Zärtlichkeit

Ein Road-Movie, ein Familienfilm, vor allem aber eine subtile Studie von Beziehungen. Das ist Marion Hänsels Film „Zärtlichkeit“, der betont undramatisch erzählt und vor allem dank seiner beiden starken Hauptdarsteller immer wieder zu wahrhaft zärtlichen Momenten über das Verhältnis eines Ex-Paares zueinander und zum gemeinsamen Sohn findet.

Webseite: www.salzgeber.de

OT: La Tendresse
Belgien/ Frankreich/ Deutschland 2013
Regie, Buch: Marion Hänsel
Darsteller: Maryline Canto, Olivier Gourmet, Adrien Jolivet, Margaux Chatelier, Sergi Lopez
Länge: 79 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 24. April 2014

FILMKRITIK:

Nach einem Skiunfall liegt Jack (Adrien Jolivet) in einem Krankenhaus, irgendwo in den französischen Alpen. Zu Hause in Belgien erfahren seine seit langem getrennt lebenden Eltern Lise (Maryline Canto) und Frans (Olivier Gourmet) vom Unglück des Sohnes. Da dessen Krankenkasse den Rücktransport nicht bezahlen will, raufen sich die Eltern zusammen und machen sich am frühen Morgen auf den Weg.

Keine Animositäten prägen das Bild des ehemaligen Paares, sondern kleine Neckereien über die Eigenheiten und Macken des jeweils anderen. Bei einer Raststätte etwa schließt sich Lise aus Versehen in der Toilettenkabine ein, vergisst mal dies, mal das und ist mit ihrer oft fahrigen Art das genaue Gegenteil von Frans, dem eher rationalen, überlegten Mann.

In den Alpen angekommen, lernen die Eltern auch Alison (Margaux Chatelier) kennen, die hübsche Freundin des Sohns. In seiner unbeschwerten Verliebtheit erinnert das junge Paar die Eltern daran, was sie einst hatten, aber schon lange verloren haben.

Auf dramatischer Ebene passiert in Marion Hänsels „Zärtlichkeit“ fast nichts. Betont ruhig und beiläufig inszeniert die belgische Regisseurin, erzeugt bewusst keine Spannung, kein Drama. Viel passiert außerhalb des Bildrahmens, wird nur angedeutet und nicht gezeigt. Und auch Konflikte zwischen den Figuren sind kaum vorhanden: Das Verhältnis der ehemaligen Ehepartner ist gut, kleine Sticheleien bestimmen den Ton, die aber eher liebevoll wirken. Und auch das Verhältnis des Sohns zu den Eltern ist gut, zwar geprägt von der typischen Ungeduld eines jungen Mannes gegenüber der übertrieben wirkenden Besorgnis der Eltern, aber doch immer ohne Groll.

Bei soviel Harmonie in jeder Beziehung läuft Hänsels Film manches Mal Gefahr, in allzu große Beliebigkeit abzudriften, eher dahinzuplätschern, als subtil zu erzählen. Besonders wenn auf den langen Autofahrten seichte Lieder aus dem Autoradio plärren, ist „Zärtlichkeit“ etwas beliebig und unfokussiert. Doch zum Glück sind solche Momente rar, findet Hänsel immer wieder zum Zentrum der Erzählung zurück: Dem Verhältnis des Ex-Paares Lise und Frans.

Ganz subtil legen Maryline Canto und Olivier Gourmet ihre Figuren an, deuten eine Vertrautheit an, die in langen Jahren der Ehe entstanden und trotz Jahren der Trennung nicht verschwunden ist. Dass kaum etwas über die Hintergründe der Figuren erzählt wird, auch die Umstände der Trennung weitestgehend im Dunkeln bleiben, macht die Figuren zu Chiffren, zu Projektionsflächen, die alle Variationen einer Ehe, ihres Scheiterns, aber nicht zuletzt der Gefühle, die bleiben, beinhalten.

Auch wenn Marion Hänsels Film bisweilen etwas dahinplätschert, immer wieder gelingen der Regisseuren pointierte Momente, treffende Beobachtung über das Verhältnis eines Ex-Paares zwischeneinander und zum gemeinsamen Sohn, der eigentlich schon erwachsen und eigenständig ist, aber immer doch das bleibt, was die Eltern verbindet.
 
Michael Meyns