Women without Men

In ihrem ersten Spielfilm adaptiert die international bekannte Video-Künstlerin Shirin Neshat einen höchst komplexen Roman der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur. Vor dem Hintergrund des von westlichen Geheimdiensten unterstützten Staatsstreichs im Iran 1953 spielt sich das Schicksal von vier Frauen ab, die auf verschiedene Weise von der Gesellschaft unterdrückt werden. Ein ambitionierter Film, gewidmet den iranischen Opfern demokratischer Aufstände der vergangenen hundert Jahre. – Ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie!

Webseite: www.womenwithoutmenfilm.com

Deutschland/ Österreich/ Frankreich 2009
Regie: Shirin Neshat
Drehbuch: Shirin Neshat, Shoja Azari, nach dem Roman von Shahrnush Parsipur
Darsteller: Pegah Ferydoni, Arita Shahrzad, Shabnam Tolouei, Orsi Toth, Mina Azarian, Shahrnush Parsipur
Länge: 95 Min.
Verleih: NFP
Kinostart: 17. Juni 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Die Faszination des Films entsteht aus der Ruhe, mit der die Regisseurin Gesichts- und Wüstenlandschaften ausleuchtet; mit der sie selbst Straßenschlachten so wunderschön arrangiert, als seien ihre Helden alle Schlafwandler, die auf vorgezeichneten Bahnen ihrer Wege ziehen.
Der Spiegel

WOMEN WITHOUT MEN zeigt frische Gesichter in Nahaufnahme, mischt das persönliche Schicksal der jeweiligen Iranerin mit dem Blick auf das historische Geschehen, poetische Bilder mit brutalen Aufnahmen prügelnder Soldaten. Obwohl die Regisseurin dabei an zu vielen Fäden auf einmal zieht, überzeugt die Intensität starker Frauen…
Die Zeit

Es gelingt der (Video-)Künstlerin Neshat in ihrem ersten Spielfilm, dem aus einer Romanvorlage stammenden Stoff eine weitgehend stimmige narrative Form zu geben, in der sich die Bildwelten, die man auch aus ihren künstlerischen Arbeiten kennt, zu eindrücklichen Porträts verdichten.
film-dienst

Der Putsch, daran lassen Roman und Film keinen Zweifel, führten direkt zu der Islamischen Revolution 1979. Der Widerstand gegen ihn wird nun just zu einer Zeit gezeigt, als erstmals wieder Männer und Frauen im Iran für die Demokratie auf die Straße gehen. Erlebt wird auch hier die große Historie ganz aus dem Blickwinkel von vier Individuen. …preisverdächtig…
Die Welt

FILMKRITIK:

Teheran, Sommer 1953. Nach der ersten freien Wahl ist Mohammed Mossadegh der erste demokratisch gewählte Premierminister des Irans. Neue Freiheiten beflügeln das Leben in der Hauptstadt, doch der Moment der Hoffnung währt nur kurz: Die ehemaligen britischen Kolonialherren wollen die Privatisierung der Ölgesellschaften nicht akzeptieren, der gerade gewählte amerikanische Präsident Dwight Eisenhower gibt den antikommunistischen Tiraden der Öffentlichkeit nach, die westlichen Machthaber unterstützen den von Schah Reza Pahlavi durchgeführten Staatstreich, dessen Folgen bis heute nachwirken.

Vor diesem Hintergrund siedelt die iranische Video-Künstlerin Shirin Neshat ihren ersten Spielfilm an. Es ist ein politischer Film, auch wenn er nur in zweiter Linie um Politik geht. Viel wichtiger ist der Regisseurin die gesellschaftliche Situation der Frau, die auch unter dem demokratisch gewählten Mossadegh keine gleichberechtigte Rolle spielt.

Vier Frauen von unterschiedlichem Alter, aus verschiedenen Sphären der Gesellschaft führt die Geschichte in einem Garten außerhalb der Hauptstadt zusammen. Der visuelle Kontrast zwischen magisch-verwunschenem Garten, in satten, bunten Farben gefilmt, und den sepiagetönten Straßen und Gebäuden der männlich dominierten Stadt betonen die Dichotomie der Geschlechter, die in ihrer Schlichtheit allerdings auch zu den Schwächen des Films führt. Ähnlich konstruiert wirken die vier Frauen selbst, die weniger Charaktere sind als Typen der Unterdrückung. Da ist die anorexische Prostituierte Zarin, die im ganzen Film kein Wort sagt und schließlich aus dem Bordell flüchtet. (In dem die Autorin der Romanvorlage einen kurzen Auftritt als Puffmutter hat.) Die ältere Fakhri leidet an ihrer freudlosen Ehe mit einem den Schah unterstützenden Offizier, vor allem aber an der Rückkehr eines alten Liebhabers, der ihr die Chance vor Augen führt, die sie einst verpasst hat. Und schließlich die Freundinnen Faezeh und Munis. Während Faezeh von ihrem nach strengen religiösen Regeln lebenden Bruder unterdrückt wird, schwärmt Munis für eben diesen Bruder, engagiert sich gleichzeitig auch im Protest gegen den Schah.

Das sind eine ganze Menge Geschichten und Figuren, die Shirin Neshat verknüpfen möchte. Dementsprechend überladen wirkt dann auch der Film, der oft auf eine visuelle Kurzform zurückgreift: Vom verrauchten Intellektuellengespräch im Kaffeehaus, bis zum starren Blick einer Prostituierten an die Decke, während ein Freier sich auf ihr abarbeitet. So überzeugend Shirin Neshats Arbeiten für Museen auch sind, im Kino beschränkt sich ihr visueller Einfallsreichtum auf betont formalistische Einstellungen, die sich stets ein wenig zu sehr an ihrer eigenen Perfektion berauschen. In erster Linie sind es die vier Hauptdarstellerinnen, die dem Film eine Qualität geben.

Michael Meyns

Teheran 1953. Unter der demokratischen Regierung Mossadegh sollen die iranischen Ölfelder verstaatlicht werden. Als Folge wird mit amerikanischer und britischer Hilfe Mossadegh gestürzt und die Diktatur des Schahs wieder eingesetzt.

Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich, basierend auf einem Roman von Sharnush Parsipur, ein Schicksalsmoment im Leben von vier Frauen ab: in dem von Fakhri, die die autoritäre Art ihrem Mannes nicht mehr erträgt, sich von ihm trennt, dazu noch auf eine frühere Liebe verzichten muss und sich als Ort der Freiheit vor den Toren der Stadt einen wilden Garten kauft; in dem von Zarin, die ihrem Leben als Prostituierte entflieht; in dem von Munis, die von ihrem fanatisch-bigotten Bruder lange gefangen gehalten wird, sich dann aber befreit und zur politischen Aktivistin mausert; in dem der schönen Faezeh, die Munis’ Bruder begehrt.

Irgendwann führt der Weg die vier in den besagten Garten, den sie, dann von persönlichem, religiösem und politischem Druck befreit, wie ein „Exil“ genießen können. Doch das eigene Schicksal oder die politische Situation holt sie auch wieder ein. Weder Munis noch Zarin überleben.

Die Regisseurin Shirin Neshat musste bei ihrer Geschichte zwei Probleme überwinden. Sie stellte erstens den Film offenbar teilweise aus eigenen früheren Installationen über die genannten Frauenfiguren zusammen, was dazu führte, dass er dramaturgisch etwas disparat geworden ist.

Zweitens griff sie, nicht zuletzt um der im Iran herrschenden Zensur auszuweichen, zu magisch-surrealen Stilmitteln, was das Verständnis nicht erleichtert. Immerhin gab es in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie.

Auf jeden Fall ist ein Film, der die Rolle der Frau im Iran behandelt, von eminenter Bedeutung. Die Freiheit der Frauen ist dort zumindest aus westlicher Sicht noch immer sehr relativ, die Folgen sind in unzähligen Fällen emotional schwer erträglich bis tragisch. Also ist jeder Beitrag, der hier Licht hineinträgt, wichtig.

Von intensiven Situationen und schönen Bildfolgen ist noch zu berichten, außerdem von dem Bedauern der Regisseurin über die historische Entwicklung und Situation des Iran. Sie ist überzeugt, dass nur der damalige Sturz Mossadeghs und die Wiedereinsetzung des Schahs durch fremde Mächte zur islamischen Revolution führte, die heute wiederum in vielem Unfreiheit bedeutet. Deshalb sagt sie dazu auch:

„Der Film ist zur Erinnerung all jenen gewidmet, die ihr Leben im Kampf für Freiheit und Demokratie im Iran verloren haben – von der Konstitutionellen Revolution 1906 bis zur Grünen Bewegung von 2009.“

Thomas Engel