A Fábrica de Nada

Einige Fabrikarbeiter erfahren, dass die Produktion verlagert werden soll und sie kurz vor der Arbeitslosigkeit stehen. Prompt entscheiden sie sich zu einem radikalen Schritt: Sie besetzen ihre Arbeitsstätte und nehmen den Kampf gegen die Geschäftsführung auf. Die portugiesische Produktion „Fábrica de Nada“ ist ein ungewöhnlicher Mix aus Drama, Komödie, Musical und bissiger Systemkritik. Der Zuschauer benötigt bei fast drei Stunden Laufzeit Geduld und ordentlich Sitzfleisch. Bringt er dies mit, wird er allerdings mit einem klugen, ungeschönten Film belohnt, der wichtige gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen aufwirft.

Webseite: grandfilm.de

Portugal 2017
Regie: Pedro Pinho
Drehbuch: João Matos, Leonor Noivo, Pedro Pinho u.a.
Darsteller: José Smith Vargas, Carla Galvão, Njamy Sebastião, . Bichana Martins, Daniele Incalcaterra, 
Länge: 177 Minuten
Kinostart: 18. Oktober 2018
Verleih: Grandfilm

FILMKRITIK:

Portugal leidet unter einer Wirtschaftskrise, entsprechend schlecht sind die Auftragslagen in vielen Betrieben. So auch für eine Aufzugfabrik bei Lissabon, deren Angestellte eines Nachts eine erschreckende Entdeckung machen: Ihre eigenen Chefs organisieren den Diebstahl der Fabrikmaschinen. Die Arbeiter realisieren, dass die Schließung der Fabrik droht. Und tatsächlich spricht die Chefetage kurz darauf von geplanten Standortverlegungen. Doch so leicht lassen sich die Mitarbeiter nicht vertreiben. Nachdem die Verwaltung die Fabrik verlassen hat, bleiben sie als letzte am Standort zurück. Und versuchen, die Fabrik als Kollektiv am Leben zu erhalten.

„Fábrica de Nada“ ist der erste abendfüllende Spielfilm von Pedro Pinho, der bislang überwiegend Dokus realisierte und auch als Kameramann tätig ist. Der in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon gedrehte Genre-Mix wurde 2017 auf dem Filmfest von Cannes mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet. Pinho verpflichtete ausschließlich Laiendarsteller, die früher tatsächlich in einer Fabrik gearbeitet haben und ihre Rollen deshalb realistisch spielen konnten.

Die negativen Auswirkungen von Globalisierung, Strukturwandel und Kapitalismus – das sind die Kernthemen, mit denen sich Pinho kritisch und reflektiert auseinandersetzt. Und das in einem Land, das zu den ärmsten in der EU zählt. Zwar erlebte die portugiesische Wirtschaft Anfang des Jahres einen unerwarteten Aufschwung. Zur Zeit der Dreharbeiten aber galt das südeuropäische Land – wie bereits seit vielen Jahren – als das  große Sorgenkind Europas. Die Botschaft von „Fábrica de Nada“ ist klar: Die Globalisierung mit der Öffnung der Märkte und ihren wichtigsten Zielen sind der Ursprung allen Übels. Diese Ziele sind vor allem wirtschaftlicher Aufstieg, höhere Effektivität und Gewinnmaximierung. In „Fábrica de Nada“ will die Chefetage der Firma genau das erreichen. Auf Kosten der Belegschaft, die in persönlichen Gesprächen mit einem Abfindungsangebot abgespeist wird.

Um die negative Stimmung unter den Mitarbeitern für den Zuschauer sichtbar zu machen, nutzt Pinho eine triste, von dunklen Tönen bestimmte Bildsprache. Die Aufnahmen wirken trüb und könnten in ihrer gelegentlichen Unschärfe, körnigen Optik und mitunter fehlenden Farbgebung fast einer Dokumentationen aus den 70er- oder 80er-Jahren entstammen. Sobald die Mitarbeiter allein in der Fabrik sind, spielen sich zudem bizarre, fast surreale Szenen ab. Da die Maschinen aufgrund des Streits mit den Vorgesetzten und der unsicheren Zukunft still stehen, müssen sich die Fabrikarbeiter irgendwie die Zeit vertreiben: Zwischen den riesigen Industrieanlagen und Gerätschaften spielen sie also Fußball, werfen mit Münzen durch die Gegend, sitzen still schweigend auf ihren Stühlen oder laufen gedankenverloren umher. Hier schleichen sich bewusste Momente unfreiwilliger Komik ein.

Beim Betrachten von „Fábrica de Nada“ ist Ausdauer gefragt, denn Pinho erzählt seinen Film sehr langsam und zeigt unter anderem jene Monotonie in der Fabrik sehr ausgiebig und in starren, langen Einstellungen. Die Langsamkeit zieht sich dabei durch den kompletten, episch anmutenden Film. Zwischendurch bedient sich Pinho zudem unkonventioneller Stilmittel und Ausdrucksformen. Etwa wenn zwischendurch eingestreute Off-Kommentare über die Hintergründe und Zusammenhänge von Kapitalismus und Wirtschaft aufklären. Oder den Wert menschlicher Arbeit erläutern.

Zu einem unerwarteten Bruch in Inszenierung und Stimmung kommt es, wenn die Fabrikarbeiter anfangen zu singen und zu eingängigen Popsongs einstudierte Tänze aufführen. Dann wird das aus dem globalisierungskritischen Drama ganz plötzlich ein beschwingtes Musical.

Björn Schneider