Zweite Chance

Das rigorose Kino der dänischen Oscar-Preisträgerin Susanne Bier („Open Hearts“) ist allemal eine Zumutung für den Zuschauer – die sich in den meisten Fällen freilich durchaus lohnt. So auch in diesem Drama, in dem der verzweifelte Held in einer moralischen Zwickmühle eine weitreichende Entscheidung fällt. Beim Einsatz trifft der Polizist und frischgebackene Vater auf ein verwahrlostes Baby und dessen drogenabhängige Eltern. Als sein eigener Sohn plötzlich den Kindstod stirbt und die fragile Mutter durchdreht, fasst er einen ungeheuerlichen Plan und nimmt das Schicksal selbst in die Hand. Ein starkes Stück im doppelten Sinn: So bitter die Story anmutet, so eindrucksvoll und mitreißend wird sie präsentiert.     

Webseite: http://zweitechance-derfilm.de

Dänemark 2014
Regie: Susanne Bier
Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Ulrich Thomsen, Maria Bonnevie
Filmlänge: 105 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 16.4.2015
 

Pressestimmen:

"Psychologisch vielschichtiges und oft überraschendes Drama über die Abgründe der Elternliebe."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Der Polizist Andreas und seine Frau Anne sind ein glückliches Paar. Nach einer erlittenen Fehlgeburt ist Anna zwar psychisch angeschlagen, umso mehr freuen sich die beide über die Geburt ihres Sohnes Alexander. Als frischgebackener Vater reagiert Andreas naturgemäß sichtlich erschüttert, als er bei einem Einsatz in einer heruntergekommenen Junkie-Wohnung auf ein sehr vernachlässigtes Baby trifft. Die Eltern sind drogensüchtig, der Vater für seine jähzornigen Gewaltausbrüche bekannt, dennoch schreiten die Sozialbehörden nicht ein, weil der Säugling augenscheinlich in körperlich guter Verfassung scheint. Andreas reagiert entsetzt, doch ihm sind die Hände gebunden, zumal die überforderte Mutter einen Drogentest bestanden hat.
 
Im eigenen Heim nimmt das Schicksal für den Polizisten alsbald einen tragischen Verlauf. Sein kleiner Alexander liegt in der Nacht leblos in seiner Wiege. Als alle Wiederbelebungsversuche scheitern, will Andreas den Notarzt rufen, doch Anne reagiert völlig panisch und droht mit Selbstmord, falls ihr jemand das Kind wegnimmt. Verzweifelt fasst der Vater einen verhängnisvollen Entschluss: Er bricht noch in derselben Nacht in die Wohnung der Junkies ein und tauscht deren Baby gegen seinen toten Sohn aus. Der kühne Coup gelingt. In seiner Panik vergräbt der drogensüchtige Vater den Säugling im Wald und will eine Kindesentführung vortäuschen. Der Plan ist so stümperhaft wie seine Ausführung. Schnell landet der Verdächtige im Knast, doch dem Kollegen von Andreas wachsen zunehmend Zweifel. Als die Leiche des Säuglings gefunden und obduziert wird, nehmen die Dinge einen unerwarteten Verlauf.
 
Zum gemütlichen Kuschelabend taugt dieser Kinobesuch kaum, eher zur angeregten „Was würdest du in dieser Lage tun?“-après-Film-Gespräch. Welchen moralischen Preis zahlt der Polizist für sein geklautes Glück? Ist gut gemeintes, aber illegales Handeln legitim, wenn die geltenden Gesetze versagen? Bei diesen verantwortungslosen Raben-Eltern hat das Baby höchstwahrscheinlich die miserabelsten Perspektiven. Aber hat die sozialschwache Mutter trotzdem nicht jedes Recht auf ihr Kind, das sie auf ihre Weise liebt und dem sie selbst keinen Schaden zufügt? Wie üblich stellt Susanne Bier die Fragen der Moral, ohne sich moralinsauer zu präsentieren. Einmal mehr stürzt sie ihren verzweifelten Helden in eine ausweglose Zwickmühle und zwingt ihn zu Entscheidungen, die fatale Folgen haben. Die Inszenierung der dänischen Filmemacherin fällt traditionell ebenso schnörkellos wie psychologisch präzise aus. Ihre verzweifelten Figuren erweckt sie mit leinwandpräsenten Darstellern effizient zu spannenden, wahrhaftigen Typen, die gängigen Klischeefallen gekonnt entkommen. Visuell wird gleichfalls Hochkarätiges geboten: Selten wurden Augenkontakte in Großaufnahmen derart famos zelebriert wie hier.  
 
Wie so oft erweist sich das kleine Dänemark als kreative Kino-Größe, die dem trägen deutschen Förderkino international längst lässig den Rang abgelaufen hat. Mit Oscar, Golden Globe, Europäischem Filmpreis oder Bernhard Wicki-Preis ist Susanne Bier die mit Abstand erfolgreichste Exponentin des europäischen Kinos. Eine zweite Chance hat sie nicht nötig – nach dem grandios rigorosen Drama „A Second Chance“ schon gar nicht.
 
Dieter Oßwald