Wunder der Lebenskraft

Wer spirituelle Energien filmisch erfahrbar machen möchte, begibt sich schnell auf Glatteis. Leicht entsteht der Eindruck, etwas wegzulassen, zu verklären oder zu manipulieren. Auch Stephan Petrowitsch, Motivationstrainer und Autor des Buches „Die Kraft der Visionen“, setzt sich dieser Gefahr aus. Mit argloser Neugier reist er rund um die Welt und fragt spirituelle Lehrer verschiedener Religionen nach dem Geheimnis menschlicher Lebenskraft. Das Ergebnis – mit dem Publikumspreis ausgezeichnet auf dem Genre-Filmfest „Cosmic Cine Festival 2015“ – ist zum Teil belustigend und irritierend, aber auch faszinierend.

Webseite: www.wunder-der-lebenskraft.de

A 2015
Regie und Buch: Stephan Petrowitsch
Mit: Folker Meißner, Leung YanKwai, Vagish Shastri, Sundar Prins, Laurens Storms, Saidou Bikienga
Länge: 90 Minuten
Verleih: InTouch Petrowitsch & von Wehner GbR
 Start: 1. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Lebenskraft? Kennt man diesen Begriff nicht nur aus alten Büchern? Ist damit „Power“ oder „Energie“ gemeint? Energie steht heute doch meistens im Zusammenhang mit Energiesparen. Und die Lebenskraft passt überhaupt nicht in eine Zeit, in der permanent „Entspann dich!“ diktiert wird.
 
Stephan Petrowitsch steigt also einem aus der Zeit gefallenen Begriff hinterher. Unter anderem in China, Indien, Italien, Griechenland und Burkina Faso. Er erhofft dort Abhilfe für seine Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Erkältungsempfindlichkeit. Wie so viele wirft auch er der Schulmedizin vor, die Seele des Menschen außen vor zu lassen und den Körper nur als Maschine zu betrachten.
 
Auf fast allen Kontinenten findet er Menschen mit unglaublichen Fähigkeiten sowie Entsprechungen für das Wort Lebenskraft: „Prana“ in Indien, „Shi“ in China, „Ki“ in Japan.
Er bringt die Begriffe auf einen Nenner: Das Zulassen der Seelenbewegungen, die Selbstheilung durch eigene Energien, Konstruktivität statt Destruktivität.
 
Ein großer Teil des Films widmet sich der Erweckung der „Kundalini“ – einer Bezeichnung aus dem Sanskrit für die innewohnende Kraft, die am Ende der Wirbelsäule wie eine Schlange ruhen soll und durch Suggestion zum Leben erweckt werden kann. Immer wieder sind größere Gruppen offensichtlich westlicher Menschen im Bild, deren Körper ekstatisch zucken. Der indische Guru Swami Vishwananda erklärt dazu: „Menschen müssen lernen, geduldig zu sein, alles liegt in ihnen.“ Er zitiert auch C.G. Jung: „Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.“
 
Yogalehrer Sundar Prins erzählt, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Nach einem Beinahe-Tod machte er eine mystische Naturerfahrung: „Die Blätter sagten mir: Atme! Die Blüten sagten: Blühe!“ Der Schamane Emayo Montaya, der mal mit Feuer tanzend im Stammeskostüm, dann aufgeräumt in Anzug mit rosa Krawatte zu sehen ist, sagt, er wolle die Menschen nicht lehren, spirituell, sondern einfach nur lebendig zu sein: „Egal, wohin ich gehe, ich gehe nirgendwohin, ich bin immer auf dem gleichen runden Planeten.“
 
So beruhigend beunruhigend geht es weiter mit Fratel Cosimo in Süditalien. Er zitiert die alte Lebensweisheit: Ist die Seele gesund, heilt auch der Körper. Der deutsche ganzheitliche Mediziner Folker Meißner bedauert das Fehlen der geistigen Anbindung in der heutigen Medizin. Völlig skurril wird es dann in Burkina Faso. Hier hilft der von zwei Leibwächtern geschützte Heiler Saido Bikienga Gehbehinderten und Gelähmten mit leichten Tritten in den Rücken wieder auf die Füße. Es sind Massenheilungen, zu denen hunderte Menschen zum Teil getragen werden.
 
Auch die verwirrendsten Therapieformen saugt Stephan Petrowitsch wie ein gelehriger Schüler  auf. Er erhält offene Antworten, stellt aber kaum kritische Fragen. Einmal wird der Stab des Äskulap, dem Symbol der Ärzte und Pharmazeuten, mit dem Stab der Herolde, der Nachrichtenüberbringer, verwechselt. Bilder und Musiken – wabernde Wolken, flackernde Kerzen, Zeitraffer, Flötenmusik – greifen auf die Gestaltung von illustrierten Psalmenbüchern zurück. Ein Overkill an Betörung. Dennoch gelingt es Petrowitsch, heterogene Ansätze auf eine Ebene zu bringen. Selbst skeptische Geister dürften hier Erkenntnisse gewinnen.
 
Dorothee Tackmann