Abbitte

Für Abbitte schnappte sich Stolz und Vorurteil-Regisseur Joe Wright abermals Englands derzeit wohl gefragteste Aktrice Keira Knightley. Die schöne Britin, die mit Kick it Like Beckham ihren Durchbruch feierte und mit den Filmen der Fluch der Karibik-Reihe weltberühmt wurde, darf erneut in einer epischen Liebesgeschichte ihr Können unter Beweis stellen. Abbitte, der in diesem Jahr die Filmfestspiele von Venedig eröffnete, ist einer der gelungensten Vertreter des Gefühlskinos seit langem.

Webseite: www.abbitte-film.de

OT: Atonement
Großbritannien/Frankreich 2007
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Christophe Hampton basierend auf dem Roman von Ian McEwan
Mit Keira Knightley, James McAvoy, Saoirse Ronan, Romola Garai, Brenda Blethyn, Vanessa Redgrave
Laufzeit 130 Minuten
Kinostart: 8.11.2007
Verleih: UPI

PRESSESTIMMEN:

Ein filmischer Wurf voll Kraft und Eigenart, aus der himmlischen Keira Knightley und dem irdischen James McAvoy macht er ein melodramatisches Liebesunglückspaar von großem Kinoformat.
Der Spiegel

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FILMKRITIK:

Abbitte ist die Verfilmung des gleichnamigen, mit Auszeichnungen überhäuften Romans von Ian McEwan und spielt im England der 1930er Jahre. Knightley schlüpft darin in die Rolle der in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsenen Cecilia Tallis. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Briony (Saoirse Ronan/Romola Garai), einer passionierten Schriftstellerin, lebt sie in einer prachtvollen Villa auf dem Land. Davon, dass in weiten Teilen Europas der Faschismus auf dem Vormarsch ist, bekommt sie nichts mit. Die Liebe und nicht Politik beschäftigt Cecilia.

So hegt sie heimliche Gefühle für Robbie (James McAvoy), den Sohn des Hausverwalters, mit dem sie schon bald eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Briony, die unfreiwillig Zeuge dieser erotischen Liaison wird, entwickelt eine Abneigung gegen Robbie, den sie als Bedrohung für sich und ihre Schwester wahrnimmt. Einer griechischen Tragödie nicht unähnlich führt eine Verkettung unglücklicher Umstände schließlich dazu, dass Robbie wegen einer angeblichen Vergewaltigung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Vor allem Brionys Zeugenaussage belastet ihn schwer. Obwohl sie den Täter nicht richtig erkennen konnte, ist sie davon überzeugt, dass Robbie ihre Cousine vergewaltigte.

Abbitte – und das ist nichts Verwerfliches – liefert genau das, was man sich von ihm erwarten durfte: Schauspielerische Glanzleistungen und eine große, tragische Liebesgeschichte vor der Kulisse des Weltkriegsgeschehens. Mit seiner zeitlich verschachtelten Struktur, seinem Vor- und Zurückspringen in der Chronologie der Ereignisse, wartet auch die Erzählstruktur immer wieder mit interessanten Brüchen und Lücken auf, die entweder nachträglich gefüllt oder zu Gänze frei gelassen werden. Obwohl Keira Knightley als das Aushängeschild des Films vermarktet wird, ist es doch die Rolle ihrer Schwester Briony, um die McEwans Roman kreist. Wrights Entscheidung, Briony im Alter von 13 bzw. 18 Jahren von zwei unterschiedlichen Schauspielerinnen darstellen zu lassen, irritiert zunächst, ist aber mit dem Entwicklungssprung während der Pubertät logisch zu begründen. Als Zuschauer bekommen wir die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt, was von Wright geschickt über den Einsatz subjektiver Kameraeinstellungen und eines markanten Musikthemas mit Schreibmaschinenklängen betont wird.

Atmosphärisch und strukturell teilt sich der Film in zwei Segmente auf. Das erste spielt im heißen Sommer das Jahres 1935 auf dem luxuriösen Landsitz der Familie Tallis und umfasst die Ereignisse bis zu Robbies Festnahme. Über diesen schwebt das Gefühl einer diffusen, nicht näher greifbaren Bedrohung, was den Plot anfangs in die Nähe eines Psycho-Thrillers mit unverkennbar erotischen Untertönen rückt. Nachdem Robbie in den Krieg gezogen ist und Briony aus Schuldbewusstsein über ihre falschen Anschuldigungen als Krankenschwester arbeitet, fokussiert sich die Erzählung in erster Linie auf Brionys inneren Zweispalt und ihren Versuch, mit dem, was sie zu verantworten hat, zu Recht zu kommen. Beide Hälften funktionieren erstaunlich gut auch als jeweils eigenständiges Erzählfragment, wobei erst in deren Addition Abbitte seine ganze psychologische Raffinesse und emotionale Wucht entfaltet. Genau so fühlt sich großes Gefühlskino an.

Marcus Wessel

 

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1935. Ein feudaler viktorianischer Landsitz in England. Dort lebt Briony Tallis, ein dreizehnjähriges Mädchen mit einer starken Einbildungskraft, die sie dazu gebracht hat, Theaterstücke zu schreiben. Ihre ältere Schwester Cecilia fällt durch etwas anderes auf. Sie gibt sich selbstbewusst und erscheint manchmal hochmütig. Trotz eines „Standesunterschiedes“ hat sie Gefühle für den Hausmeisterssohn Robbie. Dumm ist nur, dass sich anscheinend auch Briony in den sich immer freundschaftlich verhaltenden und außerdem gut aussehenden Robbie verguckt hat. Als sie beobachtet, wie Cecilia und Robbie miteinander schlafen, kann sie ihre Eifersucht nicht mehr zurückhalten. Sie beschuldigt Robbie eines Verbrechens, das dieser keineswegs begangen hat. Der junge Mann wird festgenommen und zu Gefängnis verurteilt. Die Liebe zwischen Robbie und Cecilia wird zerstört.

1940. Robbie, der aus der Haft entlassen wurde, ist bei der Armee. Er kämpft in Nordfrankreich gegen Hitlers Truppen. Es kommt zur Katastrophe von Dünkirchen. Tausende britischer Soldaten sind am Ärmelkanal auf einem schmalen Küstenstreifen eingeschlossen. Es fehlt an allem. Die zahlreichen Verwundeten leiden. Der Hunger hat sich breit gemacht. Die Soldaten warten darauf, nach England zurückgebracht zu werden. Wird Robbie das überleben?

Briony, inzwischen 18 Jahre alt, ist Krankenschwester. Im Lazarett pflegt sie Verwundete. Cecilia wohnt in London. Doch inzwischen ist der Krieg durch die deutsche Luftwaffe auch in die britische Hauptstadt vorgedrungen. Hat Cecilia da eine Chance? Und werden sie und Robbie jemals noch eine Chance bekommen?

Später. Briony ist alt geworden. Ihr letzter Roman ist eine Geste der Bitte um Vergebung. Doch was nützt das jetzt noch?

Eine Romanverfilmung, vielschichtig angelegt. Sie ist zunächst einmal in der formalen Darstellung attraktiv, jedoch völlig traditionell und konservativ gehalten. Aber sie schildert gleichzeitig menschliche Verhaltensweisen und Probleme, wie sie immer gleich und deshalb auch aktuell geblieben sind. Gezeigt werden sowohl die realen Ereignisse als auch die Abläufe, wie sie hätten geschehen können, wenn Briony sich nicht schuldig gemacht hätte. Das ergibt ein lebendiges Wechsel- und Ratespiel. Stilistisch werden die einzelnen Epochen voneinander abgegrenzt. Lieblich und friedlich scheinend, jedoch unterschwellig dramatisch die Friedensepoche um 1935. Dann reale und harte Bilder in der Kriegszeit um 1940 und wenn es um die tragischen Geschicke der Beteiligten geht.

Eine episch breite und lange, ins Einzelne gehende, jede Hauptperson genau charakterisierende Romanverfilmung, menschlich wie geschichtlich, regiemäßig wie vom Zuschauererleben her nicht uninteressant. Gespielt wird gut. In einer kurzen Rolle als alternde Briony ist sogar Vanessa Redgrave zu sehen.

Thomas Engel