Zwischen den Stühlen

Teach me if you can! Drei junge Lehrer werden ins kalte Wasser des Schulalltags geworfen und lernen, zu schwimmen oder unterzugehen. Jakob Schmidt begleitet das Referendariat von Katja, Ralf und Anna. Aus ihren Erfahrungen hat er eine unterhaltsame Dokumentation gebaut, in der trotz der leichten Stimmung auch die Grundprobleme deutlich werden: Wer in Deutschland unterrichtet, braucht mehr als den Wunsch, Wissen weiterzugeben, nämlich Nerven wie Drahtseile, eine schafsähnliche Geduld und ein großes Herz. Davon erzählt der empfehlenswerte, kleine Film, der sehr viel Spaß macht und dem zu wünschen ist, dass er sich im Kino gegen die Konkurrenz behaupten kann. Vielleicht wird er sogar zum offenen Geheimtipp für Pauker?

Webseite: http://zwischendenstuehlen-film.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2016
Regie und Drehbuch: Jakob Schmidt
Originalmusik: Andreas Bick
Länge: 102 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 18. Mai 2017

FILMKRITIK:

Für alle Lehrer in Deutschland gilt: Nach dem Studium kommt das Referendariat. Also nach der grauen Theorie die bunte Praxis? – Nicht ganz, denn natürlich gibt es Lehramtspraktika, in denen die Junglehrkräfte schon mal ein bisschen üben können. Dennoch ist das Referendariat für die meisten eine Herausforderung, denn nun müssen sie sich über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren, je nach Bundesland und Studiengang, im Schulalltag bewähren. Jetzt geht es nicht mehr darum, hin und wieder mal eine Unterrichtseinheit vorzubereiten, sondern nun geht es richtig knackig ans Werk. Jeden Tag, jede Stunde, immer wieder und immer wieder neu. Manches klappt schon richtig gut, aber es geht auch viel in die Binsen. Nicht alles lässt sich planen, und der Druck wächst, denn am Ende des Referendariats steht die unterrichtspraktische Prüfung vor der Kommission.
 
Jakob Schmidt hat seine drei Referendare ganz genau unter die Lupe genommen. Er zeigt nicht nur die tägliche Routine im Schuldienst, sondern auch Pleiten, Pech und Pannen, die schönen und die weniger schönen Aspekte, wie öde Elterngespräche, nervige Schüler oder verständnislose Mentoren. Aber da gibt es eben auch die tollen Momente, die super gelungenen Stunden mit wohlerzogenen Schülern, die ihren Lehrern an den Lippen hängen, mit goldigen Kollegen und liebevollen, hilfsbereiten Familien …
 
Für seinen Film hat Jakob Schmidt drei vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten gesucht und gefunden, die in Berlin an ebenfalls sehr unterschiedlichen Schulen unterrichten: Anna, Katja und Ralf. Anna ist die Kritische, die alles (auch sich selbst) ständig hinterfragt und gleichzeitig so viel ändern will. Sie ist eher Kuschelpädagogin, möchte ihre Schüler vom Leistungsdruck fernhalten, aber sie wirkt oft unsicher, ist sich dessen bewusst und versucht, mit Rhetorikcoaching und Vortragstraining mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Die taffere Katja scheint dagegen die geborene Lehrerin zu sein – so wie ihre Mutter, die ihr gerne hilft. Katja ist engagiert, hilfsbereit und humorvoll, nach außen wirkt sie ganz und gar positiv. Aber ebenso wie Anna hinterfragt sie gern ihre eigene Position. Und dazu ist sie noch ziemlich perfektionistisch. Ralf dagegen scheint vor Selbstvertrauen zu strotzen. Dem künftigen Gymnasiallehrer poppt die Kompetenz aus allen Knopflöchern. Er wirkt und ist hoch gebildet, ist pragmatisch und sehr effizient … aber dabei vergisst er ab und an mal, dass er es mit jungen Menschen zu tun hat, die seine Aufmerksamkeit brauchen. Alle drei haben selbst Kinder und Familien, die durch die harte Referendariatszeit ebenfalls auf dem Prüfstand stehen. Die Arbeit nagt an den drei künftigen Lehrern, sie macht sie manchmal ungeduldig, leicht reizbar und vor allem: Alle drei haben kaum mehr Zeit für sich und fürs Private.
 
Mit wohlwollender Behutsamkeit, viel Mitgefühl und Humor präsentiert Jakob Schmidt seine Protagonisten. Die omnipräsente, sehr bewegliche Kamera bleibt stets bei ihnen, so dass ihre Probleme individualisiert werden. Dennoch werden Gemeinsamkeiten deutlich, ohne dass sie ausgesprochen werden müssen; lediglich nebenbei geht es allgemein um die Schule und das Schulsystem. Die drei Helden werden nur kurz vorgestellt, Jakob Schmidt lässt sich und ihnen viel Zeit für Entwicklungen. Er ist dabei, wenn ihnen alles glückt und wenn sie krachend scheitern. Er stellt ihre Persönlichkeiten einander gegenüber, und dabei gelingt ihm das Kunststück, jeden für sich und alle miteinander sympathisch und liebenswert zu machen. Man fiebert mit, wenn es an die Lehrproben geht, wenn Katja die ganze Klasse auf ihre Prüfung einschwört, wenn Ralf seinen Stoff ohne Rücksicht auf Verluste einfach durchpeitscht und dabei seine Schüler im Stich lässt, oder wenn Anna sich einfach nicht durchsetzen kann. Da bricht schon mal das Chaos aus, hilflose Lehrkräfte stehen sinnlos herum, aber dann geht es doch wieder. Vieles ist witzig, was auch dem Humor der Drei zu verdanken ist, aber es gibt auch hier und da eine sehr angenehme Situationskomik. Manchmal sieht es so aus, als müssten diese Jungpädagogen erst mal selber das Leben lernen, und dann sind sie wieder absolut souverän, geliebt von ihren Schülern – aber niedergemacht von den Mentoren und Schulleitern, die ihnen schonungslos den Spiegel vorhalten. Zwischendurch komponiert Jakob Schmidt Minisequenzen ein, die sowohl kamera- als auch schnitttechnisch in ihrem Einfallsreichtum und in der Ausführung einfach großartig sind. Hier wird der Schulalltag aufs Hübscheste gerafft und gestrafft – das Ähnliche wird ebenso deutlich wie das Besondere, pädagogische Glücksmomente und menschliches Elend begegnen sich aufs Unterhaltsamste. Freundlicherweise verzichtet Jakob Schmidt dabei auf effekthascherische Vereinfachungen oder auf platte Scherze. Sein Film bleibt seriös, auch wenn es manchmal viel zu lachen gibt. Dazu passt der Soundtrack von Andreas Bick: eine einfach rhythmisierte, schlichte Tonfolge, die an klassische Kinderlieder erinnert.
 
Also: Wer jemals mit einem Stück Kreide in der feuchten Hand vor einer Schulklasse stand, wird sich hier ebenso wiederfinden wie gewiefte Pauker und natürlich alle ehemaligen Pennäler, die mit einigem Staunen verfolgen werden, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich an deutschen Schulen in den letzten Jahren und Jahrzehnten geändert hat. Im wahrsten Sinne des Wortes: ein sehr lehrreicher und vergnüglicher Film!
 
Gaby Sikorski