Wolke 9

Auch im Alter muss mit Sex und Zärtlichkeit noch nicht Schluss sein. Mit „Wolke 9“ rüttelt Regisseur Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) kräftig an gesellschaftlichen Tabus, indem er eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus der Genration 60 plus erzählt. Mit seinen äußerst mutigen Hauptdarstellern, allen voran Ursula Werner, zeigt er dabei auf gewohnt wirklichkeitsnahe Weise nicht nur sehr direkt den Sex, sondern auch was es bedeutet, im Alter noch einmal neu verliebt zu sein und eine jahrzehntelange Ehe zu beenden. In der Cannes-Nebenreihe „Un Certain Regard“ wurde „Wolke 9“ stürmisch gefeiert. 

Webseite: www.wolke9.senator.de

Deutschland 2008
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Andreas Dresen, Laila Stieler 
Darsteller: Ursula Werner (Inge), Horst Rehberg (Werner), Horst Westphal (Karl), Steffi Kühnert (Petra)
Länge: 98 Minuten
Verleih: Senator
Start: 4. September 2008

PRESSESTIMMEN:

 

Ein ebenso radikales wie ergreifendes Meisterwerk mit vorzüglichen Darstellern, die das Tabuthema "Sex im Alter" mit großer Natürlichkeit, ohne Scheu und Hemmungen angehen. Vor allem beeindrucken die stillen, intimen Momente, die aufrichtigen Dialoge, die aus der jeweiligen Situation heraus improvisiert wurden, sowie der zurückhaltend dosierte Humor. – Sehenswert.
film-dienst

…von pulsierender Leidenschaft und von großen Gefühlen, die nicht altern.
Der Spiegel

Einmalig, unvergesslich… Andreas Dresens Film rührt an ein Tabu… und zugleich rührt er.
Stuttgarter Zeitung

FILMKRITIK:

Dass alte Paare in Wirklichkeit oder im Film zärtlich miteinander sind, nimmt man höchst selten wahr. Dass sie darüberhinaus auch noch Sex haben, sieht man – zumindest auf der Leinwand –  noch viel seltener. Ja, man könnte fast glauben, dass Gefühle zwischen Menschen jenseits der 50 plötzlich nicht mehr existieren und sich das Verlangen nach Sexualität und Nähe irgendwann schlichtweg auflöst. Nun rüttelt Regisseur Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) mit seinem neuen Film „Wolke 9“ kräftig an diesem gesellschaftlichen Tabu und zeigt mit dem in der Cannes-Nebenreihe „Un Certain Regard“ stürmisch gefeierten Film all das, was sonst so verschämt behandelt oder gleich ganz verschwiegen wird.

Einmal mehr direkt aus dem Leben entwirft der Regisseur zunächst eigentlich kaum mehr als eine dramaturgische Standardsituation des Kinos: Eine verheiratete Frau verliebt sich, hat Schmetterlinge im Bauch und Kribbelgefühle und durchleidet zur selben Zeit auch die Schmerzen der Trennung vom bisherigen Partner. Neu ist dabei allerdings das Alter der Hauptfiguren, denn Inge ist über 60 und seit 30 Jahren mit Werner verheiratet. Sie sind ein eingespieltes Team, das trotz seiner Routinen durchaus glücklich, vertraut und einander sehr nahe ist. Plötzlich allerdings wird die Ehe auf die Probe gestellt, weil sich Inge in Karl verliebt, der mit 76 Jahren sogar noch älter ist als sie. Nach jahrzehntelanger Ehe beschließt sie, ihren Mann zu verlassen. 

Dresen geht mit gewohnt wirklichkeitsnahen Bildern aus dem deutschen Rentneralltag nah ran an seine beeindruckend natürlichen, ganz normal gealterten Darsteller, an ihre alten Gesichter und ihre Körper mit hängender Haut, an die Falten und Altersflecken. Dabei zeigt er jenseits von keuschem Kussikussi mit anschließenden Verschwinden unter der Bettdecke die Zärtlichkeit, die etwas ungelenken Küsse und mit seinen äußerst mutigen Darstellern auch das, was im Kino eigentlich nie stattfindet: den Sex. So explizit wie in „Intimacy“ von Patrice Chéreau, den Dresen seinen Schauspielern in der Vorbereitungsphase vorführte, geht es zwar nicht zu. Dennoch sieht man durchaus viel und auch viel mehr als gewohnt.

Wie unprätentiös, ungeschönt und stimmig Dresen diese Szenen im Milieu zwischen Kleingartenkolonie und enger Mietswohnung einfängt, ist dabei ebenso beeindruckend wie die Momente des Schmerzes und der Trennung. Mit der Intensität, die man aus seinen Filmen wie „Nachtgestalten“ oder „Halbe Treppe“ schon kennt, beleuchtet der Regisseur so nicht nur den Mut zu einer neuen Liebe im Alter, sondern auch die schwierigen Gefühlslagen, mit denen sich nicht nur der Verlassene auseinandersetzen muss, der nach Jahrzehnten plötzlich zum schwer möglichen Neuanfang gezwungen wird. Denn Inge geht konsequent ihren Weg, auch wenn letztlich ungewiss bleibt, wieviel Glück sie mit ihrem neuen Liebesglück wohl haben wird.

Sascha Rettig

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Inge und Werner, beide an die 70, sind seit 30 Jahren verheiratet. Sie führen in einer nüchtern eingerichteten kleinen Wohnung ein minimalistisches Leben. Werner interessiert sich für Eisenbahnzüge, Inge macht kleinere Näharbeiten. Die gegenseitige Ansprache ist auf ein Mindestmaß beschränkt.

Inge hat Hosen für den noch älteren Karl repariert. Sie bringt sie ihm vorbei. Doch nicht nur das. Es überkommt beide. Sie fallen übereinander her, schlafen miteinander.

Von da an ist es um Inge geschehen. Wann immer es geht, trifft sie Karl heimlich. Doch ihr Gewissenskonflikt wird zu groß. Sie vertraut sich ihrer Tochter Petra an, die ihr rät, alles zu verheimlichen. Das geht offenbar nicht. Inges Ehrlichkeitsbestreben gewinnt die Oberhand. Nun sagt sie auch Werner alles. Das Drama beginnt.

Der Ehemann ist entsetzt, hält seine Frau für verrückt. Im Moment scheint das Verhältnis der beiden irreparabel zu sein. Inge zieht aus zu Karl. Wird Werner das überleben?

In der Regel sind Liebespaare im Kino jung und schön. Nicht selten wird dem Zuschauer eine Scheinwelt vorgegaukelt. Andreas Dresen wollte mit „Wolke 9“ – also absichtlich nicht „auf Wolke 7“ – eine Gegenwelt schaffen: Alltag, Schweigen, banale Vorgänge und Verrichtungen, gelegentlich Sex, Nacktheit, keine perfekten Körper mehr. Bis zu einem gewissen Grade Geschmacksache.

Natürlich kann das Noch-einmal-Aufblühen, der Ausbruch aus einem 30jährigen Ehe-, Liebes- und Gewöhnungstrott auch – vielleicht sogar häufige – Realität sein. Insofern ist Dresens schonungsloser Blick darauf ehrlich und gerechtfertigt. Es
scheint ihm sogar ein Anliegen zu sein, die Sichtweise auf die Jeden-Tag-Welt einmal besonders zu konkretisieren und der Wahrhaftigkeit näher zu kommen, als die Show-Branche dies gewöhnlich tut.

Formal ist alles, aber wirklich alles auf ein Minimum reduziert. Gespielt wird außerordentlich gut, vor allem von Ursula Werner als Inge. Einen der Nebenpreise hat es in Cannes für den Film übrigens schon gegeben.

Thomas Engel