5 Jahre Leben

Im so genannten „Krieg gegen den Terror“ stellt vor allem die Einrichtung von Gefangenenlagern wie in Guantanamo Bay seitens der USA durch den Einsatz von systematischer Folter die Rechtsstaatlichkeit der westlichen Welt in Frage. In seinem beeindruckenden Diplomfilm verarbeitet Stefan Schaller die Erfahrungen des dort inhaftiert gewesenen Deutsch-Türken Murat Kurnaz, der trotz seiner erwiesenen Unschuld fünf Jahre seines Lebens in Guantanamo verbrachte und zeichnet ein vielschichtiges Bild von unfassbaren Menschenrechtsverletzungen, perfider Strategien politischer Folter, aber auch das Porträt eines erstaunlichen Überlebenswillens und menschlicher Stärke.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2013
Regie: Stefan Schaller.
Mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles u.a.
Verleih: Zorro
Start: 23.5.
96 Min.

PRESSESTIMMEN:

"Ein eindringliches Psychoduell zwischen Häftling und Verhörexperten… mit einer phänomenalen Darstellerleistung von Sascha Alexander Gersak."
STERN

FILMKRITIK:

Es ist vor allem die Widersprüchlichkeit und Absurdität des Systems Guantanamo, das Schaller in seinem Film aufzeigen will, weniger eine konkrete Biografie von Murat Kurnaz, die er bewusst nur anreißt und in einigen Rückblenden thematisiert. Den meisten ist jener Fall vor allem aus medialen Schlagzeilen wie „Der Bremer Taliban“ oder Ähnliches bekannt, Kurnaz Unschuld wurde international von mehreren Seiten schließlich anerkannt, doch Schallers Film zeigt vor allem, dass Schuld in einem System derart professioneller Folter ein völlig willkürlicher und irrelevanter Begriff wird. Was ist ein Geständnis wert, das über extreme Verletzungen körperlicher und psychischer Grenzen erpresst wurde? Dient es womöglich am Ende nur noch dafür, die eigene Verhaftung und somit die Institution zu legitimieren?

„5 Jahre Leben“ setzt in der Subjektive des Deportierten und Gefolterten ein, unter dem Stoffbeutel, der ihm die Sicht abschnürt, zurückgeworfen auf sich selbst, allein gelassen mit seinen unteilbaren Eindrücken, deren Zeuge der Zuschauer nach und nach wird. Kurnaz befindet sich im Camp X-Ray, kniet in einem signalfarbenen orangenen Anzug auf einem Kiesboden im Käfig, gefesselt, erniedrigt und für alle sichtbar. Die perfekte Organisation der Anlage, die sich nach und nach offenbart, bietet ein erschreckendes Bild. Es ist vor allem die psychologisch ausgefeilte Technik einen Menschen vollständig zu brechen und ihn durch perfide Methoden sinnloser Gewalt die Hilflosigkeit bis zur Selbstaufgabe lernen zu lassen, die betroffen macht, da sie die Rationalität der Bush-Regierung aufzeigt. Es sind keine martialischen Wilden, die Folter anordnen, es sind Männer in Anzügen. Und so spielt sich der Großteil von Schallers Film in der Situation zwischen Kurnaz und dem US-amerikanischen Verhörspezialisten Gail Holford (Ben Miles aus „V-Wie Vendetta“) ab.

Dieser gibt sich zunächst als Unterstützer aus, gewährt dem Gefangenen Vorteile, bestraft vor dessen Augen misshandelnde Soldaten und gibt ihm so ein Stück Handlungsmacht zurück. Immer grausamer wird die Nähe, die er Kurnaz oktroyiert – er erzählt ihm von seiner Familie, spielt mit seinen Wunschvorstellungen nach einer Normalisierung der Realität, um sie dann noch weiter zu brechen, denn trotz allen Versuchen Kurnaz ein Geständnis zu entlocken, bleibt der Inhaftierte bei seiner Unschuld. Schließlich wird die Besessenheit des adrett gekleideten Anzugträgers mit seinem Opfer offenbar; obgleich Vorgesetzte den Erfolg der Verhöre anzuzweifeln beginnen, will Holford Kurnaz weiter für sich, taucht tief in sein Leben ein, will jede andere Relation zu einem Außen vernichten.

Es ist wirklich beeindruckend, mit welchem hohen inszenatorischen Niveau Schallers Abschlussfilm gelungen ist, der sich durchaus auch international behaupten kann. Der Fokus auf die psychologischen Momente im Inneren Guantanamos sind seine Stärke, die auf nachhaltige Weise erfahrbar werden lassen, was Folter bedeutet. Damit ist Schaller ein politisch hoch relevanter Film gelungen, der ebenfalls die verweigerte Verantwortung seitens der Bundesrepublik beklagt wie er die Menschenrechtsverletzungen anklagt. Guantanamo ist noch nicht geschlossen.

Silvia Bahl