Zero Days

Es ist selten, dass eine Dokumentation in den Wettbewerb eines A-Festivals eingeladen wurde, doch kaum ein Film passte diesen Frühjahr so gut zur Berlinale wie Alex Gibneys "Zero Days". Als Dokumentation brillant, ist "Zero Days" auch ein spannender, oft kaum zu glaubender Cyber-Thriller, vor allem aber eine Warnung vor Methoden der modernen Kriegsführung, über die immer noch viel zu wenig gesprochen wird.

Webseite: dcmworld.com

USA 2016 – Dokumentation
Regie, Buch: Alex Gibney
Länge: 116 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 1. September 2016
 

FILMKRITIK:

Als durchschnittlicher Mensch macht man sich normalerweise wenig Gedanken über das Innenleben von Computern. Die Dinger sollen funktionieren, mehr will man nicht wissen, auch wenn man immer mehr Zeit auf die Monitore von Laptops, PCs oder Smartphones starrt. Langsam aber sicher greifen Computer in immer mehr Lebensbereiche ein, übernehmen immer mehr Funktionen, nehmen dem Menschen lästige Arbeit ab. Manchmal geht dabei zwar etwas schief, wie vor ein paar Tagen, als zum ersten Mal ein Computergesteuertes Auto einen tödlichen Unfall baute, aber das ändert nichts an der Tendenz, immer mehr Freiheiten aufzugeben, der immer größeren Vernetzung der Menschheit zuzusehen.

Was einerseits enorme Vorteile hat, ermöglicht es den Geheimdiensten andererseits, potentiell auf praktisch jeden Computer der Welt zuzugreifen. 2010 waren dies Rechner, die in der iranischen Atomanlage Natanz standen. Damals gelang es amerikanischen und israelischen Agenten, einen Virus namens Stuxnet zu installieren, der sich selbstständig vervielfältigte und schließlich hunderte Zentrifugen des iranischen Nuklearprogramms zerstörte. Was für die westlichen Geheimdienste ein großer Erfolg ihrer Abteilung Cyber-Warfare war ist für Alex Gibney nur der Ausgangspunkt seiner Überlegungen.

Zwar gelingt es ihm dank zahlreicher Interviews mit Computerexperten, aber auch Vertretern aus Politik und Geheimdiensten, einen umfassenden Abriss der Ereignisse um Stuxnet zu zeichnen, doch das ist erst der Anfang. Denn was auf Stuxnet folgte, war wenig überraschend die Reaktion des Irans, die ebenfalls auf dem virtuellen Schlachtfeld erfolgte. Die Folgen für amerikanische oder israelische Einrichtungen waren zwar minimal, doch allein, dass selbst der Iran eine Abteilung für virtuelle Kriegsführung besitzt, deutet die Auswirkungen dieser Entwicklungen an.

Die besondere Gefahr für Beteiligte, aber vor allem auch für eigentlich Unbeteiligte, anders ausgedrückt für die gesamte Menschheit, besteht in diesem Fall nun darin, dass ein Computer-Virus nicht einfach verschwindet. Während konventionelle Waffen durch ihre Anwendung zerstört sind, also nicht einfach kopiert werden können, sind Viren wie Stuxnet nichts anderes als Coumputerprogramme, die zwar nicht mit Leichtigkeit, aber von Experten doch analysiert und wiederverwendet werden können. Die Methode, mit der es amerikanischen und israelischen Geheimdienstlern also gelang, in die iranischen Systeme einzudringen, liegen nun offen und könnten im schlimmsten Fall in den Abgründen des Internets, den so genannten Darknets an den meistbietenden verkauft werden.

Was sich wie absurde Paranoia, wie eine extreme Verschwörungstheorie anhört ist eine Entwicklung, die zunehmend Realität wird, über die aber kaum berichtet wird. Immer wieder betonen manche von Gibneys Interviewpartnern, dass Stuxnet streng geheim sei und sie deshalb keine genauen Auskünfte geben können. Doch Stuxnet ist nicht mehr geheim, in zahlreichen Zeitungen und Magazinen wurde schon ausführlich über den Virus und seine Folgen berichtet. Dass viele Beteiligte dennoch auf Geheimhaltung bestehen und damit eine wirkliche Diskussion über die zukünftigen Möglichkeiten und Gefahren der virtuellen Kriegsführung verhindern ist der eigentliche Punkt, den Alex Gibney mit seiner außerordentlichen, hoch komplexen und absolut zeitgemäßen Dokumentation "Zero Days" macht.
 
Michael Meyns