Wohne lieber ungewöhnlich

Beschwingt und chaotisch auf eine sympathische Art, damit wartet die französische Familienkomödie „Wohne lieber ungewöhnlich“ auf. Sieben Halbgeschwister haben es darin satt, ständig von einem zum anderen erziehungsberechtigten Elternteil herumgereicht zu werden. Kurzerhand ziehen sie zusammen und drehen den Spieß einfach um. Ob das Modell Schule machen könnte, steht freilich auf einem anderen Blatt. Gute Unterhaltung mit einer Fülle bekannter Erwachsenendarsteller und vor allem überzeugend auftretender Kinder ist garantiert.

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: C’est quoi cette famille?! / We are family
Frankreich 2015
Regie: Gabriel Julien-Laferrière
Darsteller: Julie Gayet, Thiery Neuvic, Julie Depardieu, Claudia Tagbo, Lucien Jean-Baptiste, Philippe Katerine, Chantal Ladesou, Arié Elamaleh, Teilo Azaïs
Länge: 99 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 17.5.2018

FILMKRITIK:

„Die bürgerliche Familie ist die Keimzelle einer modernen Gesellschaft“ hat der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss einmal postuliert, und es ist in Gabriel Julien-Laferrières Familienkomödie ein Schlüsselsatz, den der 13-jährige Bastien einmal formuliert – und damit die Erwachsenen verblüfft. Bastien hat sechs Halbgeschwister plus noch einige Cousinen, denen es allen gleich ergeht: ein richtiges Zuhause haben sie nicht, leben ihre Eltern doch getrennt, sind geschieden oder bereits schon wieder mit neuem Partner – und ständig auf Achse sowieso. Nicht erst am Wochenende stellt sich dann die Frage, welches Elternteil mit der Betreuung an der Reihe ist. Mitunter schließen die Kinder bereits Wetten ab, bei wem sie sich als nächsten wohl einfinden werden. Ein geordnetes Umfeld kennen sie nicht, das Gefühl, Teil einer funktionierenden Familie zu sein, ist ihnen fremd. Aber so sind sie eben nun einmal, die modernen Zeiten und die vermehrte Existenz von Patchworkfamilien.
 
Bastien und seine Halbgeschwister aber sind es leid, dass die chaotische Lebensführung ihrer Eltern auf ihrem Rücken ausgetragen wird. „Beziehungen funktionieren doch höchstens noch im Film“, sind sie sich einig. Als sie Wind davon bekommen, dass eine ausreichend große Wohnung einer verstorbenen Großmutter leer steht, ziehen sie kurzerhand in diese ein und diktieren nun den Eltern, wer von ihnen wann Besuchszeit hat und verantwortlich für den Betreuungsdienst ist. Einzig die lebenslustige und leicht verrückte Omi Aurore, die lange schon den Überblick über ihre Enkelschar und von welcher ihrer beiden Töchter sie abstammen, verloren hat, wird in die Pläne eingeweiht.
 
Es ist anfangs gar nicht so leicht, den Überblick über die fast 20 Figuren zu bekommen, regiert hier doch klar das Prinzip der charakterlichen Vielfalt, was aber wiederum nötig ist, um das chaotische und uneinheitliche an dieser bunten Familiensituation deutlich zu machen. Manchmal hat man gar den Eindruck, die Erwachsenen seien kindischer als ihr Nachwuchs. Erfreulich aber, dass die Komödie nicht in Blödeleien ausartet, sondern schlicht und ergreifend die angebotene Versuchsanordnung nach dem Motto „Das Problem ist die Lösung“ mit Blick auf die unterschiedlichen Reaktionen und Verhaltensweisen der Erwachsenen mit einem angenehmen Humor durchexerziert wird. Dass einzelne Szenen dadurch etwas konstruiert erscheinen, liegt aber eher in der Natur des Patchwork-Wesens.
 
Gabriel Julien-Laferrière tut deshalb gut daran, seine kunterbunte und gut gelaunte Geschichte aus Sicht der Kinder zu erzählen. Dass es auch nach der Gründung der Kinder-WG weiter chaotisch bleibt, wundert indes kaum, ist hier doch auch weiterhin ständig Leben in der Bude, Schaumbad mit Folgen und Schmetterlinge im Bauch des initiativen Bastiens inklusive. Tiefgang freilich sollte man lieber nicht erwartet, dafür bekommt aber jeder Schauspieler – ob klein oder groß – wie bei einem großen Orchester sein kleines Solo. Dabei stehen die Nachwuchsdarsteller den gestandenen Profis – darunter hierzulande bekannte Gesichter wie Julie Depardieu und der im vergangenen Jahr in der Komödie „Zum Verwechseln ähnlich“ vor und hinter der Kamera stehende Lucien Jean-Baptiste – in nichts nach. Ob das vorgestellte Modell als zukunftstaugliches Familienkonzept Schule machen könnte, dürfte indes mehr von geeignetem Wohnraum und entsprechend flexiblen und toleranten Eltern abhängen.
 
Thomas Volkmann