World Taxi

Mit seiner kurzweiligen Doku taucht der freiberufliche Dokumentarfilmer Philipp Majer fulminant ein in die gesellschaftlichen Stimmungen und Kulturen unterschiedlicher Länder rund um den Globus von Afrika über Mexiko bis hin nach Berlin. Der Saarbrücker zeigt die Welt zwischen Vordersitz und Rücksitz im Mikrokosmos Taxi nicht nur unterhaltsam, sondern treffsicher mit feinem Gespür für außergewöhnliche, schicksalshafte Begegnungen. Wie einst in dem von Kultregisseur Jim Jarmusch inszenierten Klassiker „Night on earth“ entstehen streckenweise anrührende, skurrile, intime Momente, die nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ein realer Taxiblues, der besonderen Art.

Website: www.jip-film.de/world-taxi/

Deutschland, 2020
Regie: Philipp Majer
Drehbuch: Philipp Majer
Darsteller: Sergio Camacho, Mamadou Keita, Tony Kumsomsri, Bambi La Furiosa, Destan Mjekiqi
Kamera: Philipp Majer
Schnitt: Philipp Majer
Musik: Tobias Göbel
Länge: 85 Minuten
Verleih: JIP Film
Kinostart: 11. Juni 2020

FILMKRITIK:

„Im Taxi können Menschen innerhalb weniger Minuten ihr Herz ausschütten oder brisante politische Meinungen äußern“, weiß Dokumentarfilmer Philipp Majer, „ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.“ Und so wird in seinem Taxiblues rund um den Globus nicht selten politisiert. Ob Mamadou, der Taxifahrer in Dakar, Senegals bunter, lauter, staubiger Hauptstadt die Verkehrsregeln diskutiert oder afrikanischen Jugendlichen versucht die Augen zu öffnen, was sie als Migranten in Europa erwartet oder in Bangkok Tonys Fahrgast die Militärdiktatur kritisiert.

Und auch Destan aus Pristina, der Hauptstadt des Kosovos, sieht die Unabhängigkeit seines Landes nach der Auflösung Jugoslawiens inzwischen nüchterner. Wehmütig erinnert er sich an die ausgelassenen Feiern damals, von denen wenig blieb. Der junge Staat in der einstmals serbischen Teilregion versinkt in Korruption, klagt er. Trotzdem ist aber Freigiebigkeit der Kosovaren ungebrochen. Und so bietet Destan seinem Fahrgast, einem Rentner an, ihm das Fahrgeld zu erlassen, wenn er nicht zahlen kann.

Sergio lebt mitten in der Wüste von Texas in El Paso, direkt an der mexikanischen Grenze. Er macht mit seinem „Amigo Shuttle“ fast ausschließlich Grenzfahrten nach Juarez, berühmt durch Drogenhandel und Schmuggel. Seine Fahrgäste treibt aber meist etwas anderes nach Mexiko: günstige Medikamente und erschwingliche Behandlungen in Krankenhäusern. Denn eine Krankenversicherung kann sich die tragisch übergewichtige junge US-Amerikanerin in seinem Taxi nicht leisten. Und auch das Hospital ganz in der Nähe ihrer Wohnung ist zu teuer für sie. In Mexico dagegen kostet alles halb so viel.

Während er an der Mauer zwischen Mexiko und den USA entlang fährt, einem perversen Prestigeprojekt für US-Präsident Trump, erklärt er, wer seiner Meinung nach dieses ominöse Bauwerk befürwortet. Es sind die Arbeitslosen auf der anderen Seite, die Angst um ihre Jobs haben. Doch die Mexikaner schuften hauptsächlich als schlechtbezahlte Tagelöhner in der US-Landwirtschaft, weiß Sergio. Eine Arbeit, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sonst keiner machen will.

In Berlin chauffiert die burschikose Taxifahrerin Bambi durch den nächtlichen Großstadtdschungel der boomenden Metropole. Mutig fährt sie als Frau ausschließlich nachts durch die Straßen von Berlin Babylon, um ihre Beute zu schnappen. „Ich habe ein angeborenes, unheilbares Aufstehproblem“, verrät die blonde Kreuzbergerin. Selbstsicher chauffiert sie die Nachtgestalten aus dem angesagten Party-Hot-Spot Berghain. Und souverän blockt sie ab, wenn ein lesbisches Pärchen sie zu einem „flotten Dreier“ einlädt. Freilich hofft auch das „lonesome Cowgirl“ auf den einen sympathischen Fahrgast, der sie erwählt.

Durch eine Parallelmontage der unterschiedlichen Zeitzonen, ausgerichtet an der mitteleuropäischen Zeit, erzeugt Regisseur Philipp Majer ein Gefühl von Gleichzeitigkeit. Slow-Motion Sequenzen sowie rockige Gitarrenklänge geben den Rhythmus vor und verbinden seine Protagonisten dramaturgisch geschickt. Schließlich ist es nicht leicht innerhalb eines Rahmens eine Hand voll Einzelschicksale ineinander zu flechten und dabei ein stimmiges Gleichgewicht zu halten. Doch sein erzählerisches Patch-Work funktioniert.

Das Kunststück, dem Zuschauer einen intimen und dennoch unaufdringlichen Blick auf die fünf Hauptprotagonisten zu bieten gelingt. Ansatzweise erinnert die Doku an die wertvolle Indie- Perle von Kultregisseur Jim Jarmusch, dem Meister des Minimalismus. Und tatsächlich war die Erinnerung an dessen grandiosen skurril-warmherzigen Episodenfilm der Auslöser für Philipp Majer in die Taxi-Welt einzusteigen. Und wie Jarmusch schafft er es seine Momentaufnahmen ihrer Banalität zu berauben und sie spannend zu gestalten.

Luitgard Koch