Zwei Leben

Das Wiedersehen mit dem großen Bergman-Star Liv Ullmann – und Julianne Köhler – entpuppt sich als große positive Überraschung des Kinoherbstes: „Zwei Leben“ erzählt als historischer Thriller höchst spannend und als Familien-Drama sehr bewegend von einem verdrängten Kapitel europäischer Geschichte. Als 1989 die Mauer fällt, reist Katrine (Juliane Köhler) eilig nach Ost-Berlin, während sie ihrer Familie in Norwegen einen anderen Aufenthalt vorschwindelt…

Offizielle deutsche Nominierung für den Auslands-Oscar 2014!

Webseite: www.zweileben-film.de

BRD, Norwegen 2012
Regie: Georg Maas
Buch: Georg Maas, Christoph Tölle, Ståle Stein Berg, Judith Kaufmann
Darsteller: Juliane Köhler, Liv Ullmann, Ken Duken, Sven Nordin, Julia Bache-Wiig
Länge: 97 Min.
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 19. September 2013

PRESSESTIMMEN:

"’Zwei Leben’ macht da weiter, wo ‘Das Leben der Anderen’ aufgehört hat."
STERN

"Drama über tragische familiäre und politische Verwicklungen. Der spannende und bisweilen bewegende Film wird für Deutshland ins Oscar-Nominierungsrennen geschickt."
DER SPIEGEL

„Der Film ‘Zwei Leben’ überzeugt durch die Beleuchtung eines weitgehend unbekannten Strangs der deutschen Geschichte: der norwegischen Lebensborn-Kinder… Das Erbe des Dritten Reichs verzahnt sich auf schuldige Weise mit den Machenschaften des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Beeindruckend sind das intensive Zusammenspiel von Juliane Köhler mit Liv Ullmann und die ausdrucksstarke Kinematographie.“
Jury-Begründung zur deutschen Nominierung für den Auslands-Oscar

"Konstruierter, aber sehr spannender Thriller über Spionage, Familie und die Spätfolgen von Kriegsverbrechen."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Katrine (Juliane Köhler) lebt am Rande der norwegischen Stadt Bergen glücklich mit ihrer Familie. Sie arbeitet in einer Druckerei, ihr Mann Bjarte (Sven Nordin) bei der Marine. Die Tochter Anne (Julia Bache-Wiig) hat selbst gerade ein Kind bekommen und wenn zu viel los ist, hilft Katrines fitte Mutter Åse (Liv Ullmann) gerne aus. Nichts erinnert in dieser naturnahen Idylle mehr daran, dass Katrine einst unter dramatischen Umständen aus der DDR floh und nach der Kriegs-Verschleppung als „Lebensborn“-Kind erst spät zu ihrer leiblichen Mutter in Norwegen zurückfand. Denn die Nazis entführten bei ihrem Rückzug viele Kinder von Norwegerinnen und deutschen Soldaten „heim ins Reich“.

Als 1989 mit dem Fall der Mauer die Ordnung Europas durcheinander gerät, erreichen diese Schockwellen auch die friedliche Familie: Katrine reist nicht wie angekündigt nach Oslo sondern nach Ost-Berlin und tritt dort mit Perücke und neuem Outfit als ganz anderer Mensch auf. In geheimnisvollen Begegnungen begibt sie sich auf die Spuren der eigenen Kindheit in einem DDR-Heim. Gleichzeitig bedrängt der junge deutsche Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) die norwegische Familie. Er will die Verschleppung der Kinder durch deutsche Soldaten vor ein europäisches Menschenrechts-Gericht bringen und braucht dafür die Aussagen von Katrine und ihrer Mutter. Ein Netz aus Lügen und Geheimnissen zieht sich um die energisch agierende Frau mit der immer rätselhafteren Vergangenheit zu. Dabei drohen die Familienbande zu zerreißen: Bjarte wird eifersüchtig, Annes Mutterbild ist erschüttert und Åse zerreißt ein alter Zweifel. Wie Liv Ullmann mit ganz wenig äußerer Regung einen tiefen Schmerz, eine grausame Erkenntnis mitempfinden lässt, gehört zu den Höhepunkten dieses rundum gelungenen Films.

Auf der Basis von wahren Begebenheiten, die in Norwegen noch immer große Emotionen auslösen und einem unaufgeklärten Todesfall in Bergen adaptierte Regisseur Georg Maas („The Real World of Peter Gabriel“, „NeuFundLand“, „Atemnot“) selbst mit seinen Koautoren (Christoph Tölle, Ståle Stein Berg, Judith Kaufmann) einen Stoff der Romanautorin (Hannelore Hippe). Dabei gelingt es den Filmemachern auf erstaunliche Weise, immer neue Schichten der Historie und der Figuren aufzuzeigen. Immer wieder wird das emotionale Verhältnis zu den Figuren reizvoll anders ausgeleuchtet: Ist Katrine ein Opfer oder schuldig? Und wer sind eigentlich die Bösen? Die Nazis? Die panischen und zu allem entschlossenen Rest-Figuren der Stasi? Letztlich bleibt der Krieg als die Wurzel alles Übels – der Regisseur nennt „Zwei Leben“ denn auch einen Antikriegs-Film. Und erweitert das Inhaltliche auf die Form des Films: Die packende Erzählweise bricht ausgrenzende „Wir – Ihr“-Schemata auf, da Identifikationen immer neu und raffiniert in Frage gestellt werden.

“Vielschichtigkeit der Charaktere und die Komplexität der Geschichte” waren nach eigener Aussage der Grund für Maas, diesen Stoff zu verfilmen. Im Endergebnis sind sie auch Grund genug, sich diesen Film unbedingt anzusehen. Selten sah man einen so spannenden Spionage- und Historien-Thriller mit derart gut und differenziert gezeichneten Figuren verbunden. Das Spiel von Juliane Köhler und Liv Ullmann ist sehr intensiv und prägnant. Für Ullmann, die sofort vom Stoff begeistert war, wurden übrigens die Zeitperspektiven, von denen aus erzählt wird, umgeschrieben, damit ihr Alter glaubwürdig für die Rolle von Katrines Mutter ist. Über den norwegischen Star, der in schwedischen Filmen berühmt wurde und mittlerweile auch Regie führt, dreht Georg Maas auch noch eine Dokumentation, was die Zusammenarbeit am Set zusätzlich intensivierte.

Das Ergebnis ist ein in seiner Story, im Spiel und auch in der Form außergewöhnlicher und sehr bemerkenswerter Autorenfilm, der sein Publikum unwiderstehlich packt und nicht mehr los lässt.

Günter H. Jekubzik

Norwegen. Katrine Evensen Myrdal lebt mit ihrem Mann Bjarte, ihrer Tochter Anne und deren Baby Turid glücklich. Scheinbar. Auch die Urgroßmutter Åse ist noch da, also vier Generationen.

Eines Tages taucht der Anwalt Sven Solbach auf. Er will vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg eine Klage anstrengen. Was für eine Klage? Eine zugunsten norwegischer Frauen.

Manche von ihnen hatten während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg Liebes- oder Sex-Beziehungen mit deutschen Soldaten. Ein paar tausend Kinder sind daraus hervorgegangen. Die Nazis verschleppten dieses arische, dieses nordische, dieses „saubere“ Blut nach Deutschland etwa in die SS-„Lebensborn“-Kinderheime. Åse war mit einem Deutschen verheiratet. Ihre Tochter war bei den Verschleppten.

Viele Jahre später wurde diese beim Versuch einer Flucht aus der DDR erschossen. Die Stasi machte aus ihrer Identität eine Doppelgängerin, die als Spitzel in Norwegen eingesetzt wurde: Katrine Evensen Myrdal.

Durch Solbachs Auftauchen kommt die komplizierte Geschichte an den Tag. Katrine muss täuschen, verbergen, lügen. Das glückliche Familienleben ist kaputt.

Eine fiktive und doch durchaus mögliche, in mehreren Fällen die tatsächliche Historie streifende Geschichte. Sie ist mysteriös-vielschichtig, spannend, in manchen Passagen melancholisch-sentimental, schließlich tragisch.

Ein besonderes Lob gebührt den Drehbuchautoren. So gehört ein Szenario aufgebaut. Der Regisseur muss ebenfalls zu den Beglückwünschten gehören.

Keine Geringere als Liv Ullmann ist hier nach Jahren wieder als Åse zu sehen: charismatisch und überzeugend wie eh und je. Juliane Köhler spielt die Katrin. Eine bravouröse Leistung. Auch die übrigen gliedern sich bestens ein: Ken Duken als Solbach, Julia Bache-Wiig als Anne oder die DDR-„Kontaktmänner“ Rainer Bock und Thomas Lawinky.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Thomas Engel