Zu weit weg

Nach dem Umzug in eine andere Stadt muss sich der 12-jährige Ben neu zurechtfinden. Das gilt auch für den Fußball, wo der ehemals verwöhnte Stürmerstar seines Dorfclubs jetzt noch einmal ganz von vorn anfangen muss. So wie Tariq, der aus Syrien kommt und von dem Ben nicht nur auf dem Fußballplatz viel lernen kann. Was wie eines der üblichen deutschen Kinderfilmdramen anfängt – ein bisschen progressiv, ein bisschen pädagogisch und immer hübsch fernsehkompatibel -, entwickelt sich schnell zum spannenden und amüsanten Kinoereignis für die ganze Familie. Ein rundum gelungener Film, der hoffentlich nicht in der Masse der Filmstarts untergeht.

Webseite: www.ZuWeitWeg.de

Deutschland 2019
Regie: Sarah Winkenstette
Darsteller: Yoran Leicher, Sobhi Awad, Anna König, Andreas Nickl, Anna Böttcher, Petra Nadolny
Länge: 88 Minuten
Verleih: farbfilmverleih
Kinostart:12. März 2020

FILMKRITIK:

Ben und seine Familie wussten schon lange im Voraus, dass ihr Dorf irgendwann einem Braunkohle-Tagebau weichen muss. Doch als es dann tatsächlich so weit ist, fällt der Abschied schwer. Der Umzug in die größere Stadt bringt für alle große Veränderungen mit sich. Aber irgendwie scheint Ben besonders darunter zu leiden. In der Schule ist er jetzt der Neue, aber was noch schlimmer ist: Im neuen Fußballclub ist er ein Nobody, einer, der sich anpassen muss und nichts zu melden hat. Dass er in der letzten Saison Tore am laufenden Band geschossen hat, scheint niemanden zu interessieren. Ben muss in der Abwehr spielen und seine gelegentlichen Ausflüge nach vorne enden regelmäßig in einer Katastrophe. Aber Ben ist nicht der einzige, der neu im Verein ist, denn da ist auch noch Tariq, ein Flüchtling aus Syrien, der ebenfalls neu in der Klasse ist und Fußball spielt, allerdings – das muss sogar Ben neidlos zugeben – sogar noch besser als er. Aus der anfänglichen Rivalität wird bald eine Freundschaft. Und aus den gemeinsamen Erlebnissen werden Abenteuer …
 
Auf die Fußballsprache übertragen, könnte man sagen: Diese Geschichte entwickelt sich wie der Angriff einer ballverliebten Mannschaft. Scheinbar ruhig, vielleicht sogar etwas betulich, startet der Film, befasst sich mit der familiären Situation, zeigt Ben als Fußballstar und in Vorbereitung des Umzugs. Ein bisschen Tiki-Taka, es geht hin und her, und irgendwann, wenn kaum noch jemand damit rechnet, geht die Post ab. Sarah Winkenstette hat das Drehbuch von Susanne Finken in schöne Spannungsdreiecke umgesetzt; die Rochaden der Spieler werden hier durch kleine, angenehm beiläufig gestaltete Nebenhandlungen ersetzt, die schließlich ein stimmiges Gesamtbild ergeben, das ohne Klischees auskommt und trotzdem witzig und humorvoll erstmal Erwartungen erfüllt, bevor sie konterkariert werden. Da gibt es das einzige Mädchen in der Jungsmannschaft, das sich sehr gut gegen 12-jährige Machos behaupten kann. Und die Suche nach Tariqs großem Bruder, der vermisst wird, wird zum Social Media-Event, bei dem ganz selbstverständlich und ohne den berühmten erhobenen Zeigefinger die Kids ihr Ding durchziehen.
 
Für das Gelingen dieses topfitten, putzmunteren Familienfilms ist neben Susanne Finken als Autorin vor allem Sarah Winkenstette als Regisseurin zuständig, die ihr hoffnungsvolles Kinodebüt mit leichter Hand und angemessener Sensibilität inszeniert hat. Ebenso aber gebührt den beiden jungen Hauptdarstellern Respekt und Hochachtung. Yoran Leicher als Ben und Sobhi Awad als Tariq spielen so natürlich und überzeugend, dass ihnen nicht nur die Herzen des Publikums zufliegen werden. Sie schaffen es, selbstverständlich auch dank der Leistungen des gesamten Teams, die im Grunde anspruchsvolle Geschichte von Flucht, Vertreibung und Neuanfang in anderthalb Stunden beste Unterhaltung zu verpacken. So macht Kino für die Jugend Spaß!
 
Gaby Sikorski