Aaltra

Lakonisch-freche Roadmovie-Komödie um zwei Rollstuhlfahrer, die sich von Nordfrankreich auf den langen Weg nach Finnland machen, um dem Hersteller eines Traktors zu belangen, dem sie ihre Behinderung verdanken.

Webseite: www.aaltra.de

Frankreich/Belgien 2004.
Regie: Benoit Delepine, Gustave Kevern.
Mit Benoit Delepine, Gustave Kevern, Aki Kaurismäki.
92 Min. Französisch mit deutschen Untertiteln.
Verleih: Weltecho
Kinostart: 4.5.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein ungewöhnliches Roadmovie auf zweimal zwei Rädern… Eine herrlich böse Komödie… Erstaunlich, wie zielsicher die Filmemacher menschliche Eitelkeiten aufs Korn nehmen und trotzdem überzeugend vom Optimismus erzählen, der selbst in dunklen Lebenszeiten ein Motor ist. Aki Kaurismäkis verschmitzter Gastauftritt schließlich dürfte dann auch die letzten Skeptiker im Publikum von der aufrichtigen Geschichte unter dem Mantel des schwarzen Humors überzeugen.
Filmecho

In "Aaltra" entwickeln sich die beiden Neu-Rollstuhlfahrer in kürzester Zeit zu rasenden Outlaws, deren anarchische Aktionen zum Spiegel für eine Gesellschaft werden, die sich bloß vorgenommen hat, liberal und aufgeklärt zu sein. – Sehenswert!
Tip Berlin

Eine sardonische Komödie… Ohne Mitleid, aber voller Respekt folgt der Film seinen Helden auf ihrem transkontinentalen Hindernisparcours und beschreibt mit unwiderstehlichem Aberwitz, wie sie sich skrupellos, doch sehr phantasievoll durchschlagen, indem sie den Gesunden Beine machen.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Zwei in der Bewegung eingeschränkte Männer rollen langsam, aber beharrlich durch eine beschränkte Welt: Das tiefschwarze, politisch ganz und gar unkorrekte Rollstuhl-Roadmovie von und mit Benoît Delépine und Gustave Kevern, den beiden populären Stand-up-Comedians aus dem französischen Fernsehen, variiert Becketts absurdes Theater stilvollendet.  Die zwei verfeindeten Nachbarn, die in ihren Rollstühlen von Frankreich aus 3000 Kilometer nach Finnland per Anhalter (!) fahren und die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen skrupellos ausnutzen, walzen in ihrem Anti-Drama alle Mitleidklischees über den Haufen.

Die Welt ist öde, häßlich und gemein, Farbe hat hier keinen Platz. In körnigen schwarz-weißen Bildern lassen mürrische Menschen stumm und angewidert den alltäglichen Mist des Beieinanders und der Arbeit über sich ergehen. Ein kleiner namenloser Angestellter (Benoît Delépine) leidet nicht nur unter seinem Chef, der ihn per Videokonferenz im heimatlichen Bauernhof heimsucht, sondern auch unter seiner Frau, die ihn im eigenen Haus betrügt, vor allem aber unter seinem boshaften Nachbarn, einem Landarbeiter (Gustave Kevern), der gerne die Straße mit seinem Mähdrescher versperrt. Als der Angestellte deshalb einen Termin verpasst, wird er handgreiflich. Bei der Rangelei geraten beide unter einen defekten Mähdrescher und enden in Rollstühlen. Nach missglückten Selbstmordversuchen finden sie sich unverhofft wieder zusammen, denn beide wollen den finnischen Hersteller des Mähdreschers, die Firma „Aaltra“ verklagen. 3000 Kilometer sind bis dahin zurückzulegen.

Zeit genug also, um ihren mitleidigen Mitmenschen den Garaus zu machen. Sie betteln aggressiv und ziehen die Leute aufs Straßenpflaster. „Ich möchte den Leuten in den Arsch treten, klar?“, sagt der Landarbeiter. Bei einem Motocrossrennen stutzt der Angestellte einen Mann vor seinem kleinen Sohn zurecht. Der junge Vater reagiert unwirsch: „Hör mal, weil du Krüppel bist, heißt das nicht, dass du dein Maul aufreißen kannst. Sei froh, dass mein Sohn dabei ist. Komm Kleiner, gehen wir, wir können ja gehen, jederzeit.“ Natürlich gibt es auch die endlos gutmütigen Familien,  denen sie die Kühlschränke leerfressen oder von denen sie sich  im Wohnmobil ans Meer karren lassen. Dort trinken sie dann eine Flasche geklauten Schnapses leer, schlafen ein und werden von  der Flut überrascht, bis ihnen Wasser zum Halse steht. Wieder eine perfekte Bildkomposition.

Oft stehen die zwei sperrig und vorwurfsvoll in der Gegend herum wie die Mülltonnenbewohner Nagg und Nell aus Becketts „Endspiel“. Mal okkupieren sie Parkplätze, dann nehmen sie eine Serpentinenstraße oder  eine Verkehrskreisel für sich ein.
Alles ist eine Zumutung für sie, und das darf ihre Umgebung keinen Moment lang vergessen. Natürlich ernten sie auch wüste Beschimpfungen und werden von den gebeutelten Hilfsbereiten an der Straße oder im Wald abgeladen: „Ich will euch nie wieder sehen, nie wieder!“ Die Überraschung, die die beiden dann an ihrem Ziel in Finnland erleben, bringt ihre Welt endgültig in ein absurdes Lot.

Benoît Delépine und Gustave Kerverin beweisen in ihrem Langfilmdebüt  Eigenwillen und Stilsicherheit. Mit ihren großen Portionen an  Skurrilität, Lakonie und Zynismus landen sie trotzdem nicht in den Kielgewässern von Almodóvar, Tarantino oder von Trier. Viele Szenen entstanden mit versteckter Kamera, vieles wurde vor Ort improvisiert, Unvorhergesehenes einbezogen, Laien trafen auf professionelle Schauspieler. Am Schluss steuert Aki Kaurismäki einen würdigen Kurzauftritt bei.

Dorothee Tackmann