Yuki & Nina

Yuki und Nina sind neun Jahre alt und beste Freundinnen. Während Ninas Eltern schon lange getrennt sind, sieht sich Yuki plötzlich mit der Aussicht konfrontiert, mit ihrer japanischen Mutter nach Japan zu ziehen und ihren französischen Vater in Paris zurückzulassen. Wie das Mädchen damit umgeht zeigen Hippolyte Girardot und Nobuhiro Suwa in ruhigen, schönen Bildern, die über weite Strecken etwas arg unaufgeregt sind und erst durch einen Hauch magischen Realismus zum Leben erwachen.

Webseite: www.peripherfilm.de/yukinina

Frankreich, Japan 2009,
Regie, Buch: Hippolyte Girardot & Nobuhiro Suwa
Darsteller: Noe Sampy, Arielle Moutel, Tsuyu Shimizu, Marilyne Canto, Hippolyte Girardot, Koko Mori
Länge: 92 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 16. Juni 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist nicht leicht, im Kino vom Alltäglichen zu erzählen. In aller Regel ist das Gewöhnliche, das ganz normale Leben schlicht und ergreifend zu gewöhnlich und normal, um die Notwendigkeit einer dramaturgischen Form zu erfüllen, die jeder noch so minimalistische Film erfüllen muss. Als Regisseur, der sich nicht an extremen dramatischen Formen versuchen will, nicht mit zugespitzten Situationen und Emotionen arbeiten will, steht man dann vor der schwierigen Frage, wie wenig Drama genug ist, um dennoch einen dramatischen Film drehen zu können.

Bis in die zweite Hälfte seiner kurzen Spieldauer, versucht “Yuki & Nina”, eine gemeinsame Regiearbeit des französischen Schauspielers Hippolyte Girardot und des japanischen Regisseurs Nobuhiro Suwa, aus fast Nichts Spannung zu erzeugen. In langen Einstellungen, ruhig kadriert und zurückhaltend, beobachtet der Film die beiden neunjährigen Mädchen Yuki (Noe Sampy) und Nina (Arielle Moutel). Beiläufig werden die Konstellationen angedeutet, in denen die beiden Mädchen leben: Während Nina allein mit ihrer Mutter lebt, steht Yuki kurz vor der Trennung ihrer Eltern. Die Vorstellung, mit ihrer japanischen Mutter nach Tokio zu ziehen und den französischen Vater in Paris zurückzulassen, erschrickt Yuki und setzt die Ereignisse des Films in Bewegung. Wobei dies schon zu viel gesagt ist, denn wie es in dieser Art des minimalistischen Kinos – wie es besonders auf Filmfestivals rund um die Welt beliebt ist – die Regel ist, wird jegliche dramaturgische Zuspitzung vermieden. Einzelne Szenen stehen nebeneinander, Szenen die ganz langsam dazu führen, das Yuki und Nina von zu Hause ausreißen, was weder bei ihnen, noch bei ihren Eltern für größere Aufregung sorgt.

In einem Vorort hat Ninas Vater ein Haus, wo die beiden Mädchen sich zunächst einquartieren, bevor sie in den Wald weiterziehen. Erst hier weicht der Film von seinem Realismus ab und wagt es, die Möglichkeiten des filmischen Erzählens gegen den Realismus der wirklichen Welt zu setzen. Während Yuki allein durch den Wald läuft, nachdenklich und ein bisschen verloren, findet sie sich auf einmal vom französischen Wald in eine japanische Landschaft versetzt. Man kann diesen Moment als Vorausblick auf Ereignisse verstehen, die erst in Japan passieren werden, oder als magischen Realismus, als Moment, wie ihn nicht die Realität schaffen kann, sondern nur die Künstlichkeit einer fiktiven Erzählung. In jedem Fall findet „Yuki & Nina“ hier die Bilder, vor allem auch den Mut, sich über puren Realismus zu erheben und in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren einzutauchen, den er vorher vermissen ließ. Was bis dahin nur eine zwar souverän gefilmte, aber doch arg unaufregende Beobachtung des wenig bemerkenswerten normalen Lebens war, wird in diesen Momenten zu einem wunderbaren Film über die Kraft der Imagination. Also eigentlich über die Möglichkeiten des Kinos selbst.

Michael Meyns

Die Schülerinnen Yuki und Nina sind Freundinnen. Vielleicht darf Yuki sogar mit Ninas Familie in die großen Ferien fahren. Yukis Mutter Jun müsste nur noch ihren Segen geben.

Doch die hat Yuki etwas ganz anderes zu sagen: nämlich dass sie und Yukis Vater nicht mehr miteinander auskommen und sich trennen werden. Der seelische Schock des Kindes und die Traurigkeit sind groß, zumal Yuki mit nach Japan soll – und damit ihre Freundin verlieren würde.

Die beiden Mädchen wollen all das nicht hinnehmen. Sie schreiben an Yukis Mutter anonym – als „Liebesfee“ – einen Brief, in dem die Frau aufgefordert wird, sich alles noch einmal zu überlegen. Aber die Trennung ist unabwendbar.

Die beiden Mädchen versuchen deshalb zu fliehen. Doch sie kommen nur bis in den Wald.

Als sie getrennt werden, hat Yuki so etwas wie ein surreales Erlebnis: In eine Lichtung tretend, wähnt sie sich plötzlich in Japan. Ihre Mutter ist da und Spielkameradinnen. Später sehen sie eine Videobotschaft. Der Vater spricht mit ihnen und die traurige Freundin Nina.

Erinnerungen Juns: an ein altes Haus, an den Fluss. Bist du glücklich hier, fragt die Mutter. Ja, antwortet Yuki.

Die Gespräche zwischen den beiden Mädchen hören sich fast naturalistisch an und sind gut beobachtet (zum Teil improvisiert). Aber dann spielen magische, die Realität verändernde Elemente hinein, Traumelemente wie etwa Yukis plötzliche Verpflanzung nach Japan. Wohl der Versuch einer Verbindung von zwei Kulturen. Am deutlichsten geschildert wird der Unterschied zwischen der harten Welt der Erwachsenen und der noch reinen Existenz der Kinder. Das ist ein Vorteil des Films, dass er auf der Höhe des Verständnisses bleibt, welches Kinder von der Welt haben. Die Erzählung wurde nicht auf die Ebene der Geschichte eines Paares in Trennung heruntergezogen.

Ein Film, mit dessen „Handlung“ man sich gleichwohl nicht leicht tut.

Hervorragend wiederum das völlig natürliche Spiel der beiden kleinen Darstellerinnen Noë Sampy als Yuki und Arielle Moutel als Nina – teilweise ein Vergnügen.

Thomas Engel