28 Years Later: The Bone Temple

Etwas mehr als ein halbes Jahr nach „28 Years Later“ geht es mit der von Alex Garland und Danny Boyle schon 2002 aus der Taufe gehobenen Horrorendzeitreihe weiter. „28 Years Later: The Bone Temple“ konserviert Qualitäten des direkten Vorgängers, sticht mit überraschenden Ideen aus dem Zombieeinerlei heraus, verschiebt aber leider ein wenig den Fokus zu Ungunsten des jungen Protagonisten und seiner spannenden Entwicklung.

 

Über den Film

Originaltitel

28 Years Later: The Bone Temple

Deutscher Titel

28 Years Later: The Bone Temple

Produktionsland

GBR,USA

Filmdauer

100 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Garland, Alex

Regisseur

DaCosta, Nia

Verleih

Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Starttermin

15.01.2025

 

Im Sommer 2025 wurde die mit „28 Days Later“ ins Leben gerufene und mit „28 Weeks Later“ fortgesetzte Endzeitreihe um ein Virus, das Menschen in blutdürstende Furien verwandelt, nach 18-jähriger „Ruhepause“ um einen dritten Beitrag ergänzt. „28 Years Later“, geschrieben von Alex Garland und inszeniert von Danny Boyle, den kreativen Köpfen des Franchise-Auftakts, warf einen frischen Blick auf das durch die sogenannte Rage-Pandemie verheerte, inzwischen unter Quarantäne stehende Großbritannien und erzählte bei aller Härte eine in der zweiten Hälfte erstaunlich berührende Coming-of-Age-Geschichte. Der Epilog des Films kippte dann aber unverhofft ins Trashig-Alberne, was für das gleich im Anschluss gedrehte Sequel nichts Gutes erahnen ließ.

Nun, da „28 Years Later: The Bone Temple“ bloß sieben Monate nach „28 Years Later“ in den Kinos anläuft, kann man Entwarnung geben: Auch wenn der vierte Teil seine Schwächen hat, manches nur bedingt funktioniert, driftet er nicht ins Lächerliche ab. Spike (Alfie Williams), der junge Protagonist aus dem Vorgänger, schließt sich der seltsamen Truppe um den Prollprediger Sir Lord Jimmy Crystal (Jack O’Connell) an, der er am Ende des letztens Films über den Weg lief. Mit ihren bunten Trainingsanzügen und ihren blonden Langhaarperücken sehen die alle auf den Namen des Anführers getauften Sektierer zwar noch immer reichlich gewöhnungsbedürftig aus. Drehbuchautor Garland und die dieses Mal auf dem Regiestuhl sitzende Nia DaCosta zeichnen sie jedoch als höchst beunruhigende Zeitgenossen.

Dem Wahn anheimgefallene Gemeinschaften, die in einem apokalyptischen Setting Angst und Schrecken verbreiten, sind im Endzeitkino fast schon Standard. Der Sadismus, mit dem die „Jimmys“ ihren Glauben an Satan ausleben, hat es allerdings in sich. Was sie mit einem breiten Grinsen Nächstenliebe nennen, ist nichts anderes als brutale Folter. In Anführer Crystal, einem schmierigen Untergangspropheten, spiegelt der Film, natürlich auf überspitzte Weise, den Wahn, der im echten Leben mit der Corona-Krise an die Oberfläche gespült wurde. Eine unheimliche Form des Glaubens in maximal pervertierter Form, der das Drehbuch mit dem schon in „28 Years Later“ eingeführten Dr. Ian Kelson (abermals mit einer starken Darbietung: Ralph Fiennes) eine humanistische Figur gegenüberstellt.

Der frühere Hausarzt mag sich einen Atheisten nennen. Sein großes Projekt, ein aus Knochen und Schädeln zusammengesetztes Mahnmal mitten in der Landschaft, verlieh aber bereits dem vorangegangenen Teil eine überraschend nachdenkliche, spirituelle Note. Die Erinnerung an die Toten aufrechtzuerhalten, sie nicht zu vergessen, genau das hat sich der Einsiedler zur Aufgabe gemacht. In „28 Years Later: The Bone Temple“ regt sich nun auch noch verstärkt seine wissenschaftliche Neugier, die den Mediziner mithilfe seiner Betäubungspfeile auf Tuchfühlung mit einem eigentlich hochgradig gefährlichen Rage-Infizierten gehen lässt. Der von ihm Samson genannten Alpha-Mutant (Chi Lewis-Parry), der in „28 Years Later“ ausschließlich als wilde, zottelige Killermaschine in Erscheinung trat, wird in der Fortsetzung auf verquere Art zu einem Freund, mit dem der Arzt unter Drogeneinfluss abhängt. Genau hier, in dieser eigenartigen Beziehung, schlägt das emotionale Herz des Films.

Dass die Antipoden Jimmy Crystal und Ian Kelson viel Raum bekommen, bedeutet gleichzeitig aber: Für Spike und seinen Charakterbogen gibt es dieses Mal weniger Platz. Der Heranwachsende, der in „28 Years Later“ noch eine so mitreißende Achterbahnfahrt durchlebte, wirkt nun fast wie ein Mitläufer, dessen Entwicklung öfters aus dem Blick gerät. Was auf jeden Fall irritiert: Obwohl er sich im Kreise der Jimmy-Sekte schnell unwohl fühlt und sich gute Fluchtchancen auftun, kommt er eine ganze Weile nicht vom Fleck. Erst durch den Austausch mit Jimmy Ink (Erin Kellyman), einer anderen Jüngerin, kriegt Spike wieder ein bisschen mehr Gewicht. Im Gegensatz zu ihm spielen einige Figuren aus dem Vorgänger im vierten Kapitel überhaupt keine Rolle mehr. Weder sein Vater Jamie (Aaron Taylor-Johnson) oder dessen Inselmitbewohner noch das Baby einer Infizierten, bei dessen Geburt Spikes Mutter Isla (Jodie Comer) in „28 Years Later“ mitanpackte, tauchen im Sequel auf.

Gegen Ende fühlt sich die Handlung von „28 Years Later: The Bone Temple“ etwas hingebogen an. Und auch die plakative religiöse Symbolik ist übertrieben. Insgesamt bietet der frische Ausflug in das vom Rage-Virus verheerte Großbritannien aber erneut stimmungsvolle, wuchtig bebilderte Horrorfilmkost. Die Inszenierung ist zwar weniger energiegeladen als bei Danny Boyle, der besonders in der ersten Hälfte von „28 Years Later“ einen hochtourigen Überlebenskampf mit zahlreichen Verfolgungsjagden arrangierte. Doch auch Nia DaCosta gelingen diverse wirkungsvolle Spannungsmomente und deftige Splatter-Einlagen. Handwerklich gibt es sicher nichts zu beklagen. Mit dem nächsten Reihenbeitrag, der im Dezember 2025 grünes Licht erhielt, scheint sich in erzählerischer Hinsicht dann Neues mit Altem zu verbinden. Den Boden dafür bereitet schon das Finale von „28 Years Later: The Bone Temple“, in dem ein bekanntes Gesicht zurückkehrt.

 

Christopher Diekhaus

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.