Zu guter Letzt

Kaum eine Filmminute mit Shirley MacLaine ist Zeitverschwendung. In der sehenswerten Generationenkomödie brilliert die Oscar-Preisträgerin als scheinbar kratzbürstige, erfolgreiche Geschäftsfrau Harriet Lauler im Ruhestand. Nicht umsonst bot die inzwischen 82jährige bodenständige Diva den Macho-Stars des alten Hollywoods die Stirn. Auf der Suche nach dem perfekten Nachruf begleitet die vielschichtige Schauspielerin Amanda Seyfried als junge Journalistin die autarke Hollywood-Ikone auf ihrem Roadtrip zum besseren Ich.

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USA 2017
Regie: Mark Pellington
Drehbuch: Stuart Ross Fink  
Darsteller: Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Ann'Jewel Lee, Thomas Sadoski, Philip Baker Hall, Tom Everett Scott, Joel Murray, Valerie Ross, Anne Heche.
Länge: 107 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 13. April 2017

FILMKRITIK:

„Der Gedanke, meinen Nachruf dem Zufall zu überlassen, erscheint mir vollkommen unvernünftig“, erklärt die ehemalige, erfolgreiche Werbeagentur-Chefin Harriet Lauler der verdutzten Journalistin Anne Sherman (Amanda Seyfried). Die energische alte Dame will auch hier das sprichwörtliche „letzte Wort“ haben. Und so verlangt sie von der jungen Lokalredakteurin der „Bristol Gazette“, dass sie die Verdienste ihres Lebens schon jetzt in geschliffenem Stil zusammenfasst. Dazu freilich soll sie eine alphabetisch sortierte Liste mit ein paar hundert Menschen über die exzentrische Lady befragen.
 
Ihr Chef Ronald (Tom Everett Scott) hat gegen diese Sonderbehandlung nichts einzuwenden, denn Harriet Lauer sponserte das inzwischen fast bankrotte Blatt jahrelang mit ihren Anzeigen. Aber Anne findet niemanden, der über die einstige schonungslos ehrliche Marketingspezialistin auch nur ein gutes Wort verlieren will. Ob Ex-Mann Edward (Philip Baker Hall) oder ihre ehemaligen Angestellten bis hin zum Pastor, jeder weigert sich. Tochter Elizabeth (Anne Heche) spricht sowieso seit Jahren nicht mehr mit ihr. Da so ein erster Entwurf nur misslingen kann, beschließt Harriet eine Image-Politur.
 
Fest entschlossen ihre Lebensgeschichte zu korrigieren macht sie sich mit Anne im Schlepptau und dem so genannten „Problemkind“ aus dem Ghetto Brenda (AnnJewel Lee Dixon), auf den Weg. Der gemeinsame Roadtrip zum besseren Ich hält für alle einige Überraschungen parat. Dass die 80jährige Harriet mit ihrer Vinyl-Plattensammlung plötzlich als Discjockey bei einem alternativen Radiosender anheuert verbreitet dabei nicht nur verschmitzte Retro-Atmosphäre. Vielmehr zeigt die Szene wie nebenbei, dass eine neue Wertschätzung für agile Ältere durchaus möglich ist.
 
Schließlich war die Angst im Alter aus sozialen Verbindungen und damit aus der Welt zu fallen, selbst für die einst aktive, erfolgreiche Harriet ein Thema. Wenn sie zu Beginn der unterhaltsamen Tragikomödie, trotz Villa und Hauspersonal, zu ihren Tabletten greift. Sie muss zwar aus keinem unwürdigen Altersheim-Ghetto fliehen, sitzt aber trotzdem einsam im goldenen Käfig. Nach und nach erklärt sich ihre vehemente Kontrollsucht. Sich in einer von Männer dominierten Welt durchzusetzen, dazu musste sie einiges aufbieten.
 
Nicht umsonst also eine Paraderolle für die inzwischen 82jährige Hollywood-Legende Shirley McLaine. Schon immer verweigerte sie sich der weiblich-mütterlichen Rolle und bot ihren Macho-Stars einst mutig die Stirn. Selbst das „Rat-Pack“ um Frank Sinatra hatte sie im Griff. „Ich wollte Filme drehen und nicht Hausfrau am Herd sein“, so die Oscar-Preisträgerin. Anfang der Fünfziger, direkt nach der High School, zog es sie erst nach New York, an den Broadway, dann bald auf die andere Seite des Landes, Westküste, Hollywood. Ihr Kinodebüt hatte sie 1955 in Alfred Hitchcocks „Trouble with Harry“. Dabei experimentierte sie zum ersten Mal mit der produktiven Symbiose aus europäischer Ironie und amerikanischem Slapstick.
 
Luitgard Koch