Zwingli – Der Reformator

Nach dem enormen Erfolg von „Luther“ folgt nun ein Biopic über seinen Schweizer Zeitgenossen, den Kirchenrebellen Ulrich Zwingli. Anno 1519 übernimmt er in Zürich das Amt des Leutpriesters. Rigoros fordert er radikale Reformen ein. Gottesdienste sollen auf Deutsch statt in Latein gehalten werden. Zölibat, Fasten und Fegefeuer gelten ihm als bloße Machtmittel der Kirche, von denen in der Bibel kein Wort zu lesen sei. Das pompöse Historiendrama überzeugt durch spannende Dramaturgie sowie einen charismatischen Hauptdarsteller: Max Simonischek hat klar das Talent von Vater Peter. Ein flammendes Plädoyer für aufgeklärtes Denken und gegen religiösen Fanatismus. 500 Jahre später gilt: Nie war es so wertvoll wie heute.

Webseite: www.wfilm.de/zwingli

Schweiz, Deutschland 2018
Regie: Stefan Haupt
Darsteller: Max Simonischek, Sarah Sophia Meyer, Anatole Taubman, Stefan Kurt
Filmlänge: 128 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 31.10.2019

FILMKRITIK:

„Es gibt nichts Sinnloseres auf der Welt als diese Mast-Säue in ihren braunen Mönchskutten.“ – deftige Worte, mit denen der junge Kirchenrebell Ulrich Zwingli seine klerikalen Mitbrüder abkanzelt. Kaum ist der junge Theologe zum Leutpriester in Zürich berufen, weht ein frischer Wind durch die Gemäuer des ehrwürdigen Großmünsters. Gleich im ersten Gottesdienst verspricht Zwingli seiner Gemeinde, die Bibel fortan nicht wie üblich lateinisch vorzulesen, sondern auf Deutsch. Die Menschen sollen schließlich verstehen, was der Herr ihnen zu sagen hat! „Wenigstens kapiert man mal was“, freut sich das Volk. „Fang‘ mir nicht an, hier herumzufuhrwerken wie der Luther!“, warnen die alten Kirchen-Bonzen, die um ihre Pfründe fürchten.

Zwingli lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, er wettert gegen teuer bezahlte Seelenmessen, die ein vermeintliches Fegefeuer verhindern sollen. Fordert ein Ende des Zölibats und des Fastens. Lässt seine Predigt drucken, damit sie verbreitet wird. Als die Pest kommt, verlassen die Pfaffen als erste die Stadt. Nur Zwingli bleibt in Zürich, wo jeder dritte Einwohner vom schwarzen Tod dahingerafft wird. Auch der Priester erkrankt, erholt sich aber Dank der Pflege von Anna, einer jungen Witwe, mit der ihn bald eine leidenschaftliche Liebe verbinden wird.

Die Kirchenfürsten fürchten um ihre Macht und wollen Zwingli als Ketzer verbannen. Der liberale Stadtrat jedoch steht hinter dem Rebellen und organisiert eine öffentliche Verhandlung. „Messt meine Worte an der Heiligen Schrift!“ verteidigt sich der engagierte Priester. Seine Kontrahenten müssen sich in dem Disput kleinlaut geschlagen geben. Ohnmächtig erleben sie dessen Plan, die Klöster aufzulösen, um deren Reichtümer den Armen zu geben. Zwingli lässt allen Prunk aus dem Münster entfernen und er heiratet trotz Zölibat seine geliebte Anna. „Was frühstückst du eigentlich morgens? Stierhoden?“, fragt ein Bekannter.

Doch dann schlägt das klerikale Imperium zurück. Scheiterhaufen brennen. Die Eidgläubigen marschieren mit einer doppelten Übermacht von 7000 Mann gen Zürich. Zwinglis Treffen mit Luther zu einer strategischen Verteidigungsallianz scheitert. Im Religionskrieg wird der Aufklärer sein Leben verlieren. Brutal misshandelt, verstümmelt, getötet, so erfährt seine Witwe.

Mit einem Etat von 5 Millionen Franken erweist sich das Historiendrama für Schweizer Verhältnisse als echte Großproduktion. Tatsächlich zahlen sich die Investitionen auf der Leinwand visuell aus. Tricktechnisch überzeugen die Bilder einer kleinen, dreckigen Stadt am Limmat, die Jahrhunderte später zum protzigen Eldorado einer Finanzmetropole werden wird. Die Ausstattung fällt für einen Historienfilm außergewöhnlich überzeugend aus – welcher Kostümschinken kann im Nachspann schon einen Hutmacher aufweisen? 

Was die historische Wahrhaftigkeit betrifft, haben Schweizer Medien in gewohnter Gründlichkeit einschlägige Wissenschaftler befragt, die ihre Absolution für diese Darstellung des Nationalhelden gegeben haben. Gut zu wissen. Noch besser, dass dieses Biopic keiner Heldenverehrung huldigt. Dieser Zwingli hat Hurenkinder. Macht Fehler. Hadert mit dem Schicksal. Ulrich Zwingli, ein ganz normaler Mensch mit Macken und großen Visionen. Dieses filmische Denkmal, radikal und bescheiden gleichermaßen, steht diesem Rebellen gut – und dürfte das Publikum auch nach 500 Jahren ziemlich beeindrucken.

Dieter Oßwald