A Big Bold Beautiful Journey

In den letzten Jahren, die von Superheldenfilmen und Remakes geprägt waren, kam ein Genre, das einst ein Markenzeichen Hollywoods war viel zu kurz: Die Romanze. Vor kurzem war „The Materialists“ ein erster Versuch eines modernen Liebesfilms, nun folgt „A Big Bold Beautiful Journey“ vom Regisseur namens Kogonada, der seine beiden Stars Margot Robbie und Colin Farrell auf einem schwierigen, magischen Weg begleitet, bis sie sich aufeinander einlassen.

 

Über den Film

Originaltitel

A Big Bold Beautiful Journey

Deutscher Titel

A Big Bold Beautiful Journey

Produktionsland

USA

Filmdauer

108 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Kogonada

Verleih

Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Starttermin

02.10.2025

 

Wo sonst als auf einer Hochzeit treffen sich David (Colin Farrell) und Sarah (Margot Robbie), sie sehen sich an – und sind, nein, nicht hin und weg, aber zumindest voneinander angezogen. Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, denn beide sind nicht mehr jung, beide wissen, was ein sich aufeinander einlassen können bedeutet, beide wissen vor allem, wie sie jeweils ticken.

„Ich bin allein und war noch nie so glücklich“ hatte David gleich in der ersten Szene am Telefon zu seinen Eltern gesagt, aber auch versprochen, dass er offen für neue Erfahrungen sei. Einen Moment später fand er sein Auto mit einer Parkkrake blockiert, aber zufällig (oder auch nicht) wies ihn ein Plakat zu einer Autovermietung. Die wirkte zwar etwas seltsam, als Leihwagen gab es auch nur eher baufällige Modelle aus den 90er Jahren, aber immerhin mit GPS. Auch das zu mieten wird David dringend ans Herz gelegt und das GPS stellt sich bald auch als besonders heraus: „Willst du auf eine große, gewagte, wunderbare Reise gehen“ fragt die sanfte Stimme David, der nach einem Moment des Zögerns und noch mit einer gewissen Skepsis zusagt.

Auch Sarah folgte der Stimme und so finden sich die Beiden am nächsten Tag im selben Schnellimbiss wieder und die Reise kann beginnen. Die erste Station, zu der das GPS Sarah und David führt, ist ein Wald, in dem eine Tür steht. Nur eine Tür, nicht mehr, doch als David sie öffnet, öffnet sich ein Durchgang zu einem Ort, der ihm viel bedeutet hat.

Und so geht es weiter, immer neue Türen öffnen Sarah und David, betreten Orte der jeweiligen Vergangenheit, zunächst als quasi unsichtbare Beobachter. Bald jedoch beginnen David und Sarah mit Figuren aus der eigenen Vergangenheit zu kommunizieren, nehmen teilweise die Rolle ihres jüngeren Ichs ein, schließlich auch die des eigenen Vaters – und werden mit all dem konfrontiert, was sie zu dem gemacht hat, der sie heute sind.

Romanzen haben ein eindeutiges, fast nie überraschendes Ende, die zwei Menschen, die sich am Anfang kennenlernen, werden am Ende zusammen sein, was der Zuschauer weiß, die beiden füreinander Bestimmten aber im Lauf des Films immer wieder anzweifeln. So ging es Harry und Sally, Star und Buchhändler in „Notting Hill“ und den Figuren in unzähligen anderen Filmen. Mit dem Wissen um die Strukturen des Genres spielt auch Kogonada, ein Regisseur, der mit klugen, filmkritischen Webvideos bekannt wurde und mit „Colombus“ und „After Yang“ auf den Regiestuhl wechselte. Mit „A Big Bold Beautiful Journey“ verfilmte er zum ersten Mal ein fremdes Drehbuch, doch was sich der Autor Seth Reiss hier ausgedacht hat, passt perfekt zu Kogonadas Sensibilität.

Manchmal wirkt es zwar etwas süßlich, wenn ein weiterer sanft-melancholischer Indie-Song das Geschehen untermalt und es einmal mehr malerisch regnet, das Licht sich perfekt in den Tropfen bricht und alles noch unwirklicher wirkt. Aber das ist genau der Punkt, denn um Realismus geht es hier nicht. Auf einer magischen Reise begleitet der Film zwei nur scheinbar glückliche Menschen, die viel Ballast mit sich herumtragen. Die Türen, durch die sie nun in ihre Vergangenheit blicken können, mal als passive Beobachter, aber immer öfter als aktive Teilnehmer, lassen den Film zu einer Art Therapiesitzung werden: All das, was sonst meist erst im Verlauf einer Beziehung zum Vorschein kommt, all das, was anfangs aus oft gutem Grund gerne verheimlicht wird, kommt auf den Tisch, bevor die sich bald Liebenden sich aufeinander einlassen.

Nicht einfach aus bloßer physischer, aber oft auch eher oberflächlicher Anziehung finden David und Sarah zusammen, sondern erst, nachdem sie sich komplett, mit all ihren Schwächen und unangenehmen Erinnerungen geöffnet haben, nicht nur vor dem Gegenüber, sondern vor allem auch vor sich selbst.

Ein moderner, sehr erwachsener Liebesfilm, der es schafft den klassischen Hollywoodkitsch gleichzeitig zu hinterfragen, sich ihm aber doch ganz hinzugeben.

 

Michael Meyns

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.