Zwischen uns die Mauer

Gelungenes Timing: 30 Jahre nach dem Fall der Mauer kommt diese deutsch-deutsche Lovestory just am Tag der Wiedervereinigung in die Kinos. Die 16-jährige Anna aus dem Westen reist mit einer Jugendgruppe zum Begegnungstreffen nach Ost-Berlin. Schnell verliebt sie sich in den rebellischen Pfarrersohn Philipp. Die Liebe in ihrem Lauf halten weder Mauer noch Eltern auf. Ein dramatischer Zwischenfall sorgt für erzwungene Funkstille. Erst nach der Wende treffen sich die beiden – deren Wiedervereinigung steht jedoch in den Sternen. Mit viel Liebe zu den Figuren sowie reichlich realsozialistischer Retro-Ausstattung unternimmt das Jugenddrama eine Zeitreise „nach drüben“, die für Millenials unterhaltsame Einblicke in die jüngere Geschichte vermittelt.  Und älteren Jahrgängen ein nostalgisches déjà-vu beschert.

Webseite: www.alpenrepublik.eu

D 2019
Regie: Norbert Lechner
Darsteller: Lea Freund, Tom Bülow, Fritz Karl, Leon Blaschke, Till Demuth, Lara Feith
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: Alpenrepublik Filmverleih
Vertrieb: Filmperlen
Kinostart: 3.10.2019

FILMKRITIK:

„Von 1961 bis 1989 war Deutschland durch eine nahezu unüberwindbare Grenze geteilt. Um die Verbindung zwischen den Menschen nicht abreißen zu lassen, organisierten kirchliche Gemeinden Begegnungen von Jugendgruppen“, klärt der Vorspann auf. Die kleine Gemeinschaftskunde-Lektion scheint nötig, 30 Jahre danach ist das Wissen um die deutsch-deutsche Teilung vielfach verblasst. Wer die grantigen Grenzkontrolleure der DDR in den Transitzügen nach West-Berlin nicht erlebt hat, wird verblüfft sein von den chronisch mürrischen Vertretern der Staatsmacht.
„Warum zittern Sie? Etwa nervös?“ kläfft es im Kasernenton, als die 16-jährige Anna ihren Reisepass nicht gleich parat hat. „Lachen Sie mich aus?“ hört sie später, als die mit einem freundlichen Lächeln über die Grenze nach Ostberlin möchte.
 
Im Oktober 1986 reist der Teenie aus einer Kleinstadt mit ihrer kirchlichen Jugendgruppe zum Begegnungstreffen in die Hauptstadt der DDR. „Stell dir mal vor, du müsstest dort drüben leben!“, machen sie die jungen Wessis ihre Gedanken beim Anblick der Berliner Mauer. Am Prenzlauer Berg angekommen, staunen sie über die kargen Auslagen des Lebensmittelladens: Eine Flasche Pils, eine Dose Heringsfilet, ein Kohlkopf samt zwei Karotten. Kein Mangel herrscht indes an der Herzlichkeit, mit der die Gruppe von ihren ostdeutschen Altersgenossen aufgenommen werden. Während der Flirt zwischen den deutsch-deutschen Schwulen zurückhaltend ausfällt, ist es für Anna und Philipp gleich Liebe auf den ersten Blick. Nur doof, dass BRD-Bürger um 24 Uhr wieder zurück über die Grenze müssen. Noch doofer, wenn die Eltern der Tochter den Kontakt zum DDR-Lover verbieten wollen.
 
Als Pfarrer verfügt Philipps Vater zwar über eines der wenigen Telefone, doch die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Prompt fällt der Überraschungsbesuch wegen Abwesenheit ins Wasser. „Wer dich liebt, schreibt dir!“, spottet Annas Mutter. Der verliebte Teenie lässt sich durch alle Widrigkeiten nicht aufhalten. Mit einfallsreichen Ausreden reist Anna immer wieder gegen den Willen der Eltern in den Osten. In Erklärungsnöte gerät sie jedoch, als das Schmuggeln einer Punk-Schallplatte an der Grenze auffliegt. Gravierende Probleme folgen, als Anna lieber die Nacht mit Philipp verbringt als die Visa-Vorschriften einzuhalten. Die dramatischen Ereignisse überschlagen sich. Das junge Paar wird sich nie wieder sehen. Erst als die Mauer fällt, gibt es unerwartet Chancen zur Wiedervereinigung.      
 
Basierend auf dem autobiographischen Roman von Katja Hildebrand, erzählt der preisgekrönte Jugendfilm-Regisseur Norbert Lechner („Toni Goldwascher“) diese deutsch-deutsche Teenager-Lovestory mit leichter Hand, viel Einfühlungsvermögen sowie spürbarer Liebe zu seinen Figuren. Lea Freund („Die Nachtschwestern“) und Tom Bülow („Unter dem Sand“) geben das verknallte Pärchen mit großer Glaubwürdigkeit samt Empathie-Potenzial. Die realsozialistische Ausstattung glänzt mit grauem Retro-Charme. Allein das Porträt der DDR-Bürger gerät etwas schwarz-weiß, was sich freilich als Einladung für Diskussionen verstehen lässt – bei einem Filmstart zum historischen Datum allemal. Für Schulklassen ein idealer Kino-Gemeinschaftskundeunterricht der unterhaltsam nachdenklichen Art Kino. Texte und Materialen sind im Roman bereits verfügbar und beim Verlag kostenlos als Download erhältlich.
 
Dieter Oßwald