Wir waren Könige

In einem sozialen Brennpunkt entspinnt sich ein Kreislauf aus Gewalt, der die Grenzen zwischen Polizei und Tätern verschwimmen lässt. „Wir waren Könige“ ist ein heftiger weil pessimistischer Film, der sich jedoch leider nicht traut, inhaltliche oder stilistische Wagnisse einzugehen.

Webseite: www.summiteerfilms.com

Deutschland/2014
Regie: Philipp Leinemann
Drehbuch: Philipp Leinemann
Darsteller: Ronald Zehrfeld, Misel Maticevic, Thomas Thieme, Oliver Konietzny, Tilman Strauss, Frederick Lau
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Summiteer
Kinostart: 13. November 2014

FILMKRITIK:

In dem verzweifelten Versuch, sich mit einer Gang aus seinem Viertel anzufreunden, löst der kleine Nasim einen Kreislauf aus Gewalt und Vergeltung aus. Ohne es zu wissen, verknüpft er den Tod eines SEK-Beamten mit der lokalen Bandenkriminalität. Die Polizisten erweisen sich in ihrer Rachsucht als ebenso impulsiv und kurzsichtig wie die jugendlichen Straftäter und richten ihren Hass nur zu gern auf den verdächtigen, aber völlig unschuldigen Ioannis (Oliver Konietzny). Sein Verschwinden wiederum lässt den Konflikt zweier Gangs eskalieren, während das SEK vor allem damit beschäftigt ist, ihren Akt der Selbstjustiz unter den Teppich zu kehren.

„Wir waren Könige“ schlägt trotz aller Action ernste Töne an. Die Bilder sind dunkel, viele Szenen spielen sich am Abend oder in der Nacht ab und selbst am Tag ist die Welt dieses Films trist und grau. Der Film beginnt kraftvoll mit einer gekonnt inszenierten Actionsequenz, einem kleinen Vorgeschmack auf diesen von Gewalt geprägten Film. Doch im Kern ist „Wir waren Könige“ in erster Linie ein Drama, in dessen Zentrum ein korrumpierter Polizeiapparat steht, der keine moralische Überlegenheit mehr für sich beanspruchen kann. Immer wieder wird von Budgetkürzungen gesprochen, um die angespannte Stimmung in der Truppe zu erklären. Den jugendlichen Schlägern wird hingegen weniger Charaktertiefe zugestanden. Über das Leben der beiden Anführer Thorsten (Tilman Strauss) und Jacek (Frederick Lau) erfährt der Zuschauer nur wenig und auch Nasims verzweifelte Versuche, dazuzugehören, erfahren bedauerlich wenig Herleitung. Die Feindschaft der Gangs wird ebenfalls primär behauptet und auch wenn die Interaktion der Jugendlichen glaubwürdig und authentisch wirkt, spiegelt sich hierin auch so manches Klischee.

Sowohl das SEK als auch die Jugendbanden sind Männerdomänen, in denen letztlich dieselben Regeln von Bruderschaft und Rache gelten, wodurch die Unterscheidung in Polizei und Kriminelle ad absurdum geführt wird. Dass sich die Beamten und Jugendlichen voneinander kaum unterscheiden, betont auch ein gemeinsames Kneipengelage, das den schicksalshaften Verkettungen der Ereignisse vorausgeht. Dabei bleiben die Regeln dieser Männerwelt weitgehend unangefochten und alternativlos. Der Akt der Selbstjustiz ist auf Grund der fatalen Kollateralschäden zwar sichtlich zu verurteilen, doch die unbedingte männliche Solidarität allem Verstand zum Trotz erfährt bedauerlich wenig Kritik.  

Statt an dieser Stelle in die Tiefe zu gehen und gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, bleibt „Wir waren Könige“ an der Oberfläche und beschränkt sich auf platte und unnötig ausformulierte Moralpredigten. Weder stilistisch noch inhaltlich geht Regisseur und Drehbuchautor Philipp Leinemann hier Wagnisse ein und bleibt auf ausgetretenen Pfaden, die auch ein guter TV-Krimi beschreiten könnte. Kann die im Rahmen des deutschen Kinos außerordentlich packend inszenierte Action zu Beginn noch begeistern, verliert der anhaltende Gewaltreigen zunehmend seinen Reiz. Zu absehbar ist der dramatische Ausgang und zu langsam schlendert „Wir waren Könige“ darauf zu. Auf dem Weg dorthin wird der Zuschauer immer neuen Bildern von sinnloser Brutalität ausgesetzt, bis ihm die Lust an diesem Schauspiel vergeht. Dies hat freilich System. Gewalt ist hier kein Akt, der wie im Actionfilm als legitime Handlungsoption gefeiert und voyeuristisch ausgeschlachtet wird, zumal es in „Wir waren Könige“ tatsächlich keine Helden, sondern ausschließlich Täter gibt. Doch die Mischung aus unbedingter Ernsthaftigkeit und fehlender Tiefe beraubt den Film seines Potentials.

Sophie Charlotte Rieger