7 Psychos

Eigentlich ist Martin McDonagh einer der beudeutenden irischen Theaterautoren der Gegenwart. Nach dem überraschenden Erfolg seiner Krimi-Komödie „Brügge sehen… und sterben?“ aber verfolgt er auch eine zweite Karriere als Drehbuchautor und Regisseur. Mit „7 Psychos“ inszenierte McDonagh erneut eine schwarze (rabenschwarze!) Komödie um Gangster, Psychopathen und Quartalsirre. Als Darsteller verpflichtete er Freunde: Colin Farrell war schon beim Kino-Debüt dabei, Christopher Walken spielte in seinem letzten Theaterstück die Hauptrolle, und mit Tom Waits arbeitet er gerade an seinem ersten Musical. – Für Genre-Fans Pflichtprogramm!

Webseite: www.7Psychos.de

Originaltitel: 7 Psychos
USA/GB 2011
Buch und Regie: Martin McDonagh
Darsteller: Colin Farrell, Sam Rockwell, Christopher Walken, Woody Harrelson, Tom Waits, Abbie Cornish, Olga Kurylenko
Länge: 109 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 6. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es läuft gerade einfach mies für Drehbuchautor Marty (Colin Farrell): Dass er vielleicht nicht nur einfach gerne trinkt, sondern ein echtes Alkoholproblem hat, will er sich nicht eingestehen; und mit dem neuem Drehbuch geht‘s nicht voran. Er will einen Thriller schreiben, der zwar von Psychopathen handelt, aber ohne die üblichen Gewaltfantasien auskommt. Menscheln soll es. Das findet Martys bester Kumpel Billy (Sam Rockwell) nun wieder bescheuert. Für ihn muss es vor allem krachen, und er bietet Marty seine Hilfe dabei an, interessante Killertypen zu finden. Als Billy mit seinem Kompagnon Hans (Christopher Walken) den Hund von Gangsterboss Charlie (Woody Harrelson) entführt, geht das Trio allerdings selbst mit einem durchgeknallten Irren auf Tuchfühlung.

Martin McDonagh schreibt in seinem „Hauptberuf“ Theaterstücke. Schwer zu sagen, ob ihn das automatisch zu einem ernsthaften Mann macht. Dass er über die Thriller-Stoffe, die er für das Kino schreibt und verfilmt, sehr ernsthaft nachdenkt, darf indes nicht bezweifelt werden. Erst recht sollte darüber nicht der irrsinnige Witz hinwegtäuschen, der seine Filme prägt. In „Brügge sehen… und sterben“ spielen Brendan Gleeson und Colin Farrell zwei des Tötens müde Killer – einer will sich aus Schuldgefühl gar das Leben nehmen. Das Finale vollzieht sich auf einem Filmset. In „7 Psychos“ nun dreht McDonagh die Schraube der Selbstreflexion ein ganzes Stück weiter: Der Film funktioniert auf der Ebene eines Meta-Thrillers, der ständig über seine Gegebenheiten nachdenkt und diesen Prozess seinen Figuren als Dialog in den Mund legt.

Leider überdreht McDonagh die Schraube diesmal. „Brügge sehen… und sterben“ war trotz der reflexiven Elemente ein atemberaubend konstruierter Thriller. „7 Psychos“ hingegen zerfällt zusehends in seine Einzelteile. Zu viele Figuren, Einschübe, Geschichten, Anekdoten verknäueln sich und lassen nur wenig Spannung aufkommen. Das macht sich vor allem beim Finale in der kalifornischen Wüste bemerkbar, das eher einer Autorenlesung gleicht als einem Showdown. Gleichzeitig nähert sich McDonagh dem Zynismus eines Quentin Tarantino. Ein Mord bedeutet hier wenig, gibt allenfalls Anlass zu Gelächter. Was bei Tarantino funktioniert, steht bei McDonagh der durchaus ernst gemeinten Reflexionsebene im Weg. Dennoch ist „7 Psychos“ für Genre-Fans Pflichtprogramm. Die Dialoge sind zum Niederknien witzig. Und der Film bietet seinen Darstellern eine grandiose Bühne. Aus dem großartigen Ensemble sticht vor allem Sam Rockwell heraus, der eine wunderbare Show als kumpelhafter Typ mit psychotischen Zügen liefert. Der stille Star des Films aber ist Christopher Walken, dem man dringend wieder mehr große Rolle wünscht. Hans hätte leicht als exzentrischer Idiot dastehen können. Walken aber mixt in der Figur Weisheit, Coolness, Melancholie und echte Trauer – all das mit einer ganz in sich ruhenden Zurückhaltung.

Oliver Kaever

Der Alkoholliebhaber Marty ist Drehbuchautor in Los Angeles. Er hat sich eine Arbeit vorgenommen, doch außer dem Titel steht noch nichts auf dem Papier. Immerhin weiß er den Titel schon: „Sieben Psychopathen“ soll der daraus entstehende Film später einmal heißen.

Mehr Phantasie hat sein Freund Billy. Der macht Vorschläge noch und noch, die zum Teil wirklichen Geschehnissen entsprechen und zum Teil Hirngespinste sind. Zum Beispiel die Psychopathengeschichte vom Quäker, der den Killer seiner Tochter tötet. Oder die Story des Vietcong-Soldaten, der die amerikanischen Schlächter seiner Familie umbringt. Oder das Pärchen, das im Lande herumreist und Menschen tötet, die bereits andere getötet haben. Schließlich der Richter mit den gefangenen und toten Mädchen im Keller. So geht es munter weiter. So hat es übrigens auch angefangen: Mit den beiden Mafia-Auftragskillern, die am Highway auf eine Frau warten, welche sterben müsste, die aber dann durch einen maskierten Schützen beide selbst das Zeitliche segnen.

Marty wird von seiner Freundin Kaya verlassen, also schließt er sich Hans und Billy an, die ein ganz besonderes Geschäft betreiben: Sie stehlen kostbare Hunde, bringen sie dann heuchlerisch als gefunden an die Besitzer zurück und kassieren gute Belohnungen, von denen sie sogar leben können.

Allerdings geraten sie auch an den Schoßhund des Gangsters Charlie, und den hätten sie besser nicht gestohlen. Denn der wird mit seinen Helfershelfern alles, aber auch alles daran setzen, seinen Shih Tzu wieder zu bekommen.

Diese letztgenannte Story ist denn auch der Haupthandlungsstrang des Films, in den eine ganze Menge anderer verwoben sind und gar hineinwuchern. Denn rein dramaturgisch geht es nicht sehr ordentlich zu. Man muss schon höllisch aufpassen, um die vielen verschiedenen „Massaker“ zu begreifen.

Aber: Die Einfälle und Dialoge sind häufig und witzig („Gott hat den Verstand verloren“). Letzten Endes ist bei alledem von dem „Brügge sehen und sterben“-Regisseur ein Heidenspaß herausgekommen, eine Parodie auf Hollywoods Killerspektakel, eine Groteske, bei der man sich köstlich amüsiert.

Christopher Walken spielt eindrucksvoll den Hans, der vom Hundediebstahl zum Glauben überwechselt. Colin Farrell ist der sich in einer Schaffenskrise befindende Autor Marty, der doch noch sein Drehbuch zusammenbringt. Sam Rockwell fungiert als witziger Ideengeber Billy, und Woody Harrelson gibt den schmierigen eiskalten Gangster Charlie. Nicht zu vergessen Tom Waits und (den Quäker) Harry Dean Stanton.

Frauen gibt es auch (Amanda Warren, Abbie Cornish, Gabourey Sidibe, Linda Bright Clay und Olga Kurylenko). Doch sie haben erstaunlicherweise nur kleine Rollen.

Thomas Engel