A World Not Ours (Aalam Laysa Lana)

Alltag in einem Flüchtlingslager – schon die Wortzusammenstellung sorgt für Unbehagen. Kann es in einem Lager überhaupt einen Alltag geben? Der in London lebende Regisseur  Mahdi Fleifel wagt eine sehr persönliche und offene Annäherung. Er dokumentiert das Leben seiner Familie in Ain el-Helweh, in jenem palästinensischen Flüchtlingslager, das 1948 im Südwesten des Libanon eingerichtet wurde. Ihm gelingt es sogar, der deprimierenden Situation humorvolle Momente abzugewinnen. Sein aufschlussreiches und bestürzendes Porträt erhielt im letzten Jahre dutzende Auszeichnungen auf Filmfestivals rund um die Welt. Darunter den Friedenspreis auf dem Panorama der Berlinale und den Großen Preis der Jury auf dem New Yorker Dokumentarfilmfestival.

Webseite: www.mecfilm.de

GB/ LB / UAE 2012
Regie, Buch und Kamera: Mahdi Fleifel
Musik: Jon Opstad
Verleih: Mec Film
Länge: 92 Min., Arabisch/englisch mit deutschen Untertiteln
Kinostart: 18. September 2014
 

FILMKRITIK:

Schon der Vater war filmverrückt. Wackelige Videoeinspielungen aus den 1980er Jahren zeigen die Familie in Dubai und Dänemark. Als Kind ging Mahdi Fleifel leidenschaftlich gern ins Kino, sah mehrere Actionfilme hintereinander. Kein Wunder, dass er schon früh zur Kamera griff, um seine Ferien an dem Ort, an dem keiner seiner dänischen Klassenkameraden jemals Urlaub machen wollte, zu filmen. Für Fleifel aber war als Kind das Flüchtlingslager Ain el-Helweh „besser als Disneyland“. Er tritt ein wie ein Besucher und filmt mit der Handkamera die Begeisterung bei der Fußballweltmeisterschaft. „Plötzlich hatten die Flüchtlinge eine Identität. Jetzt waren sie Italiener, Deutsche und Brasilianer“.
 
Nicht nur dank der unbekümmerten Erzählerstimme aus dem Off, untermalt mit den gemütlichen Jazzklängen von Benny Goodman und Roy Eldrigde, glaubt man sich in einem Woody-Allen-Film. Der schrullige Großvater zetert permanent, Kinder spielen Fussball auf der Straße, gestritten und palavert wird auch jenseits der Kamera. Zu lapidaren Kommentaren wie: „Die Leute hängen rum und schlagen die Zeit tot“ zeigt Fleifel, wie Kinder mit Waffen spielen und seine Freunde Schießübungen machen.
 
Ain el-Helweh heißt übersetzt „schöne süße Quelle“. Der Name könnte kaum unpassender sein.
Die Palästinenser sind im Libanon von vielen Berufen ausgeschlossen, über 50 Prozent arbeitslos. Die Situation in dem Lager, in das nach den Dreharbeiten aufgrund des Krieges in Syrien weitere 20.000 Flüchtlinge aus dem Lager von Damaskus hinzukamen, ist laut UN katastrophal.
 
In diesem persönlichen Porträt werden die Flüchtlinge zu Figuren. Fleifel konzentriert sich auf drei Männer aus drei Generationen.  Zum einen ist da sein konsequent verschrobener Großvater, der seit über 60 Jahren im Lager lebt und weiter auf eine Rückkehr hofft. Dann sein Onkel Said, mit dem er früher immer ins Kino ging. Er galt einmal als kühner Held, der Stillstand machte ihn immer mürrischer, für manche ist er jetzt der Dorftrottel, er züchtet Hühner und Tauben. Im Zentrum steht Fleifels alter Freund Bassam, der sich selbst Abu Iyad nennt und der der Fatah nur wegen der Unterhaltszahlungen noch angehört. Von den palästinensischen Revolutionären fühlt er sich verraten, er nennt sie „Halunken“: „Wir haben uns selbst fertig gemacht.“  Er will weit weg: „Kein Job, keine Zukunft, keine Bildung, kein Nix. Eines Tages jage ich mich hoch.“ Schimpfend sortiert er alte Schriften und Bücher aus, auch ein Buch des palästinensischen Autors und Aktivisten Ghassan Kanafani, das dem Film den Titel gab: „A World not Ours“. Durch die Anwesenheit des Jugendfreundes wird Bassam die eigene Perspektivlosigkeit noch schmerzlicher bewusst.
 
Fleifel kann das Lager betreten und verlassen, wann er will. Er wurde in Dubai geboren, ein Teil seiner Kindheit verlebte er im Flüchtlingslager, er wuchs vor allem in Dänemark auf und studierte später in London. Hier begibt er sich auf eine Gratwanderung. „Ich fragte mich, ob ich mit meinen Fragen alles schlimmer gemacht hatte.“ Seine Dokumentation ist zugleich subjektiv und distanziert, ironisch und melancholisch, drastisch und enthüllend. Es ist jedoch schade, dass keine Frauen zu Wort kommen.
 
Dorothee Tackmann