Zonenmädchen

Sabine, Claudia, Claudi, Vera, Verusha. Fünf Frauen, die noch in den letzten Tagen der DDR in die Schule gegangen sind. Im Frühsommer 1990 bekommen sie ihr Abiturzeugnis, da gibt es das Land nicht mehr. Sie waren Freundinnen und haben gemeinsam den Traum von der Freiheit geträumt, und der hatte einen Namen: Paris. Zweiundzwanzig Jahre nach ihrem Auszug in die Freiheit treffen sich die fünf Frauen in Paris wieder, dann fahren sie gemeinsam nach Dresden, an die Orte ihrer Jugend. Die Dokumentarfilmerin Sabine Michel ist eine von ihnen und zeichnet fünf Lebenslinien von interessanten Frauen nach, die heute um die vierzig sind und wieder an Wegkreuzungen stehen, an denen sie Entscheidungen zu treffen haben. Die Verknüpfung dieser Lebensgeschichten aber mit den Bedingungen der beiden politischen Systeme, in die sie hineingeboren sind, gelingt nur bruchstückhaft.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2013
Regie und Buch: Sabine Michel
Verleih: mindjazz pictures
Start: 04.11.2013
Dauer: 75 Minuten

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Sabine, Claudia, Claudi, Vera, Verusha. Fünf Frauen, die noch in den letzten Tagen der DDR in die Schule gegangen sind. Im Frühsommer 1990, als sie in Dresden ihr Abiturzeugnis bekommen, gibt es das Land nicht mehr. Sie waren Freundinnen, haben einige Jahre ihrer Jugend zusammen verbracht und so manche Träume gemeinsam geträumt. Zum Beispiel den von der Freiheit, und der hatte für sie einen Namen: Paris. Jede von ihnen war kurz nach der Wende dort gelandet, eine war geblieben. Die anderen hatte es über verschiedene Stationen wieder zurück nach Deutschland geführt, sie leben jetzt in Berlin und Dresden. Zweiundzwanzig Jahre nach ihrem Auszug in die Freiheit treffen sich die fünf Frauen wieder. Zuerst in Paris, dann fahren sie gemeinsam nach Dresden, an die Orte ihrer Jugend, und auch an Orte, die es gar nicht mehr gibt.

Die Regisseurin des Films, Sabine Michel, ist eine der fünf Frauen. Sie wächst in einem gut behüteten – wie sich später herausstellen wird, – zu behüteten Lehrerhaushalt auf, denn dass der Großvater ein Nazi war, wird konsequent verschwiegen. Mit 11 Jahren beginnt ihre Wirbelsäule sich zu verformen. Sie bekommt ein Gipskorsett und das muss sie tragen, bis sie 16 ist. Das ist zum einen eine ganz schwierige Situation für ein gerade aufblühendes Mädchen. Es ist aber auch ein treffendes Bild für die Filmerin Sabine Michel, dieses Leben in der absterbenden DDR zu beschreiben. Als die zwei prägenden Erfahrungen ihres Lebens bezeichnet Sabine Michel das körperliche und das geistige Korsett, das sich plötzlich auflöste. Danach kam die Freiheit.

Sabine Michel zeichnet die fünf unterschiedlichen Lebenswege von 1990 bis heute nach. Die in Paris geblieben war, dem Sehnsuchtsort, tat es der Liebe wegen, von der sie sich nach 17 Jahren getrennt hat. Aber Paris ist ihre zweite Heimat geworden, sie unterrichtet heute an einem renommierten Pariser Gymnasium. Den Traum von einer Familie träumt sie immer noch. Eine andere ist Rechtsanwältin geworden und verwirklicht ihren Traum von der Freiheit, in dem sie beruflich zwischen New York, Berlin und Paris pendelt. Die Vierte hat nach schweren Lebenskrisen, die mehr mit einer schwierigen Mutterbeziehung zu tun zu haben scheinen als mit politischen Umbrüchen, ihr Glück als Geschäftsführerin einer großen Kneipe und in der Liebe zu einer Frau gefunden. Die Fünfte, Tochter einer Russin und eines Deutschen, dadurch etwas Exotisches auch in der DDR, wurde Psychologin. Heute hat sie vier Kinder und arbeitet sowohl mit Jugendlichen „an der Basis“, als auch zum Geldverdienen, wie sie sagt, für die Suppernanny im Privatfernsehen.
Gerade sie wirft ihnen allen beim Treffen in Paris Anpassung an das System vor und den Abschied von einstigen Prinzipien. Sie verdirbt die Stimmung am Frühstückstisch im Hotel, weil ihr die Prosecco-Laune der anderen zu oberflächlich erscheint. Leider verfolgt die Regisseurin diese Misstöne zwischen den einstigen Freundinnen nicht weiter. Da gibt es lediglich noch den kurzen Disput über das, was sie früher den Kapitalismus nannten und was heute Marktwirktschaft heißt, und was für die Anwältin völlig in Ordnung ist, während die Dresdner Geschäftsführerin es als Augenauswischerei bezeichnet.
In solchen Momenten blitzt das Potenzial des Films auf, wird deutlich, wie sich Lebenslinien und die Sicht auf die Welt ausdifferenziert haben. Inwieweit das aber etwas mit dieser Zäsur 1989 zu tun hat, bleibt an vielen Enden offen, obwohl der Titel „Zonenmädchen“ in diese Richtung verführt.

Dem Film fehlt das Zentrum. Er mäandert zwischen verschwommenen Filmaufnahmen aus den Kindheiten der Protagonistinnen, schönen Bildern des Treffens im heutigen Paris und Begegnungen der Frauen mit ihren Müttern oder anderen wichtigen Menschen heute. Dazwischen Spaziergänge an Kindheitsorte in Dresden, die verfallen oder verändert oder gar nicht mehr existent sind. Natürlich erzählen diese Bilder etwas vom Wandel, von Abbrüchen und Neuanfängen, von denen ja auch diese fünf Leben geprägt sind. Keine der Frauen beispielsweise hat sich in die Rolle als nur Hausfrau und Mutter begeben, alle haben sie selbstbewußt ihre Eigenständigkeit bewahrt, und das ist sicher auch ein Erbe ihrer DDR – Geburt. Aber die Verknüpfung ihrer Leben mit den Bedingungen dieser beiden Systeme gelingt nur sehr bruchstückhaft.

Insofern ist es vor allem ein Film über fünf interessante Frauen um die vierzig, die auch jetzt wieder an Wegkreuzungen stehen, an denen sie Lebensentscheidungen zu treffen haben. Denn eine glatte Linie vom Abi bis zu Rente, wie sie das von der DDR mit auf den Weg bekommen haben, gibt es nicht mehr.

Caren Pfeil