarz-weiß denunziert, sondern differenziert nach Ursachen forscht."
Stern

"Ästhetisch gewagt, thematisch mutig und wichtig – ein starker Film."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Zwei Jahre nach der deutschen Einheit war der Traum von blühenden Landschaften schon fast ausgeträumt, steckte die Wirtschaft in der Rezession, beantragten über 400.000 Menschen Asyl, so viele wie nie zuvor und danach. Aus dieser Mischung, zusätzlich gespeist von Alkohol, Drogen und einem diffusen Gefühl der Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit entstand wohl die Atmosphäre, die am 24. August 1992 zu Ausschreitungen führte, die im Nachhinein als Pogrom bezeichnet wurden. Wie durch ein Wunder kam beim Brand eines Asylbewerberheims in Rostock-Lichtenhagen niemand ums Leben, doch danach war Deutschland ein anderes Land.

Aus diesem Thema einen Spielfilm zu drehen ist ein heikles Unterfangen, zumal wenn man versucht zu verstehen, was die Täter antrieb. Dementsprechend vorsichtig gehen Regisseur Burhan Qurbani und sein Co-Drehbuchautor Martin Behnke vor und sichern sich mit einem vielfältigen Figurengeflecht ab, dass allen Seiten gerecht zu werden sucht. So ist mit der Vietnamesin Lien (Trang Le Hong), die in Rostock in einer Wäscherei arbeitet und sich eigentlich in Deutschland wohl fühlt, auch die Opferseite vertreten. Der Lokalpolitiker Martin (Devid Striesow) repräsentiert wiederum die Politik und wird als zögerliche Person beschreiben, die gerne etwas tun würde, sich aber so lange hinter der Parteiräson versteckt, bis es zu spät ist.

Doch im Zentrum von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ stehen jugendliche Deutsche, die sich jung und stark fühlen und – so suggeriert es der Film – nicht wissen was sie tun. Das gilt für Stefan (Jonas Nay), Martins Sohn, der seinem Vater längst entglitten ist und mit seiner Clique den heißen Sommer am See oder in den Plattenhaussiedlungen der Stadt verbringt. Aber noch mehr für seinen Kumpel Robbie (Joel Basman), die gewagteste und nicht zuletzt deswegen interessanteste Figur des Films, ein Anarchist, ein Randalierer, der in einem Atemzug „Heil Hitler“ und „Scheiß Stasi“ ruft und gegen alles und nichts rebelliert. Während sein Bruder Sandro (David Schütter) ein waschechter Neonazi ist und vom Beginn der „völkischen Revolution“ schwadroniert, ist Robbie einfach nur ein Jugendlicher, der sich zwischen Arbeitslosigkeit, Alkohol und Langeweile bewegt und mehr aus verletzter Eitelkeit zum Molotowcocktail greift als aus echtem Fremdenhass.

Ob dies tatsächlich die mehrheitliche Haltung der Täter im Sommer 1992 war sei dahingestellt, im Kontext dieses Films wirkt diese Darstellung überzeugend. Zumal es Qurhani mit einem passend desolaten Szenen- und Kostümbild gelingt, die Zeit einzufangen: Voller Schnauzbärte, Ballonseide, verwaschenen Jeansjacken und anderen modischen Sünden ist diese Welt, geprägt von Trostlosigkeit zwischen Plattenbauten. Da wäre es gar nicht nötig gewesen, einen Großteil des Films in schwarz-weiß und reduziertem Bildformat zu filmen, um am Abend, als die Krawalle losgehen, auf Farbe und Scope zu wechseln, um auch optisch zu betonen, dass die Randale für viele Beteiligte und Gaffer eine willkommene Abwechslung aus dem grauen Alltag waren.

Und doch ist diese stilistische Entscheidung bezeichnend für einen Film, der angesichts seines Themas dann vielleicht auch passenderweise sehr Deutsch ist: Fraglos gut gemeint, oft auch gut gemacht – was die Schauspieler angeht ohnehin, das kennt man vom deutschen Film, aber auch stilistisch ambitioniert, mit langen Plansequenzen und einigem Stilwillen, was man vom deutschen Kino nicht immer kennt. Aber eben auch akademisch, die Fallstricke des Themas und des Ansatzes vorsichtig umschiffend, nichts falsch machen wollend. Dass dabei dennoch ein oft kraftvoller Film herausgekommen, ist macht „Wir sind jung. Wir sind stark.“ gerade angesichts seines Themas zu einem bemerkenswertem deutschen Film.
 
Michael Meyns