10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?

Seine Filme rütteln auf. Bereits mit seinem Erfolgsstreifen „Taste the Waste“ über unsere unglaubliche Lebensmittelverschwendung löste der Kölner Filmemacher Valentin Thurn eine gesellschaftliche Debatte aus. Mit seinem neuen vielschichtigen Dokumentarfilm „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ gelingt es ihm, dem Zuschauer die komplexe Herausforderung einer globalen Ernährungssicherung eingängig nahe zu bringen. Der engagierte Foodfighter ist bei seiner weltweiten Suche nach zukunftsfähigen Lösungen weder als apokalyptischer Reiter unterwegs, noch droht der Bestsellerautor mit dem pädagogischen Zeigefinger. Er entlarvt die Profitinteressen der großen Nahrungsmittelkonzerne und zeigt dagegen, wie weltweit im Kleinen positive neue Wege beschritten werden. Wer sich auf das faktenreiche ökologische Roadmovie einlässt, sieht auch die heraufbeschworene Gefahr einer drohenden Überbevölkerung mit anderen Augen. Eine unbedingt empfehlenswerte Dokumentation!

Webseite: www.10milliarden-derfilm.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie: Valentin Thurn
Buch: Sebastian Stobbe, Valentin Thurn
Länge:  103 Minuten
Verleih: Prokino, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 16. April 2015
 

FILMKRITIK:

Nachtmarkt, Thailand: Ein buntes Gewirr von Menschen zwischen dampfenden Garküchen und Saftständen mit aufgetürmten Passionsfrüchten. Der Duft von Räucherstäbchen und Zitronengras steigt in die Luft. Hier treffen sich die Leute auf der Suche nach dem frischesten Koriander oder den schärfsten Chillies. Aber auch andere „Leckerbissen“ werden feilgeboten: Frittierte Insekten. Beherzt greift Valentin Thurn zu und schiebt sich eine gebratene Heuschrecke in den Mund. Schließlich gelten Insekten bereits als neue Proteinquelle.
 
Mit seinem originellen Einstieg in das Problem des globalen Hungers macht der engagierte Filmemacher bereits klar, dass den Zuschauer kein langatmiger Lehrfilm erwartet. Unaufdringlich fungiert der Journalist bei seinem faktenorientierten ökologischen Roadmovie als wissensdurstiger Reiseleiter und sortiert seine Bilder. Seine Kommentare wirken eher unterstützend, um die Fülle des Materials zu verarbeiten. Denn seine Protagonisten setzt er trotzdem ausführlich in Szene. So wie die Inderin Kusum Misra, die gegen die Abhängigkeit der dortigen Kleinbauern von den Saatgut-Konzernen kämpft.
 
Augenfällig demonstriert sie vor einem Reisfeld nach einer Überschwemmung die Anfälligkeit der hybriden Reissorten, die den Bauern von den Konzernen aufgedrängt werden. Die traditionelle Sorte trägt noch Reiskörner, während das Hybrid völlig vernichtet ist. Der angepriesene höhere Ertrag des Industrieprodukts ist Makulatur. Das Hochleistungssaatgut versagt. Gemeinsam mit den Bauern baute sie eine Saatgutbank mit fast 1000 Reissorten auf. Doch den Konzernen ist das ein Dorn im Auge. Denn wer braucht dann noch ihre Düngemittel und Pestizide?
 
Dass jedoch auch unsere Düngemittel endlich sind, zeigt Thurns nächste Station bei der deutschen Kali + Salz AG, einem der größten Düngemittelhersteller der Welt. „In 40 bis 50 Jahren sind unsere Kalivorräte aufgebraucht“, weiß der dortige Forschungsleiter Andreas Gransee. Hilft dann doch die natürlich Methode vieler Biobauern, die sogenannte „Gründüngung“ mit Klee, um den Boden fruchtbar zu halten? Thurn nimmt den Zuschauer mit auf die Felder des Ökobauern Felix Prinz zu Löwenstein. Satte Erdklumpen in den Händen, hält der ehemalige Entwicklungshelfer in die Kamera, was den Acker belebt.  
 
Der Foodfighter Thurn zeigt Lösungsansätze rund um den Globus auf, angefangen von der japanischen Pflanzenfabrik Spread Inc. bis hin zum kanadischen Unternehmen AquaBounty, das auf genetisch veränderte Lachs setzt. Und immer wieder erweist sich dabei, dass keiner das Problem wirklich im Griff hat. Besonders fatal: Der Handel mit den Agrarrohstoffen an der Börse.
 
Am Ende stehen als Perspektive eher regionale, vom Weltmarkt abgekoppelte Initiativen wie ein Stadtgartenprojekt in England oder lokale Netzwerke, wie sie der Brite Rob Hopkins mit seinem „Transition Town Network“ aufbaute. Und noch etwas gibt der Ideenstifter seinen Zuschauern mit auf den Weg: „Wenn alle so viel Fleisch essen wollten wie wir, bräuchten wir vier Planeten.“
 
Luitgard Koch