A Touch of Sin

Jia Zhangke gehört seit dem Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig mit „Still Life“ zu den bekanntesten chinesischen Regisseuren im Westen. Inzwischen hat er sich auch zuhause vom illegalen Underground-Filmer zum etablierten Künstler entwickelt. Mit Kritik an den sozialen Verhältnissen in seiner Heimat hält er deswegen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil: „A Touch Of Sin“ verquickt virtuos ein düsteres Sozialdrama mit den blutigen Exzessen des Wuxia-Genres.

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Originaltitel: Tian zhu ding
China/Japan 2013
Buch und Regie: Jia Zhangke
Darsteller: Zhao Tao, Jiang Wu, Wang Baoquiang, Luo Lanshan
Kamera: Yu Lik Wai
Länge: 130 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 16. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Minenarbeiter Dahei (Jiang Wu) gibt keine Ruhe. Er will wissen, wie genau der Besitzer zu seinem Reichtum gekommen ist, warum er mit Privatjet durch die Gegend fliegen und Maserati durch die Straßen der ärmlichen Provinzstadt heizen kann, während seine Arbeiter am Hungertuch nagen. Aber anstatt gehört zu werden, macht Dahei Bekanntschaft mit einem Schlägertrupp und landet im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung schnappt er sich sein Gewehr. Wanderarbeiter Zhou San (Wang Baoquiang) kehrt nach langer Abwesenheit wieder nach Hause zurück. Er hat sich von seiner Frau und seinem Sohn entfremdet, auch zu seinen beiden Brüdern besteht kein enger Kontakt mehr. Zhou San lungert herum und wartet auf einen neuen Job. Fragen seiner Frau, woher das Geld stammt, das er mitgebracht hat, weicht er aus. Sie ahnt nicht, das ihr Mann seinen nächsten Überfall plant. Xiao Yu (Zhao Tao) arbeitet als Rezeptionistin in einer Sauna, die auch als Bordell fungiert. Als zwei reiche Gäste sie zum Sex zwingen wollen, wehrt sie sich mit einem Messer. Der jugendliche Xao Hui (Luo Lanshan) verliert seinen Job in einer Kleiderfabrik. In einem Nachtclub im Süden findet er eine neue Anstellung im Service. Hier erlebt er Orgien, die für die Reichen veranstaltet werden und verliebt sich unglücklich in einen Kollegin.

Um den immensen Druck zu zeigen, den die rasante Transformation Chinas auf den Einzelnen ausübt, nahm Jia für sein Drehbuch vier reale Mordfälle zum Anlass, die in den Medien Beachtung fanden, und fiktionalisierte diese. Sein Film gleicht einer Reise durch das Riesenland von Nord nach Süd. Aber die Kälte, die Verzweiflung und die innere Leere, der der Zuschauer dabei begegnet, bleibt gleich. Überall sorgen die ungeheuren sozialen Unterschiede für eine profunde Hilflosigkeit. In Jias Film erscheint es unmöglich, dass der Einzelne sich gegen die Verhältnisse stemmen kann. Was den Protagonisten bleibt, sind Akte der Gewalt gegen andere und sich selbst.

Während sich Chinas größter Regisseur Zhang Yimou nach seinem letzten gesellschaftskritischen Film „Happy Times“ von 2001 mit der politischen Führung des Landes gemein macht und in eskapistische Monumentaldramen flüchtet, ist es die Generation der Filmemacher um Jia Zhangke und Zhan Yuan, die den Weg Chinas in den Turbokapitalismus begleitet und kommentiert. Es mag immerhin als Fortschritt gelten, dass Jia „A Touch Of Sin“ trotz seiner Bitterkeit und deutlichen Anklage mit Unterstützung des Staates drehen konnte. Der Film passierte auch problemlos die Zensurbehörde. Dabei spannt Jia ein erschreckendes, virtuos inszeniertes Panorama auf. Auf der Bildebene eher dem Realismus verpflichtet und scheinbar schmucklos mit Handkamera gefilmt, entwickelt der Film doch eine hypnotische, beinahe surreale Überhöhung. Die Industrieruinen des modernen China kontrastiert Jia mit der langen kulturellen Geschichte des Landes in Form von Peking-Opern. Aber die Geschichten von Rache und Mord, die schon damals erzählt wurden, sie wiederholen sich bis heute. Der Mensch bleibt ein gewalttätiges Wesen, seinem Mitmenschen gegenüber genauso wie der Umwelt und Tieren. Ein Bauer prügelt sein vor einen Karren gespanntes Pferd fast zu Tode, auf einem LKW sind traurig dreinblickende Ochsen eingepfercht. Und für manchen bedeutet Selbstmord den einzigen Ausweg aus diesem Wahnsinn. „A Touch Of Sin“ ist keine Kino-Kost, die für gute Laune sorgt, aber ein ergreifend düsteres Kunstwerk.

Oliver Kaever