1. Mai

Nach „Die Österreichische Methode“ kommt mit „1. Mai“ eine weitere Gemeinschaftsarbeit deutscher Regisseure ins Kino. Drei verschiedene Erzählstränge, verbunden durch Schauplatz und Datum – der 1. Mai in Berlin Kreuzberg. Das Ergebnis überzeugt trotz zahlloser Mitwirkender durch bemerkenswerte formale Geschlossenheit, vor allem aber durch differenzierte Sichtweisen auf den 1. Mai, die Klischees weitestgehend vermeiden.

Webseite: www.delphi-film.de

Deutschland 2008
Regie: Sven Taddicken, Carsten Ludwig & Jan-Christoph Glaser, Jakob Ziemnicki
Buch: Carsten Ludwig, Michael Proehl, Oliver Ziegenbalg, Jakob Ziemnicki
Darsteller: Jacob Matschenz, Ludwig Trepte, Cemal Subasi, Peter Kurth, Oktay Özdemir, Benjamin Höppner, Torsten Michaelis, Hannah Herzsprung
95 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 30. April 2008

PRESSESTIMMEN:


 

FILMKRITIK:

Fast Dogma-artig muten die Regeln an, mit denen sich Regisseure und Drehbuchautoren an dieses ambitionierte Projekt gemacht haben. Alle Geschichten sollten in denselben 24 Stunden spielen, vom Morgen des 1. Mai, bis spät in die Nacht zum 2. Schauplatz soll zumindest teilweise die berühmt, berüchtigten Feierlichkeiten zum 1. Mai in Berlin Kreuzberg sein, von friedlichen Demonstrationen und Straßenfesten, bis zu den routinierten Krawallen notorischer Randalierer, die sich zu jährlichen Scharmützeln mit der Polizei treffen. In jeder Episode soll die Hauptfigur im Verlauf des Tages die eigene Rolle im Leben überdacht und hinterfragt haben und schließlich das Ende: Im Kreuzberger Urban-Krankenhaus überschneiden sich die Geschichten und vereinen zum ersten und einzigen Mal alle drei Hauptfiguren.

Sven Taddicken erzählt in seiner Episode vom jungen Türken Yavuz (Cemal Subasi), der ganz den Vorstellungen entspricht: Kurz geschorene Haare, latent aggressiv, voller Wut auf seine Lebensumstände und die Welt an sich. Anlässlich des ersten Mais will er „einen Bullen platt machen“, was sein großer Bruder Nebi (Oktay Özdemir) – ein erfreulich anderes Bild eines Kreuzberger Türken – ihm auszureden versucht. Doch Yavuz will nicht hören und macht sich auf die Suche. Doch statt eines Polizisten lernt er den alten Revoluzzer Harry (Peter Kurth) kennen, der immer noch Barrikaden baut und vom legendären Überfall auf den Bolle-Supermarkt Anno 1987 erzählt. Was als ungewöhnliche Freundschaft beginnt endet mit einem Ausbruch der Gewalt, der Harry ins Krankenhaus und Yavuz zum Nachdenken bringt.

Hauptfigur in Jakob Ziemnickis Episode ist der Polizist Uwe (Benjamin Höppner). Zusammen mit seiner Einheit reist er aus der Provinz an, um die Berliner Kollegen zu unterstützen. Doch weniger der Kampf gegen Autonome beschäftigt Uwe im Laufe des Tages, als seine Ehefrau, die ihn betrügt. In einem Puff – der anlässlich des Feiertages Polizisten Sonderkonditionen anbietet und offenbar keine Erfindung des Drehbuchautors ist – will er sich revanchieren und landet im wahrsten Sinne des Wortes auf der Schnauze.
Und schließlich die Episode des Regie-Duos Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser. Sie erzählen von Pelle (Ludwig Trepte) und seinem Kumpel Jacob (Jacob Matschenz), die aus Minden in Westfalen nach Berlin fahren, um mal was Aufregendes zu erleben. Es ist die einzige Episode, die es nicht schafft, die verwendeten Stereotype zu unterlaufen. Wenn Pelle und Jacob durch Berlin ziehen erleben sie genau das, was man sich eben so unter einem Tag in der aufregenden Großstadt vorstellt: Drogendealer, leicht reizbare Türken, coole Undergroundclubs. Dass das erratische Verhalten Jacobs am Ende auch noch mit einer dramatischen Wendung erklärt wird, mag da erst recht nicht in den Tonfall des Gesamtwerks passen.

Doch abgesehen davon ist „1.Mai“ ein überzeugender Film, der trotz vier verschiedener Kameraleute, diverser Cutter, Autoren und Regisseure aussieht wie ein Ganzes. Der vermeidet dankenswerterweise eine Stilisierung des 1. Mai zu einem politisch relevanten Ereignis, eine Heroisierung der Randale zu einem Akt der Systemkritik. Stattdessen gehen die Episoden weit über den 1. Mai hinaus und nutzen diesen nur als Hintergrund für wesentlich relevantere Fragestellungen. Dass manche der Szenen nicht während des 1. Mais selbst gedreht wurden sondern während des Multikulti-Volksfestes „Karneval der Kulturen“, man aber dennoch keinen Unterschied feststellen kann, sagt alles über die zu einem Ritual erstarrten 1. Mai-Demonstrationen in Berlin-Kreuzberg.

Michael Meyns 

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Der 1. Mai ist in Berlin-Kreuzberg ein Kristallisationspunkt für solche, die wie schon seit den 80er Jahren gegen die allzu festgefahrene gesellschaftliche Ordnung protestieren wollen und also legal demonstrieren, und solche, die nur auf das Krawallmachen aus sind. Darüber haben vier Regisseure einen Film gedreht. Die Aufgabe, die sie sich stellten: Das Geschilderte musste am Demonstrationstag und zum großen Teil mitten im Geschehen spielen.

Der elfjährige Türke Yavuz will nicht mehr nur Kind sein, sondern sein Erwachsenwerden beweisen. Er begibt sich entgegen den Anordnungen seines älteren Bruders in den Trubel, trifft auf den leicht anarchistischen 68er-Linken Harry und baut mit ihm eine Straßenbarrikade gegen Polizeifahrzeuge.

Für den Polizisten Uwe müsste die öffentliche Sicherheit am 1. Mai die Hauptaufgabe sein, doch in Wirklichkeit hat er andere Sorgen. Seine Frau betrügt ihn mit einem Metzgersohn. Auch ein Aufenthalt im Puff, in dem Polizisten am 1. Mai einen Sonderrabatt erhalten, bringt nicht viel.

Jacob und Pelle reisen extra aus Minden an, denn sie wollen beim Krawallmachen dabei sein. Der Tag verläuft für sie jedoch eher touristenmäßig und viel banaler, als sie sich dies vorgestellt hatten. Einer der beiden hat dazu noch eine furchtbare Wahrheit zu verbergen.

Für keinen der Beteiligten verläuft der Tag ganz gewaltfrei. Und so finden sich schließlich alle in einem Krankenhaus wieder.

Gemeinsamer Versuch der möglichst authentischen Schilderung dreier Schicksalsgeschichten, die zunächst politisch überwölbt erscheinen, dann aber gänzlich ins Individuelle, Private, Emotionale gehen. Etwa bei Uwe, der erfahren muss, was es
braucht, um in einer Zweierbeziehung stark, genauer gesagt der Stärkere, zu sein. Oder bei Jacob, dessen „Ausflug“ nach Berlin – wie sich bei einem raffinierten inszenatorischen Kunstgriff herausstellt – nichts anderes ist als eine Flucht. Und bei Yavuz, der auf irritierende Weise begreifen lernt, was es heißt, das Kindesalter zu verlassen.

Thomas Engel