10 Fragen an den Dalai Lama

Ein Amerikaner reist in den Norden des Himalaya und erlebt Tibet als einen „fernen Planeten in einer anderen Zeit“. Nach drei Monaten Aufenthalt stellt Reisedokumentarfilmer Rick Ray dem Oberhaupt der Tibeter in einer Privataudienz zehn Fragen, die Antworten sind schlicht und verblüffend. Ein subjektiver, poetischer und auch politischer Einblick in die Welt und die Person des 14. Dalai Lama von Tibet. Das Porträt wurde vor zwei Jahren produziert und vielfach ausgezeichnet – und kommt passend zum Start der Olympischen Spiele in China bei uns ins Kino!

Webseite: www.10fragenandendalailama.de

Dokumentation
USA 2006
R+D+P: Rick Ray
Musik: Peter Kater
Verleih: NFP
Länge: 85 Min.
Festivals und Preise: Berkeley Video and Film Festival: Grand  
Festival Award Winner; Australian International Film Festival: Best  
Editing, u.a.
Start: 8. Mai 2008

PRESSESTIMMEN:

Es gibt Filme, die kommen zum – fast – richtigen Zeitpunkt. Durch die Unruhen in Tibet gerät nicht nur die chinesische Minderheitenpolitik in die Schlagzeilen. Mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsproteste kommt erneut auch eine westliche Haltung auf den Prüfstand, die nur auf die wirtschaftliche Potenz Chinas schielt. Mit „10 Fragen an den Dalai Lama“ liefert ein kleiner, unaufwändig gedrehter Film nicht nur das Porträt eines ungewöhnlichen politischen und religiösen Führers, sondern auch einen komprimierten Einblick in den chinesisch-tibetischen Konflikt.
Die Welt (zur ganzen Kritik hier…)
 

FILMKRITIK:

Seine Heiligkeit neigt zu spontanen Reaktionen. Bei einer Konferenz  in den USA wird er gefragt, was er tun würde, wenn er jetzt dem  chinesischen Staatsoberhaupt gegenüberstehen würde. Er lächelt,  nimmt einen Tamborinschlegel und haut auf das Rednerpult. Andere  Aufnahmen halten fest, wie er bei einem Fest zu seinen Ehren eindöst.  Ein enger Berater erzählt, dass Tenzin Gyatso die Menschen, die nicht  aufrichtig und herzlich seien, nicht weiter beachte. Auch Politiker.  Als Kleinkind soll er sich bei dem Einzug in Lhasa  so sehr mit  seinem Bruder geprügelt haben, dass die Sänfte umzukippen drohte.  Rick Ray machte auch kaum bekanntes Archivmaterial ausfindig. Als  Jugendlicher filmte der Dalai Lama, dessen Name meistens übersetzt  wird mit „Ozean des Wissens“, selbst leidenschaftlich gerne, und  er setzt für seine Studien immer wieder ein Vergrößerungsglas ein.

 

Offenbar legt Rick Ray weniger Gewicht auf die weisen Lehren als auf  die für Westler sonderbaren Momente  des  tibetischen Oberhauptes und  Gottkönigs. Einmal nennt er ihn den „Rockstar of Peace“, dann  findet er diesen Vergleich: Es wäre so, als wenn Jesus Christus im  Weissen Haus regieren würde. Vor einem Exkurs zu Buddha nimmt Rick  Ray eine märchenhafte Sicht auf das Land ein. „In Tibet beziehen  die Menschen ihre Weisheit aus stiller Meditation, ihr Land, das fast  die Größe Europas hat, gibt keinen ökonomischen Mehrwert her. Über  Jahrhunderte träumten hier alle.“ Bis zur Invasion von Maos  Truppen. 1959 flüchtete der Dalai Lama ins indische Dharamsala. Unter  Chinas Repressionspolitik wurden tausende Klöster zerstört, fand  über eine Million Tibeter den Tod und Tibets Hauptstadt Lhasa wurde in ein billiges Touristenziel umgebaut.

So bezieht sich eine der Fragen an den Dalai Lama auch auf die Gewaltlosigkeit. Wann darf sie aufgegeben werden? Man muss sich beschützen, lautet die Antwort. Alles hänge mit allem zusammen, „eine Zerstörung deines Feindes ist auch eine Zerstörung deiner selbst.“ Ob er Paralellen zu Gandhi sehe? Die Briten gewährten noch die Freiheit der Rede, die Tibeter aber würden sofort Gelehrläufen gegenüberstehen. Rick Ray glaubt, arme Menschen seien grundsätzlich glücklicher als Reiche. Er fragt, ob Indien heute in dem Sinne ein reicheres Land sei als die USA? Wer immer mehr Dinge will, sei nie zufrieden und geistig arm, lautet die Erwiderung. Die allgemeinen Fragen erhalten allgemeine Antworten, wie die zur Verbrechensbekämpfung („Selbstdisziplin schützt vor Selbstzerstörung“) zur Ökologie („Heute gibt es zu viele wertvolle Menschen, die sich gegenseitig tyrannisieren“) zum Nahostkonflikt („Mehr gemeinsame Feste feiern, um Wut, Gier, Hass zu vergessen“) . Doch als Rick Ray wissen möchte, in welchem Maße man die eigene Kultur schützen und in welchem Maß man sich der Welt öffnen soll, horcht der Dalai Lama förmlich auf. Ja, sagt er mit seiner hohen  Stimme, einige Traditionen, wie das Kastendenken und eingeschränkte Rechte für Frauen, seien veraltet und müssten weg.

Die 45-Minuten-kurze Audienz setzt erst im letzten Filmdrittel ein und ist mit vielen Außenaufnahmen unterlegt. Auch ein Mönch spricht, der jahrelang in chinesischen Gefängnissen litt und nach einem zweistündigen Gespräch mit dem Dalai Lama dem Wunsch nach Vergeltung abschwor. Der Anspruch von Rick Ray („The Soul of India“)  ist gewaltig. Seine Mischung aus unbedarften Reisebetrachtungen, dem Transport spiritueller Lebensform, der Geschichte Tibets, globalen Betrachtungen und dem Wunsch eine weltbekannte Persönlichkeit zu porträtieren, alles unterlegt von suggestiven Klängen – geht nicht unbedingt auf, liefert aber kontroverse und magisch schöne Einblicke.

DOROTHEE TACKMANN 

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Der Dalai Lama ist der tibetanische buddhistische so genannte Gottkönig, doch gleichzeitig auch ein einfacher Mönch. Er ist Friedensnobelpreisträger, ein in der halben Welt geehrter und begehrter Mann. Er gilt als einer der durch lebenslange Meditation weise geworden ist und der seine Weisheiten auch in sehr kommunikativer, manchmal witziger Form mitteilt. Er lacht viel, manchmal auch zu unpassenden Gelegenheiten, und gelegentlich schießt er in seiner Argumentation weit über das Ziel hinaus. Auf jeden Fall aber ist er eine religiöse und moralische Instanz.

Dem amerikanischen Dokumentarfilmer Rick Ray, der bereits über ein Dutzend Länder, darunter Israel oder Äthiopien, in höchst interessanter Weise filmisch berichtete, ist es gelungen, beim Dalai Lama ein 45minütiges Interview zu erhalten. Und was „Seine Heiligkeit“ dabei über die Gleichheit aller Menschen, über die Armut und das Glücklichsein, über die Selbstdisziplin, über die Toleranz, über die Macht der Wahrheit, über das veraltete Konzept der Zerstörung eines Gegners, über das Schmutzige in Politik und Religion, über das Profitdenken, über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glauben, über das Kastendenken und die Stellung der Frau im Osten oder über die Versöhnung mit China zu sagen hat, ist teilweise von hohem spirituellem Wert und in diesem Film zu hören und zu sehen.

Rick Ray ging aber noch weiter. Er zeigt in seltenen Bildern die Kindheit und Jugend des Dalai Lama, seinen Versuch, als 15jähriger mit den chinesischen Besatzern politisch auszukommen, die Begegnungen mit Mao, die vergeblichen Bemühungen um den Erhalt der Selbständigkeit seines Tibet, die dann nicht mehr zu umgehende Flucht nach Indien Ende der 50er Jahre und seither das Verlangen, sich zu arrangieren mit dem kommunistischen Peking, das aber aus Gründen der Ablehnung aller Religion und der Furcht vor einem wieder erstarkten unabhängigen Tibet den Dalai Lama ächtet.

Der vom Dalai Lama auserwählte Pantschen Lama, ebenfalls eine geistliche Autorität des Buddhismus, wurde bereits im Kindesalter von den Chinesen vereinnahmt und ihren Bedingungen sowie ihrer Ideologie entsprechend zum Schein inthronisiert. Seither war von dem Knaben nichts mehr zu hören.

Schöne Aufnahmen von den Menschen, vom Leben in Tibet und Indien, von der Landschaft des „Daches der Welt“ und von den Klöstern fehlen ebenfalls nicht.

Vor allem aber wird auf erschreckende Weise deutlich, was die Chinesen in Tibet angerichtet haben. Wie brutale Invasoren zerstörten sie tausende religiöser Monumente, töteten offenbar tausende Mönche und Menschen, trieben zehntausende in die Flucht. Das Land ist stark chinesisch besiedelt worden, an vielen Orten sind die Tibeter bereits in der Minderheit. Städte wie Lhasa wurden zu Vergnügungs-, Touristen-, Prostitutions-, aber auch Bespitzelungszentren herabgewürdigt. Die in diesem Film gezeigten Bilder sind authentisch und belegen das Gesagte. Nie wird China sich aus dieser Schuld herauswinden können.

Ein Zielgruppen-Dokument von einem gewissen geistigen und filmischen Rang. 

Thomas Engel