Zwischen Welten

Nach ihrem großen Erfolg „Die Fremde“ wagt sich Feo Aladag nun an ein Thema und Genre, dass im deutschen Kino kaum existent ist: „Zwischen Welten“ handelt von deutschen Soldaten im Krieg. Sie erzählt vom Einsatz in Afghanistan, dem Leben in einer ganz anderen Kultur und den Schwierigkeiten, zu erkennen, was in so einem Konflikt wirklich wichtig ist. Ein bemerkenswerter Film – aber auch ein umstrittener.

Webseite: www.zwischenwelten-film.de

Deutschland 2014
Regie, Buch: Feo Aladag
Darsteller: Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki, Abdul Salam Yosofzai, Felix Kramer, Burghart Klaussner
Länge: 98 Minuten
Verleih: Majestic
Kinostart: 27. März 2014

PRESSESTIMMEN:

„Ein sehr aktueller Film! Ein Spielfilm mitten im Krisengebiet an Originalschauplätzen in Kunduz und Masar-I-Sharif gedreht – was für ein Kraftakt. Vor allem ein Film über Verantwortung, die des Einzelnen und die unserer Weltgemeinschaft. Grandiose Bilder und Darsteller, ein starker, ein preiswürdiger Film, ganz nah an der Realität.“
ZDF Heute Journal

„Ein Stück Kriegspropaganda als Zerknirschungskitsch…“
taz

„Ein Soldat ist nicht nur Befehlen, sondern auch dem Gewissen verpflichtet. Wie schwer die Entscheidung werden kann, zeigt der deutsche Afghanistan-Film ‚Zwischen Welten’.
In Zwischen Welten werden mehrmals explizit Fragen nach dem Sinn des Einsatzes formuliert. Die Filmemacherin lässt sie stets unbeantwortet. Das kennt man noch aus der Schule: Manche Fragen werden nur gestellt, um eine Aussage zu treffen. Doch für ein so aufrichtiges Anliegen kann man sich auch ein wenig belehren lassen.“
ZEIT online

So brillant das von Kamerafrau Judith Kaufmann (sie fotografierte auch Aladags Debüt „Die Fremde“, 2010) visuell umgesetzt ist und so sehr manches Gefühlsarrangement mitunter anrührt: Der Eifer, stets das Exemplarische zu suchen, ebenso ein gewisses Tremolo im Bedürfnis, die richtigen Fragen zu stellen, ihre Beantwortung aber ausgesucht offen zu lassen, irritieren dann doch. Bei allem Abenteuer des taffen Settings, bei allem imponierenden Auf- und Einbruch in die doppelt exotischen Männerwelten des Militärs und des Islam, geht Aladag im Ergebnis kaum ins Risiko. Und so haftet ihrem Film, trotz Staub und Schweiß und ausgestelltem Todesmut, etwas seltsam Steriles an.“
Der Tagesspiegel

FILMKRITIK:

Zum zweiten Mal kommt der Bundeswehr-Offizier Jesper (Ronald Zehrfeld) nach Afghanistan, in ein Land im Krieg, wo schon sein Bruder gefallen ist. Im Nordosten des Landes, in der Nähe von Kunduz, soll Jesper mit seinen Männern einen kleinen Außenposten in einem Dorf schützen und versuchen, den zunehmenden Einfluss der Taliban zu unterbinden. Ihm zur Seite gestellt wird der einheimische Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady), der schon seit längerem für die NATO-Truppen arbeitet und deshalb von vielen Afghanen als Kollaborateur betrachtet wird.
 
Immer wieder sind er und seine Schwester Nala (Saida Barmaki) schon bedroht worden, die Eltern sind längst gestorben, der Vater von den Taliban ermordet, immer wieder haben sie um ein Visum für Deutschland ersucht und wurden jedes Mal abgewiesen. Während Tarik für die Deutschen übersetzt, geht Nala zur Universität, was ihr zusätzliche Probleme in der patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans bereitet.
 
Die deutschen Truppen haben derweil andere Probleme: Das Dorf wird vom ehemaligen Taliban Haroon (Abdul Salam Yosofzai) beherrscht, der ausländischen Truppen skeptisch gegenüber steht. Doch Jesper lässt sich nicht so leicht vom Versuch abbringen, in diesem Krieg etwas zu bewegen. Aber allein Afghanistan zu verstehen ist schwierig, und dann sind da auch noch die oft allzu bürokratisch wirkenden Dienstvorschriften und die ständige Gefahr eines Angriffs.
 
Allein das man in „Zwischen Welten“ deutsche Soldaten sieht, die keine Nazis sind, die nicht irgendwo einmarschieren, sondern als Teil der NATO-Truppen versuchen, eine schwierige, um nicht zu sagen unmögliche Mission zu erfüllen, macht Feo Aladags Film besonders. Wie ungewöhnlich dieses Bild ist, merkt man immer wieder, zumal es im deutschen Kino keine Tradition für diese Art Film gibt, keine Muster, keine typischen Dialoge, die variiert werden.
Wenn es da zu den typischen Szenen eines Kriegs oder Militärfilms kommt – dem Auftrag durch den Vorgesetzen, der Einweisung der Truppe, den Verbrüderungen mit einheimischen Soldaten, dem ausgelassenen Feiern zwecks Druckabbaus – dann bleiben zum Vergleich vor allem unzählige amerikanische Filme. Dass „Zwischen Welten“ in diesem Vergleich optisch sehr gut abschneidet ist schon bemerkenswert: Es hat sich gelohnt, dass Feo Aladag darauf bestanden hat, in Afghanistan zu drehen, in und um Kunduz und Mazar-i-Sharif. Sehr authentisch wirkt dadurch die Zeichnung des Alltagslebens auf beiden Seiten, der Afghanis, aber auch der Bundeswehrsoldaten, die sich nur langsam mit den lokalen Besonderheiten anfreunden.
 
Wo es dann an die Geschichte geht, wird „Zwischen Welten“ sehr Deutsch, aber das ist nicht unbedingt schlecht. Zwar wirkt die Figurenkonstellation, die Ersatz-Vater/Bruder/Sohn-Konstruktion ein wenig forciert, aber im Gegensatz zu amerikanischen Filmen, wo praktisch nie an der Richtigkeit des Einsatzes gezweifelt wird, begibt sich Feo Aladag ins weite und vor allem spannende Feld der Ambivalenz: Warum kämpfen Deutschland in Afghanistan? Wird die Sicherheit des Westens tatsächlich am Hindukusch verteidigt, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck einst formulierte. Wie kann man moralische Maßstäbe mit militärischen Befehlen in Einklang bringen. Es sind kaum zu beantwortende Fragen, mit denen Ronald Zehrfelds Jesper hier konfrontiert wird, und gerade dass Feo Aladag ihm und seinem afghanischen Gegenüber Tarik kein wirkliches Happy End gönnt, macht ihren Film so konsequent und bemerkenswert.
 
Michael Meyns

Die in Wien geborene Regisseurin Feo Aladag („Die Fremde“) schickt Ronald Zehrfeld („Barabara“) als psychisch angeschlagenen Befehlshaber nach Afghanistan, um die Bevölkerung zu drangsalieren und in einer dramatischen Situation die Schwester eines Übersetzers zu retten. Dieser wird bedroht, weil er für die Bundeswehr arbeitet. Ein handwerklich gelungener und oft spannender Kriegsfilm, der aufgrund der einseitigen Sicht der Besatzer mehr als bedenklich ist.
 
Obwohl sein Bruder beim Kriegseinsatz in Afghanistan ums Leben kam, tritt der deutsche Soldat Jesper (Ronald Zehrfeld) dort zu einem zweiten Einsatz an. Nach knappen Besprechungen im klaren Militär-Stil fährt seine Einheit in gepanzerten Lastern, die in dieser Umgebung wie UFOs wirken, zu einem Dorf, in dem ein Ex-Taliban Schutz vor den Widerstandskämpfern erbat. Mit dabei ist der junge afghanische Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady), der allerdings immer wieder seine Aufgabe vernachlässigt, weil in Kunduz seine Schwester allein Drohungen und Angriffen ausgesetzt ist. Den beiden Waisen wird vorgeworfen, dass Tarik mit den Besetzern zusammenarbeitet.
 
Als ein Auto mit einem verwundeten Kind zu schnell auf die deutsche Truppe zufährt, zeigt sich, wie angeschlagen Jesper (Ronald Zehrfeld) tatsächlich ist. Seine Überreaktion führt zu einer weiteren Schikanierung der Bevölkerung. Auch die „Zusammenarbeit“ im Dorf vom Überläufer Haroon funktioniert überhaupt nicht, egal ob mit oder ohne Tarik. Der übersetzt zum Ausgleich sehr frei, was die Untertitel manchmal sogar witzig verraten. Aber das ändert nichts am mangelnden Verständnis der Soldaten für ihr Einsatzgebiet und die dortigen Menschen. Auch die Marschbefehle verhindern Zusammenarbeit, ja sogar dass gemeinsam gekämpft wird. Nur mit dem Übersetzer selbst kann der deutsche Kommandant ein persönliches Verhältnis aufbauen. Als Tariks Schwester dann auf offener Straße von einem Attentäter angeschossen wird, widersetzt sich Jesper den Befehlen und fährt das Mädchen zur lebensrettenden Behandlung ins deutsche Lager.
 
Feo Aladag inszeniert gekonnt eine sehr einseitige und beschränkte Sicht auf den Kriegseinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan. Vor den von Kamerafrau Judith Kaufmann eindrucksvoll eingefangenen Landschaften – und mit Unterstützung der deutschen Truppen – werden Figuren und Situationen des „zwischen den Welten“-Seins unmissverständlich aufgestellt: Der große aber sanfte Soldat mit der Macke und dem guten Willen. Die sympathische, tapfere und junge Afghanin, die studiert und ihrem faulen Macho-Chef die Meinung geigt, aber von den bösen, gesichtslosen Taliban bedroht wird. Der engagierte, offene und kluge Übersetzer, der gerne nach Deutschland fliehen würde, was aber das Auswärtige Amt verhindert, weil keine Beweise einer Bedrohung vorliegen. Besonders hier zeigt sich deutlich, wie einseitig das in sich funktionierende und gekonnt die Spannung haltende Konstrukt ist. Wäre Tarik ein Übersetzer für die russischen Besetzer und Vorgänger der Bundeswehr gewesen, also ein Kollaborateur, der Film hätte keine der aktuell reichlichen Länder- und Sender-Förderungen erhalten.
 
So ist es schon ein Skandal, dass „Zwischen Welten“ bei der sich sonst so friedliebend gebenden Berlinale im Wettbewerb laufen durfte. Der in Wien geborenen Regisseurin Feo Aladag („Die Fremde“) „gelang“ ein gut aussehender und funktionierender Film, der sich zur Komplexität der ganzen Hindukusch-Verteidigung verhält, wie die deutschen Truppen dort zum Land – es gibt nicht viel Verständnis und klappen tut auch nichts. Aladag tappt mit den gesichtslosen Gegnern und der einseitigen Perspektive in alle Fallen des propagandistischen Kriegsfilms. Dass die Regisseurin das Ganze noch handwerklich versiert mit Spannung und Lagerfeuer-Romantik garniert, macht den Aufruf zu noch mehr deutschen Kriegseinsätzen umso verachtenswerter.
 
Günter H. Jekubzik