Praia do Futuro

Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz lebt abwechselnd in São Paulo und Berlin. Das Pendeln zwischen den Städten und Kulturen hat er nun zum Thema seines neuen Films gemacht, der im Wettbewerb der Berlinale 2014 lief. Wagner Moura und Clemens Schick spielen zwei junge Männer, die sich durch einen tragischen Unfall verlieben und den Mut haben, in das Unbekannte aufzubrechen. Der Film ist eine unerwartete, berauschend gefilmte brasilianisch-deutsche Kulturmelange.

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Brasilien/Deutschland 2013
Regie: Karim Aïnouz
Buch: Felipe Bragança, Karim Aïnouz
Darsteller: Wagner Moura, Clemens Schick, Jesuita Barbosa, Savio Ygor Ramos, Sophie Charlotte Conrad
Länge: 106 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 2. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Der Praia do Futuro in der brasilianischen Stadt Fortaleza lockt mit endlosem Sandstrand und rauschenden Wogen. Doch der Salzgehalt der Luft zerfrisst die Häuser, und das Meer ist tückisch. Hier ertrinkt der beste Freund des deutschen Ex-Soldaten Konrad (Clemens Schick). Zum ersten Mal verliert Rettungsschwimmer Donato (Wagner Moura) ein Unglücksopfer. Die beiden traumatisierten Männer finden zueinander und verlieben sich. Konrad nimmt Donato mit nach Berlin. In der kalten Stadt findet der Brasilianer sich zunächst nicht zurecht. Jahre später sucht ihn sein Bruder Ayrton, den Donato zurückließ. Er will wissen, warum sein Vorbild sich ohne ein Wort in ein fremdes, kaltes Land absetzte.
 
Wären die Protagonisten heterosexuell und der Beginn der Geschichte nicht so dramatisch aufgeladen – sie könnte fast Stoff für eine seichte Culture-Clash-Komödie abgeben. Aber Karim Aïnouz’ Film drängt in einer gänzlich andere Richtung. Jenseits von Zuckerhut- und Kreuzberg-Klischees zielt er auf Fragen nach der menschlichen Natur. Dabei arbeitet Aïnouz stilistisch durchaus stark mit den Merkmalen der jeweiligen Schauplätze.
 
In Brasilien etwa drehte er mit einer intensiven Farbpalette auf 35mm, nicht digital. Die starken Grün- und  Blautöne kontrastieren mit dem tristen Grau, das im Berliner Herbst und Winter herrscht. Aber Aïnouz unterminiert diese Bilder. Praia do Futuro ist kein tropischer Traumstrand, sondern von einer eher rauen, auch unnachgiebigen und fast menschenfeindlichen Schönheit. Berlin dagegen scheint trotz der gedeckten Farben und der Kälte voller Versprechen und Verlockungen.
 
Letztlich dienen die Schauplätze dazu, den Figuren auf die Spur zu kommen. Und das gelingt tatsächlich am ehesten durch die Umgebung, durch die sie sich bewegen. Denn Aïnouz belässt seinen Protagonisten ihr Geheimnis. Nichts ist zu erfahren zu den Beweggründen, die Donato dazu veranlassen, trotz seines Heimwehs Berlin nicht wieder Richtung Sonne zu verlassen. Aïnouz psychologisiert nicht, und ihn interessiert weniger, warum seine Protagonisten etwas tun, sondern dass sie es tun.
 
„Praia do Futuro“ ist eine Geschichte über den Mut, sich ins Offene zu wagen. Aber auch eine Geschichte über die Opfer, die dieser Mut verlangt. In seinem Ton schwankt er zwischen Melancholie, Hysterie und durchaus auch Verzweiflung, tendiert aber zu einem vorsichtigen Optimismus. Vor allem das traumwandlerische Finale gerät zu einem formal und erzählerisch äußerst dicht gewebten narrativen Teppich. Drei Menschen stehen da an einem Strand, einem völlig anderen als dem Praia do Futuro. St.Peter-Ording im Winter, das bedeutet Nebel und Kälte. Vielleicht kein Ort, den ein Brasilianer lieben könnte, glaubt man. Aber Karim Aïnouz gewinnt diesem Strand eine magische Schönheit ab, die mehr ist als eine Touristenattraktion. Die Sicht ist beschränkt. Aber bevor die Gestalten sich im Nebel verlieren, hat man das Gefühl, dass sie in eine spannende Zukunft blicken.
 
Oliver Kaever