Youth

In seinem dichten Drama „Youth“ erzählt Tom Shoval von der sozialen Realität Israels, die diesmal nur ganz am Rand mit dem sonst allgegenwärtigen Nahost-Konflikt zu tun hat. Stattdessen stehen wirtschaftliche Probleme im Mittelpunkt, die die Brüder Shaul und Yaki zu einer extremen Tat treiben, deren Konsequenzen sie nicht ahnen können.

Webseite: www.port-prince.de

Israel 2013
Regie, Buch: Tom Shoval
Darsteller: David Cunio, Eitan Cunio, Moshe Ivgy, Shirli Deshe, Gita Amely, Uri Hochman, Alexander Peleg
Länge: 105 Minuten
Verleih: Port-au-Prince Pictures
Vertrieb: barnsteiner-film
Kinostart: 23. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Vorort von Tel Aviv. Mit ihren Eltern leben die Brüder Shaul (Eitan Cunio) und Yaki (David Cunio) in beengten Verhältnissen. Seit der Vater seinen Arbeitsplatz verloren hat, wird die finanzielle Situation der Familie immer schwieriger. Die Mutter hat diverse Jobs und auch Shaul jobt nach der Schule in einem Kino, um etwas Geld zu verdienen. Sein etwas älterer Bruder Yaki leistet derweil seinen Militärdienst ab und ist der Stolz der Familie, wenn er in Uniform, mit umgehängtem Maschinengewehr (ein alltägliches Bild in Israel) am Wochenende nach Hause kommt.

Ohne viele Hintergrundinformation zu geben, etabliert Autor und Regisseur Tom Shoval das Leben der Brüder, erzeugt eine Stimmung, die einerseits von stabilen, innigen Familienverhältnissen erzählt, andererseits von einer unterschwelligen Unruhe getrieben ist, die wie die Ruhe vor dem Sturm wirkt. Und dieser Sturm tritt in Form eines irrwitzigen Plans ein, denn die Brüder durchführen, um ihre Familie vor dem drohenden Bankrott zu retten: Sie entführen Shauls Klassenkameradin Dafna (Gita Amely).

Als Shaul dem Mädchen in der ersten Einstellung des Films folgte, sie beobachtete und mit dem Handy filmte, hatte man noch an eine unverfängliche Faszination für ein Mädchen gedacht. Doch bald stellt sich heraus, dass er nach einem geeigneten Ort für einen Überfall gesucht hat. Der Plan scheint gut durchdacht und sieht vor, das Mädchen in den Bunker im Keller des Hauses zu verstecken und übers Wochenende Geld von ihren wohlhabenden Eltern zu erpressen.

Mit Yakis Maschinengewehr wird Dafna bedroht und verschleppt, die Freude bei den Brüdern ist groß, doch bald kommt ihr Plan ins Stocken: Dafnas Eltern gehen nicht ans Telefon, denn sie sind streng gläubige Juden und befolgen den Shabbat, der unter anderem auch das Benutzen technischer Geräte untersagt. Zunehmend eskaliert die Situation, zunehmend angespannt sind die Brüder und besonders Shaul sieht sich zu seiner Klassenkameradin hingezogen.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte von Tom Shovals Debütfilm sind die beiden Hauptdarsteller David und Eitan Cunio, ein Bruderpaar, dass hier zum ersten Mal vor der Kamera stand. Gerade ihre reduzierte Mimik sorgt in Kombination mit ihrem teils unbedarften, vor allem aber unprofessionellen und damit nicht manierierten Spiel für große Authentizität. (Die in der verunglückten deutschen Synchronfassung leider durch eine völlig überzogene, unpassende Proll-Sprache abgeschwächt wird.) Wozu auch die Kameraarbeit beiträgt, die meist auf Distanz bleibt, die Entwicklung ruhig beobachtet, das Drama unbestechlich einfängt.

Manchmal würde man sich zwar etwas mehr erzählerische Substanz wünschen, ein paar Informationen mehr, die die Umstände des Gezeigten etwas deutlicher machen würden. Doch Tom Shoval belässt es bei Andeutungen, aus denen natürlich besonders jene Zuschauer Gewinn ziehen können, die mit den Gegebenheiten der israelischen Gesellschaft vertraut sind. Dass diese keineswegs in dem Maße vom Nahostkonflikt geprägt ist, wie es etwa die deutsche Medienlandschaft oft suggeriert, allein dass macht „Youth“ zu einem sehenswerten Film, in dem besonders die beiden Hauptdarsteller überzeugen.

Michael Meyns