Yella

Nach seinem schwebenden Film „Gespenster“ (2005) scheint Christian Petzold mit „Yella“ auf die Erde zurückgekehrt zu sein. Es gibt handfeste Figuren (eine Buchhalterin, den Vertreter einer Risikokapital-Firma) und ein handfestes, höchst aktuelles Thema: wie so genannte Heuschrecken Firmen in Not aussaugen. Streckenweise macht sich ein für Petzolds Verhältnisse geradezu atemberaubender Realismus breit. Doch dann beginnt das vermeintlich sichere Fundament doch zu schwanken und die Geschichte erscheint in einem anderen Licht. Und das ist viel plausibler als bei den irrlichternden „Gespenstern“.

Webseite: www.yella-der-film.de

Silberner Bär Berlinale 2007 für Nina Hoss als beste Hauptdarstellerin

D 2007
Buch und Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner
Länge: 89 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 13.9.2007

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Yella (Nina Hoss) hat einen Job im Westen gefunden. Ihr Mann Ben (Hinnerk Schönemann), von dem sie sich getrennt hat, will sie morgens in Wittenberge zum Bahnhof fahren. Doch auf dem Weg dahin gibt er plötzlich Gas und steuert den Wagen auf einer Brücke in die Elbe. Ein Action-Beginn wie in einem deutschen Fernsehkrimi. Man mag es kaum glauben. Doch dann geht es weiter, wie man es von Petzold kennt. Yella kommt unversehrt ans Ufer, zufällig ploppt ihr Gepäck hoch, etwas feucht, aber pünktlich erreicht sie den Bahnhof.  Kein Wunder: Yella ist ein bayerisches Wort, das für rastlose Dynamik steht. Diese Frau wird so schnell nichts aufhalten. Als ihr Job sich als falsches Versprechen entpuppt, mit der Option, mit dem gescheiterten Chef ins Bett zu gehen, hält sie nur kurz inne – um sofort die nächste Chance zu ergreifen. Im Hotel lernt sie den Business-Typen Philipp (Devid Striesow) kennen, der sie kurzerhand als seine Assistentin engagiert. Als Buchhalterin ist sie ja vom Fach, ein paar Tricks („Broker Posing“) bringt Philipp ihr schnell bei. Fortan nehmen sie gemeinsam die Chefs von Firmen in die Zange, die dringend Kapital brauchen. Ihnen wird für die finanzielle Hilfe eine hohe Beteiligung abgepresst. Yella bewährt sich als Philipps Assistentin in den Verhandlungen und auch sonst spielen sich die beiden die Bälle zu.

Die Menschen verändern sich in den Zeiten des Risikokapitals. Philipp scheint Yellas Hunger auf Erfolg und Geld zu ahnen, und Yella vermutet, dass Philipp ein Typ nach ihrem Geschmack ist: ein Sieger mit einem ehrgeizigen Ziel. Beide sind berechnend und von robuster Härte – nicht gerade Sympathieträger. Aber so muss man wohl sein, wenn man in diesen Zeiten oben schwimmen will. Während für Philipp jenseits der kalten Welt des Erfolgs nichts mehr zählt, schwankt Yella hin und her. Sie entfaltet in ihrem Aufstiegswillen eine erstaunliche Skrupellosigkeit, ist jedoch auch empfänglich für das klassische Familien-Idyll. Das wird sie zerstören, so wie unter dem Diktat des Raubtier-Kapitalismus wohl alle menschlichen Beziehungen Gefahr laufen, zerstört zu werden. Das klingt wie ein böser Traum, wie der Schrecken, den Yella bekommt, weil sie plötzlich ihren Mann in ihrer Nähe wähnt und davonrennt. Oder wie der Schrecken, den Philipp bekommt, als er im Auto neben Yella aufwacht, die ihn ins heimische Wittenberge kutschieren will. Viel befindet sich hier in einem Reich zwischen Traum und Leben, wie sich zeigen wird.

Petzold erzählt das wie gewohnt mit langen Einstellungen, leer geräumten Bildern und knappen, teilweise artifiziellen Dialogen. Und das wird wie immer Kontroversen auslösen. Man kann diesen Stil enervierend prätentiös finden oder ihm eine hyperrealistische Eleganz zuschreiben. Das ist ebenso Geschmackssache wie die überraschende Auflösung von „Yella“, für die sich Petzold bei einem berühmten Vorbild bedient hat.

Volker Mazassek

 

 
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Yella ist von „drüben“. Aber sie will im Westen ein neues Leben und eine andere Karriere beginnen. Von ihrem Mann Ben trennt sie sich; sowieso ist dieser mit seiner Firma pleite gegangen. Allerdings denkt der anders. Er will seine Yella zurückhaben, es noch einmal versuchen. Deshalb passt er sie ab, als sie Wittenberge verlassen will. Er möchte sie, so der Vorwand, nur zum Zug bringen.

Die Autofahrt endet anders als gedacht. Wirklichkeit oder nur Traum?

Yella wird von Philipp angesprochen. Der ist Finanzberater, Finanzjongleur, Finanzbetrüger. Ein Mann, der für seine Ölbohrpläne große Geldsummen beiseite schaffen will. Über seine Machenschaften weiß Yella natürlich nicht Bescheid. Sie wird Philipps Sekretärin, unterstützt ihn in seinen Verhandlungen, berät ihn, übertrifft ihn zuweilen sogar mit Geschick, hält seine sachliche, distanzierte, nichts an sich heran lassende Art aus, flüchtet sich aber doch einmal zu ihm, als Ben wieder auftaucht und sie bedrängt. Sie wird in jener Nacht auch Philipps Geliebte.

Yella ist in ein anderes, fremdes Leben hineingeraten. So sehr, dass sie wahrscheinlich einen Kunden ins Verderben führt. Will oder wird sie wieder zurückkönnen?

Hat die Autofahrt mit Ben ein tragisches Ende genommen, ist etwa das ganze Geschehen nur Traum oder Einbildung? Autor und Regisseur Christian Petzold lässt vieles absichtlich in der Schwebe. Er hat über den unerwartet bewegten Lebensabschnitt Yellas einen erschreckend nüchternen, aber realitätsähnlichen Film gedreht, in dem jede sparsame Geste, jeder knapp bemessene Dialog, jede ausgesuchte Bildkadrierung stimmt.

Aus dem Begleitmaterial zu dem Streifen ist zu ersehen, wie überlegt und präzise Petzold vorging, wie viele Versuche und Proben er verlangte. Es hat sich gelohnt. Allerdings sitzt man deshalb manchmal eher vor einer gekonnten Stilübung als vor einem Unterhaltungsfilm. Und wehe, wenn das Geschäftsleben sich immer und Überall so darstellt!

Ein besonderes Kapitel sind Devid Striesow als Philipp und Nina Hoss als Yella. Sie dominieren in ihren Rollen. Nina Hoss bekam dafür auf der Berlinale 2007 sogar den Hauptpreis für die beste weibliche Darstellung.

Erschreckendes Geschäftsleben, nüchtern-präzise Stilübung und Schauspielkunst. 

Thomas Engel